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Maria Peron: Die Krankenschwester der Partisanen

von Leonhard Dihlmann | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Die Krankenschwester Maria Peron war eine der ungewöhnlichsten Personen des italienischen Widerstands während des Zweiten Weltkriegs

Als deutsche Truppen 1943 Norditalien besetzten, schloss sich Maria Peron einem Netzwerk an, das politische Gefangene und jüdische Menschen befreite und ihnen zur Flucht verhalf. Später floh sie in die Berge, baute die medizinische Versorgung für eine Partisanenformation im Piemont auf und rettete vielen Menschen das Leben.

Juni 1944, im italienischen Piemont: Vorsichtig bahnt sich Maria Peron in Begleitung eines Mannes einen Weg durch das Gestrüpp in der hügeligen Landschaft im Norden Italiens. Die beiden gehören den italienischen Partisanen an.

Auf den Straßen zu laufen, wäre zu gefährlich — überall patrouillieren deutsche Soldaten. Auf der Suche nach einem verwundeten Partisanen betreten Peron und ihr Begleiter eine Scheune. Sie finden den gesuchten Widerstandskämpfer in einer Ecke auf einem blutdurchtränkten Leintuch liegend. Er ist kaum noch ansprechbar.

Die Krankenschwester erkennt sofort, dass er operiert werden muss. Im Kerzenschein greift sie zu ihren chirurgischen Instrumenten. Der Mann überlebt.

Maria Peron wurde am 28. März 1915 in einem Dorf in der italienischen Region Padua geboren. Sie absolvierte eine Ausbildung als Krankenschwester und arbeitete ab 1942 als Operationsassistentin in einem Krankenhaus in Mailand.

Mit dem Waffenstillstandsabkommen zwischen Italien, den USA und Großbritannien am 8. September 1943 endete das Bündnis zwischen Italien und Nazi-Deutschland. In der Folge besetzten deutsche Truppen weite Teile Norditaliens.

Die 28-jährige Maria schloss sich dem Widerstand an. Im Mai 1945 erinnerte sie sich: “Kurz nach dem 8. September 1943 hatte ich mich bereits entschieden: Ich wollte an der Seite der Schwächsten stehen. So fand ich mich in einer Untergrundorganisation wieder, die dafür verantwortlich war, Juden und politische Gefangene zu retten, die als falsche Patienten in das Krankenhaus eingeliefert wurden.”

Dafür rieben sich die Gefangenen Tabak unter die Achseln, um kurzzeitig hohes Fieber zu bekommen. Daraufhin ordnete der Gefängnisarzt die Einweisung ins Krankenhaus an. Unterstützt von einem Netzwerk an Nonnen, Ärzten und Krankenpflegerinnen wurden die vermeintlich Kranken danach entweder in die Schweiz gebracht oder sie schlossen sich den italienischen Partisanen an.

Im April 1944 flog das Netzwerk auf. Maria Peron konnte sich im letzten Moment der Festnahme entziehen, indem sie aus dem Fenster des Krankenhauses kletterte. Sie schlug sich bis ins Ossola-Tal nahe des Lago Maggiore durch, wo sie sich als Krankenschwester einer Partisanenformation anschloss, die gegen die deutschen Besatzer kämpfte: “Ich baute bei null beginnend eine medizinische Versorgung auf, die trotz der schwierigen Umstände und der knappen Mittel ein Minimum an Hygiene bot.”

Von Ärzten, Privatpersonen und Geistlichen erhielt sie Medikamente, Verbandsmaterial und chirurgische Instrumente. Als Bäuerin verkleidet, zog Maria durch die Täler und leistete Partisanen und Dorfbewohnern medizinische Hilfe. Mehrfach führte sie zudem chirurgische Eingriffe — bei Kerzenschein und ohne Narkose — durch, die schwerverletzten Kämpfern das Leben retteten.

Um den Widerstand zu brechen, durchkämmten die Deutschen die Region immer wieder. Dabei gingen sie sehr brutal vor: Schätzungsweise bis zu 45.000 italienische Partisanen verloren ihr Leben. Mindestens einmal wurde Maria Peron Zeugin einer Hinrichtung von 15 Widerstandskämpfern. Als gläubige Katholikin weigerte sich Maria, selbst eine Waffe in die Hand zu nehmen. Außerdem bestand sie trotz der Proteste einiger Partisanen darauf, auch verletzte Feinde zu versorgen.

Sie erlebte zudem hautnah die Gründung der “Republik Ossola” mit: Nachdem verschiedene Partisanenverbände die deutschen Besatzungstruppen und ihre italienischen Verbündeten aus der Kleinstadt Domodossola vertrieben hatten, wurde am 10. September 1944 im Ossola-Tal eine freie Republik ausgerufen.

Seit der Machtübernahme Mussolinis war dies der erste Versuch, eine Demokratie auf italienischem Boden zu errichten. Nach 44 Tagen eroberten die deutschen Truppen das Gebiet jedoch zurück.

Unter den vielen Verwundeten, die Maria Peron versorgte, war auch Laurenti Giapparize. Der Georgier war von der deutschen Wehrmacht entführt und zwangsrekrutiert worden. Er war desertiert und hatte sich den Partisanen angeschlossen.

Beide überlebten den Krieg, heirateten im August 1945 und bekamen zwei Kinder. Trotz ihrer umfassenden chirurgischen Erfahrung gab es für sie nach dem Krieg keinen Platz in der Chirurgie. Stattdessen arbeitete sie als Krankenschwester in einer Radiologie. Auf Bitten von medizinisch vernachlässigten Bergbewohnern griff sie jedoch ab und zu noch zu ihren chirurgischen Instrumenten.

Für ihre Arbeit als Krankenschwester bei den Partisanen wurde sie mehrfach ausgezeichnet. Maria Peron starb am 9. November 1976 im Alter von 61 Jahren an den Strahlenschäden, die sie sich während ihrer Arbeit in der Radiologie zugezogen hatte.

Auf die Geschichte von Maria Peron stieß Leonhard Dihlmann durch ein Ehepaar, das in der Region lebt, in der die Krankenschwester damals aktiv war. Wenn Sie auch Themenvorschläge haben, melden Sie sich HIER.

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