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Peters Lebensart

Forty Shades of Pink

Peters Lebensart - Forty Shades of Pink

Von der Fehlfarbe zur Kultfarbe – Roséwein erfreut das Auge, ist derzeit schwer angesagt und kommt ohne kompliziertes Sommeliers-Latein daher

Peter Peter01.10.2018

Pink Champagne kostet mehr als weißer. Das Lieblingsgetränk britischer Upperclass-Partys der 1930er ist wieder in. Es ist chic geworden, einen aus roten Trauben gekelterten Blanc de Noir im Glase perlen zu lassen. Kenner goutieren mit Zungenschnalzen die Farbpalette der schäumenden Rosés, die vom hellen „Graurosa“ eines „gris“ und lachsfarbenen „Rebhuhnauge“ eines „œil de perdrix“ bis zum satten Rubinschimmer eines länger mitsamt den Schalen auf der Maische belassenen Pinot Noir oder Pinot Meunier reicht.

Der Aufschwung der Roséweine ist ein erstaunliches Phänomen. Es ist nicht lange her, da wurde in deutschen Landen gelästert, Rosé entstünde dadurch, dass der Kellner Rot- und Weißwein zusammenschüttet. Tut der Winzer das vor der Gärung mit den Trauben, reift der seltene Schillerwein, der wegen seines Farbenspiels so getauft wurde – heute in Europa fast nur in der Schweiz, Baden-Württemberg und Slowenien zu finden. Der Begriff „Weißherbst“ klang in vielen Ohren wie ein altfränkisches Märchenwort aus vergangenen Zeiten, sodass sich auch bei uns der französische Terminus Rosé einbürgerte. Denn Provence-Liebhaber berichteten, dass Südfranzosen zur Bouillabaisse einen duftigen, zartrosa schimmernden Bandol oder Cassis entkorken. Zwischen Arles und Orange, zwischen Avignon und Aix schlürfe man Landwein aller Roséschattierungen zu Ratatouille und fenchelgewürzten Doraden. Und an den angesagtesten Stränden von Saint-Tropez und Ramatuelle sei gut gekühlter lokaler Rosé das beliebteste Partygetränk. Dass unsere Supermärkte ebenso günstigen wie kräftigen Rosé d’Anjou anboten, tat ein Übriges, diese Weintypologie fest mit einem französischen Begriff zu verknüpfen.

Denn das Wort Rosé evoziert Sommer oder besonnte Herbsttage, steht für mediterrane Leichtigkeit und Lebensfreude, für ein Glas, das das Auge erfreut und unkompliziert ohne Sommelierslatein geschlürft werden kann. Historisch war Rosé meistens ein einfacherer Bauernwein, der für die heiße Jahreszeit gekeltert wurde, wo Rotweinbomben jeglichen Arbeitselan hätten erschlaffen lassen. Das berühmteste Beispiel ist der trotz seines Namens ziemlich dunkle Clairet aus Bordeaux, der den Briten so mundete, dass sie den Begriff „claret“ fälsch li cherweise auf alle roten Bordeaux’ ausdehnten. Im glühend heißen Apulien, wo Rebsorten wie Negroamaro oder Primitivo oft 15 Prozent Alkohol angärten, behalfen sich die Feldarbeiter mit einem gekühlten Rosato, der 1943 die amerikanischen GIs, die Süditalien „befreiten“, begeisterte: Five Roses aus dem Salento wurde zum ersten italienischen Rosé, der auf Flaschen gezogen wurde – und ein Exportschlager in den USA. Solche leichten, lachsfarbenen Landweine werden noch heute auf Korsika oder Korfu kredenzt. Kult geworden ist ein südsteirischer Bauerntrunk, der mit seiner knackig-sauren Grundnote jeder internationalen Mainstream-Stilistik spottet, aber hervorragend zur Brettljause mit Grammelschmalz und gewiegtem Speck passt. Schilcher wird aus der autochthonen Rebe Blauer Wildbacher gepresst. Sie reift sehr spät, wurde deswegen häufig „frühreif“ gelesen und eignet sich so weniger für Rotweinausbau.

Rosé ist hierzulande kein Exot mehr, sein Boom passt zum Trend „Leichter Essen, leichter Trinken“. Längst haben auch unsere Weingüter nachgezogen, experimentieren mit schimmerndem „summer wine“ aus Dornfelder und Zweigelt, aus Blaufränkisch und Schwarzriesling. Selbst die Apfelhöfe der Normandie präsentieren ein neues Kultgetränk: Cidre rosé!

Peter Peter

Peter Peter ist  ein deutscher Journalist  und Autor für die Themen Kulinarik und Reise. 2005 wurde er Mitglied der Deutschen Akademie für Kulinaristik, 2009 war er zudem Gastdozent am Gastrosophiezentrum der Universität Salzburg. Außerdem ist er Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

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