Zeitsprung: Visionär, Unternehmer, Politiker und Philanthrop

Der aus Schlesien stammende Apotheker und Unternehmer Oscar Troplowitz baute aus einem Kellerlabor in Hamburg einen der bekanntesten Konsumgüterkonzerne der Welt: Beiersdorf.
Nebenbei war er einer der sozial fortschrittlichsten Arbeitgeber seiner Zeit, saß im Hamburger Parlament und setzte sich als Philanthrop für karitative Zwecke ein.
Hamburg, im Sommer 1890: Der 27-jährige Oscar Troplowitz betritt das Wohnhaus von Paul Beiersdorf. Im Keller seines Hauses betreibt Beiersdorf ein Labor, in dem er mit zehn Angestellten dermatologische Präparate erforscht und herstellt. Doch er will seinen Betrieb verkaufen.
Troplowitz lässt sich die Forschungsansätze von Beiersdorf erklären. Er ist vom Potenzial des kleinen Unternehmens überzeugt: Für 70.000 Mark kauft er den Betrieb. Was noch niemand ahnt: Aus dem kleinen Betrieb im Keller eines Wohnhauses wird innerhalb weniger Jahrzehnte einer der größten Konsumgüterkonzerne der Welt.
Oscar Troplowitz wurde am 18. Januar 1863 im oberschlesischen Gleiwitz geboren. Dem Wunsch seines Vaters entsprechend, studierte er Pharmazie. 1886 schloss er sein Studium ab. 1890 wurde Troplowitz durch eine Annonce in der Pharmaceutischen Zeitung auf das Labor von Paul Carl Beiersdorf in Hamburg aufmerksam, das zum Verkauf stand. Der Pharmazeut Beiersdorf hatte seine Apotheke zu einer kleinen Firma umgebaut, in der er mit einem befreundeten Arzt dermatologische Präparate erforschte und herstellte.
Oscar Troplowitz kaufte Beiersdorfs Betrieb. Finanzielle Unterstützung erhielt er dabei von seinem Onkel Gustav Mankiewicz, dessen Tochter Gertrud er später heiratete.

Nach dem Erwerb begann er, in den Betrieb, den er als “P. Beiersdorf & Co.” weiterführte, zu investieren: Er ließ ein Firmengebäude errichten — auf dem Gelände, auf dem sich das Unternehmen noch heute befindet — und schaffte Maschinen an, um die Produktion der dermatologischen Präparate zu beschleunigen. Zudem stellte Troplowitz führende Chemiker und Dermatologen ein, um die Forschung zu professionalisieren.
In den nächsten Jahren brachte das Unternehmen eine Vielzahl an Produkten auf den Markt, die noch heute weltweit bekannt sind: 1901 kam der medizinische Klebeverband “Leukoplast” auf den Markt, 1909 der Lippenpflegestift “Labello”.
Troplowitz’ Chemiker Isaak Lifschütz erfand den Emulgator Eucerit — eine stabile Öl-Wasser-Verbindung, die die Herstellung einer neuen, geschmeidigen Creme ermöglichte: 1911 kam die schneeweiße “Nivea”, benannt nach dem lateinischen “nix, nivis” für Schnee, auf den Markt.
Oscar Troplowitz gehörte zu den ersten Unternehmern, die öffentliche Reklameflächen, etwa auf Bussen und Hauswänden, nutzten und kreativ gestaltete Anzeigen in Zeitungen schalteten. Früh vermarktete er seine Produkte auch international: Schon 1914 waren viele Beiersdorf-Produkte weltweit erhältlich.
Während das Unternehmen rasant wuchs und bald mehrere hundert Angestellte beschäftigte, war Troplowitz einer der sozial fortschrittlichsten Arbeitgeber seiner Zeit: Er verkürzte die Arbeitszeit seiner Belegschaft von den damals üblichen 60 Wochenstunden auf 48 Stunden, führte bezahlten Urlaub ein und richtete eine Stillstube für Mitarbeiterinnen — eine frühe Form der Kita — ein.
Zudem gründete er 1906 eine firmeneigene Sparkasse, die mindestens ein Prozent bessere Zinsen als öffentliche Banken versprach. Auch politisch engagierte sich Troplowitz: Für die Fraktion Linkes Zentrum saß er zwischen 1904 und 1910 sechs Jahre lang in der Hamburgischen Bürgerschaft, dem Parlament der Hansestadt.

Nebenbei nutzte der Unternehmer seinen Wohlstand, um sich für karitative Zwecke einzusetzen. Er förderte Schulen und soziale Einrichtungen. Auch an der Planung des Hamburger Stadtparks, einer heute knapp 150 Hektar großen Grünanlage im Stadtzentrum, war er maßgeblich beteiligt.
Der Kunstliebhaber Troplowitz war außerdem der erste deutsche Privatsammler im Besitz eines Picasso-Gemäldes. Zum Entsetzen seiner Frau hängte er sich die düstere “Absinthtrinkerin” über den Schreibtisch.
Oscar Troplowitz starb am 27. April 1918 mit nur 55 Jahren an einem Schlaganfall.
Für seine Frau Gertrud war der Tod ein schwerer Schicksalsschlag zu einer denkbar schwierigen Zeit: Der Rohstoffmangel und der Zusammenbruch des internationalen Geschäfts infolge des Ersten Weltkriegs setzten Beiersdorf stark zu.
Als wenige Monate später auch Gertruds Bruder Otto Hanns starb, wurde die kinderlose Gertrud Troplowitz zur Alleininhaberin des Unternehmens. Sie lehnte mehrere Übernahmeangebote ab und es gelang ihr, die langfristige Stabilität der Firma über ihren Tod 1920 hinaus zu sichern.
Heutzutage beschäftigt der DAX-Konzern Beiersdorf weltweit rund 20.000 Angestellte.
Paul Beiersdorf erlebte den Aufstieg des Unternehmens, das seinen Namen trägt, nicht mehr: Nach dem Verkauf seiner Firma an Troplowitz verlor er sein Vermögen durch einen Betrug. 1896 nahm er sich das Leben.





























