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Porträt

Counselor mit Leib und Seele

Porträt - Counselor mit Leib und Seele
Findet schnell das Vertrauen von Rotarys Austauschschülern: Tannia Frielinghausen © Frank Schoepgens

Tannia Frielinghausen weiß, was es heißt, sich in der Fremde zu behaupten. So findet sie schnell Zugang zu den Austauschschülern der Rotary Clubs.

Matthias Schütt01.01.2019


ZUR PERSON

Tannia E. Frielinghausen wurde 1963 in Guayama auf Puerto Rico geboren. Sie studierte zunächst Ergotherapie und erwarb anschließend ein Bachelor-Diplom in Bürokommunikation an der Universität von Puerto Rico. Seit 2004 lebt sie in Deutschland. Als Autorin ist sie unter dem Namen Tannia E. Ortiz-Lopés bekannt (timewithtannia.com).


Von einer Karibik-Insel ins ­sauerländische Iserlohn ist es ein weiter Weg, vor allem, wenn man noch einen Umweg über die Vereinigten Staaten von Amerika macht. Tannia Frielinghausen, geborene ­Ortiz-Lopés, ist diesen weiten Weg gegangen, hat im Sauerland eine neue Heimat gefunden und stellt seit einigen Jahren ihre interkulturelle Erfahrung in den Dienst Rotarys: Sie ist Counselor im Rotary Club Menden/Sauerland. Das heißt, sie kümmert sich um jeweils einen Austauschschüler, ist Ansprechpartnerin für alle Fragen und Probleme, ist Vertraute, aber auch Respektsperson und nicht selten der Erwachsene in Deutschland, mit dem die jungen Leute den meisten Kontakt haben.

Sie kam selbst als Fremde

Dass sie schnell Zugang zu den Inbounds aus aller Welt findet, die urplötzlich mit dem Alltag in der deutschen Provinz klarkommen müssen, liegt daran, dass Tannia Fremdheitsgefühle besser als andere nachvollziehen kann. Geboren und aufgewachsen in Puerto Rico, zog sie 1988 mit ihrem ersten Ehemann in die USA. In Tennessee arbeitete die Bürofachfrau mit Hochschulabschluss in verschiedenen Jobs. Als die Ehe zerbrach, kümmerte sie sich allein um ihren Sohn Pedro in Nashville.

Dort lernte sie Peter Frielinghausen kennen, der an der Vanderbilt University seine Promotion in Volkswirtschaft vorbereitete. Nach der Eheschließung ließ sich die Familie in Florida nieder, wo Peter im Wertpapierhandel und als Dozent arbeitete und Tannia als Trainerin in einem Callcenter. Bei einem Heimatbesuch im Sauerland kam Frielinghausen mit der erst wenige Jahre alten privaten Fachhochschule BiTS in Iserlohn in Kontakt und ist seitdem dort Professor für Volkswirtschaft. Seit 2004 lebt die Familie mit zwei Söhnen in Iserlohn. Seit 2005 ist Frielinghausen Mitglied im RC Menden.

16 Jahre USA, 14 Jahre Deutschland, da kommt einiges zusammen an Anpassungsdruck an fremde Lebenswelten. Wie sie unter jeweils anderen Anforderungen ihren eigenen Weg gefunden hat, verleiht Tannia eine natürliche Autorität als Counselor. Auch dass ihr Deutsch, ihre dritte Sprache, noch ausbaufähig ist, macht sie für Neuankömmlinge sympathisch. Die Austauschschüler des Clubs jedenfalls fassen schnell Vertrauen zu der 55-Jährigen, die nur so sprüht vor Lebensfreude. So unbekümmert-fröhlich Tannia über Gott, die Welt und sich selbst erzählt, zum Beispiel über ihre Arbeit als Autorin von Büchern und Zeitungsartikeln – wenn es um den Jugendaustausch geht, werden der Ton sachlich und die Aussagen unmissverständlich. Dazu hat sie zu viele Fehler und Versäumnisse erlebt. Auf beiden Seiten – bei den Inbounds, aber auch in Gastfamilien und Clubs.

Der RC Menden hat seit vielen Jahren einen Schwerpunkt im Jugendaustausch. In manchen Jahren wurden bis zu vier Inbounds in dem Club betreut. Nicht für alle wird das Jahr in Deutschland zum rauschenden Erfolg, dazu sind nach Tannias Erfahrungen die Voraussetzungen zu unterschiedlich: „Einige kommen, um sich weiterzuentwickeln, sind neugierig auf neue Erfahrungen. Andere laufen vor einem Problem davon, etwa in der Familie zu Hause. Wieder andere wollen preiswert Europa kennenlernen.“ Und dann gibt es noch die, für die ein Auslandsjahr zur Familientradition gehört.

Entsprechend unterschiedlich ist die Motivation, sich in die fremde Umgebung einzuleben. Als Mutter von zwei Jungen, inzwischen 28 und 22 Jahre alt, kann sie kein Pubertätsproblem schocken. „Mit 15 bis 18 Jahren sind die Inbounds mitten in der Entwicklungsphase, in der es ständig Konflikte mit den Erwachsenen gibt. Deshalb ist es meine wichtigste Aufgabe, zunächst einmal ein Vertrauensverhältnis aufzubauen.“

Fünf Verbote mit „D“

Dafür hat sie einiges investiert: Als sie den Counselor-Job übernahm, schrieb sie sich zu einem B2-Intensiv-Deutschkurs ein, um handlungssicher nach allen Seiten kommunizieren zu können. Laut Handreichung des Distrikts 1900 führt der Counselor den Austauschschüler in die Gastfamilien ein, übernimmt die Vermittlung zwischen Schule, Rotary Club, Gastfamilien und Gemeinde, hilft bei der Anpassung in den Alltag und beim Spracherwerb und achtet insbesondere darauf, dass der oder die Inbound über sexuelle Belästigung und Missbrauch Bescheid weiß.

Für das Verhalten der jungen Leute im Gastland gelten bei Rotary „fünf Ds“, die plakativ die Verbote benennen: „driving, dating (Sex), drinking, drugs und downloading“. Damit ist fast alles gesagt, gelegentlich kommen noch Schule schwänzen oder unerlaubtes Verreisen hinzu. Vergehen gegen diese Regeln führen immer wieder einmal dazu, dass der Austausch abgebrochen werden muss. Nach einschneidenden Erfahrungen gilt im Distrikt 1900 inzwischen eine strikte Null-Toleranz-Politik, „etwa beim Konsum von Drogen, die es hier quasi an jeder Schulhofecke gibt“, wie Tannia weiß. Andererseits legt sie Wert auf eine differenzierte Sichtweise: „Nicht immer sind das mutwillige Regelübertretungen. Manche spiegeln eher die Resignation, die einer gescheiterten Integration in die rotarische Familie folgt.“

Das ist ein heikler Punkt, denn nicht jeder Rotary Club wird seiner Aufgabe als Gastgeber gerecht. Tannia merkte das daran, dass sie von Inbounds auch aus anderen Clubs um Rat und Hilfe gefragt wurde. „Sie wünschen sich, mehr ins Clubleben oder besser noch: in die Familien einbezogen zu werden.“ Besonders gefallen hat ihr eine Idee, die eine Gastschülerin aus Mexiko mitgebracht hat. „Dort war sie jedes Wochenende bei einer anderen Familie aus dem Club zum Besuch mit Übernachtung eingeladen.“

Manche Clubs sind der Auffassung, wenn der Austauschschüler gut untergebracht und das Taschengeld geregelt ist, müsse man sich um ihn nicht weiter kümmern. Ein Vortrag zum Heimatland, eine Einladung zur Weihnachtsfeier und zur Verabschiedung, das sollte doch genügen. Die Erwartung von Rotary ist aber eine andere, wie Mathias Micus, der Dis­trikt-Counselor 1900 betont: „Der Austauschschüler sollte regelmäßig Gast im Club sein. Rotary ist der Gastgeber, nicht die Gastfamilie.“

Autorin mehrerer Bücher

Tannia nennt noch ein zweites Problem.

Nur bei den rotarischen Gastfamilien kann sie sicher sein, dass die Regeln respektiert werden. In den anderen Familien sei nicht immer von nachhaltigem Interesse an der Alltagsgestaltung des Gastes auszugehen. Inbounds sind andererseits ziemlich geschickt darin, sich Freiheiten zu verschaffen, die den Rotary-Regeln entgegenstehen. In diesem Fall allerdings wird aus der lieben Tannia schnell eine resolute Respektsperson, die unmissverständlich klarmacht, wo die rote Linie verläuft.

So erfüllend die Arbeit mit den jungen Leuten ist, sie kostet auch reichlich Kraft. Tannia will deshalb in diesem Jahr etwas kürzertreten, zumal ihre literarischen Projekte viel Zeit erfordern. Seit Jahren ist die Autorin mehrerer Bücher als Mitarbeiterin in Online-Magazinen, als Lektorin für Verlage sowie als Fotografin tätig. Ihr Schwerpunkt sind religiöse Themen. Derzeit arbeitet sie an einer Sammlung von Zeitzeugeninterviews über den Zweiten Weltkrieg und an einem Bilderbuch für Kinder, das in einem australischen Verlag erscheinen soll.

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.