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Zeitsprung: Im Kajak von Ulm bis nach Australien

von Leonhard Dihlmann | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

1932 beschloss der 25-jährige Elektriker Oskar Speck, seine Heimat zu verlassen. In einem Kajak paddelte er bis nach Zypern. Doch anstatt, wie geplant, an Land zu gehen, paddelte er immer weiter — bis er nach mehr als sieben Jahren Australien erreichte.

Ulm, im Mai 1932: Oskar Speck steht am Ufer der Donau. Er hat sein Kajak ins Wasser gelassen. Ein letzter prüfender Blick, dann steigt der 25-Jährige in sein Boot und paddelt los.

Niemand — nicht einmal er selbst — weiß, dass dies der Beginn einer jahrelangen Reise ist, auf der er in seinem Kajak mehr als 50.000 Kilometer zurücklegen wird.

Oskar Speck wurde am 4. März 1907 in Altona, heute ein Stadtteil von Hamburg, geboren. Über seine Jugend ist kaum etwas bekannt. Er hatte sechs Geschwister und verließ die Schule mit 14 Jahren. Später führte er einen Elektrobetrieb mit 21 Angestellten. 1932 ging die Firma pleite — eine Nachwirkung der Weltwirtschaftskrise. Weil er keine Zukunft für sich in Deutschland sah, beschloss Speck, das Land zu verlassen.

Er hatte eine waghalsige Idee: Mit einem Kajak wollte der begeisterte Paddler bis nach Zypern fahren, um dort Arbeit in einer Kupfermine zu finden. Kajaks galten damals als beliebtes, kostengünstiges Sportgerät. Speck fand in der Pionier-Faltboot-Werft ein Unternehmen, das sich bereit erklärte, ihm ein Boot für seine Reise zu bauen.

Am 13. Mai 1932 ließ er sein 5,50 m langes und rund 85 Zentimeter breites Kajak in Ulm in die Donau gleiten. Den zweiten Sitz hatte er ausgebaut, um Platz für das Nötigste zu schaffen: ein Segel, etwas Kleidung, einige Karten, einen Kompass und einen Fotoapparat.

In der Tasche hatte er lediglich zehn Reichsmark. Später schrieb er über seine geplante Reise: “Gemessen an vernünftigen Standards war ich verrückt.” Schon in Passau, wenige hundert Kilometer nach dem Start, hatte Oskar Speck sein Geld ausgegeben. Zehn Tage musste er warten, bis ihm seine Schwester Neues schicken konnte.

Dann fuhr er weiter, durch Österreich, Ungarn und Bulgarien auf das Schwarze Meer und weiter auf das Mittelmeer. Im Herbst 1933 erreichte er Zypern.

Doch die Kupferminen interessierten Speck nun nicht mehr. Stattdessen wollte er weiterfahren — und als erster Mensch den Versuch wagen, mit einem Kajak Australien zu erreichen.

Da ihm die Fahrt durch den Suezkanal verweigert wurde, paddelte er zur syrischen Küste. Mit dem Bus ging es weiter durch die Wüste bis zum Euphrat. Den Fluss fuhr er bis zum Persischen Golf hinunter — mit erheblichen Zwischenfällen: Unterwegs wurde er beschossen und erkrankte an Malaria.

Am Persischen Golf angekommen, musste Speck eine sechsmonatige Pause einlegen. Die Krankheit hatte ihn so geschwächt, dass an Weiterfahren nicht zu denken war. Außerdem war sein Kajak kaputt und er musste die Lieferung eines neuen abwarten.

Schließlich setzte er seine Reise in einem neuen Kajak in Richtung Indien fort. Rund anderthalb Jahre brauchte er alleine, um den Subkontinent zu umfahren. Unterwegs nahm er Gelegenheitsjobs an, hielt Vorträge und lebte von der Gastfreundschaft der Einheimischen. Lokale Würdenträger luden Speck zu Empfängen ein und Zeitungen berichteten über seine abenteuerliche Fahrt.

Ende 1936 erreichte Oskar Speck schließlich Indonesien. Während eines Zwischenstopps auf der Insel Lakor wurde er von zwanzig bewaffneten Männern überfallen und schwer verletzt. Im letzten Moment konnte er sich befreien und davon paddeln. Doch die Behandlung seiner erlittenen Verletzungen hielt ihn über ein Jahr lang auf.

Nach dem Überfall erklärten die niederländischen Behörden — Indonesien und Teile Neuguineas standen damals unter niederländischer Kolonialherrschaft —, dass sie seine Sicherheit auf dem direkten Weg nach Australien entlang der Südküste Neuguineas nicht garantieren könnten. So musste er die gesamte Insel nördlich umfahren — ein Umweg von fast 2.500 Kilometern.

Doch Oskar Speck ließ sich auch davon nicht aufhalten: Nach siebeneinhalb Jahren und rund 50.000 zurückgelegten Kilometern erreichte er im September 1939 als erster Mensch Australien im Kajak.

Am Strand von Sabai Island wurde der 32-Jährige von mehreren Polizisten empfangen. Einer schüttelte ihm die Hand: “Wir gratulieren Ihnen zu einer herausragenden Leistung, Herr Speck. Ich bedauere nun, Sie darüber zu informieren, dass Sie unter Arrest stehen.”

Als Teil des britischen Commonwealth befand sich Australien seit wenigen Wochen im Krieg mit Deutschland. Die nächsten sechs Jahre verbrachte Speck in Internierungslagern, bis er 1946 freigelassen wurde. Er blieb in Australien, wurde ein erfolgreicher Opalhändler und baute sich ein Haus in der Nähe von Sydney, auf einer Klippe über dem Meer.

In seine Heimat und zu seiner Familie, zu der er während seiner langen Reise per Brief Kontakt gehalten hatte, kehrte er nur 1970 für einen kurzen Besuch zurück.

Um Oskar Speck und seine abenteuerliche Kajakfahrt rankten sich über die Jahrzehnte viele Gerüchte: Manche sahen in ihm einen Nazi-Spion, obwohl er Deutschland noch vor Hitlers Machtübernahme verlassen hatte. Ebenso falsch war die oft wiederholte Geschichte, wonach er Nichtschwimmer gewesen sei.

Oskar Speck starb am 27. März 1993 im Alter von 86 Jahren.

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