Geschichte - Rotary und das Ende des Kalten Krieges

Präsident RI Hugh Archer (rechts) erläutert im Kreml das Konzept der Serviceclubs. © Rotary

15.10.2009

Geschichte

Rotary und das Ende des Kalten Krieges

Matthias Schütt

Berlin – Vorposten der Freiheit in einer immer noch geteilten Welt“ – so begru?ßte diese Zeitschrift in ihrer November-Ausgabe 1989 über 700 Teilnehmer aus Europa, Afrika und Nahost, die am 23. November zu einem Rotary-Institute erwartet wurden. Als die Gäste dann tatsächlich in Tegel einflogen, war das legendäre West-Berliner Freiheitspathos bereits vom sprichwörtlichen „Wahnsinn“ der Maueröffnung abgelöst worden. Der „Geist von Berlin“, den der damalige Berichterstatter über der Konferenz schweben sah, bezog sich aber gar nicht auf die aktuellen Ost-West-Ereignisse, sondern hatte andere Gründe: Im denkwürdigen Herbst 1989 befand sich die Service-Organisation in so schwerem Wasser, dass der Ausnahmezustand der Stadt die Gäste nur am Rande interessierte.

Vor allem ein Thema beherrschte die Agenda: RI befand sich nach drei Jahren mit roter Bilanz in einer massiven Finanz- und Verwaltungskrise, in deren Folge ganze Entscheidungsebenen abgeschafft wurden und der damalige Präsident Hugh Archer vorübergehend auch das Amt des Generalsekretärs übernehmen musste.

Im Übrigen maßen die Rotary-Spitzen den Ereignissen in Berlin keinen besonderen Stellenwert zu, stand doch die Erosion des Ostblocks in Evanston schon seit über einem Jahr auf der Tagesordnung. Bereits nach dem Reagan-Gorbatschow-Gipfel im Frühjahr 1988 war Rotary als in der Völkerverständigung erfahrene Nichtregierungsorganisation eingeladen worden, einen Beitrag zur Vertrauensbildung zwischen den Blöcken zu leisten.

Zwei, die damals in Berlin Regie führten – Past- Dir. RI Hans Müller Rech (Augsburg) und Past-Gov. Wilhelm Drühe (Neandertal) bestätigen, dass die Ereignisse an der Mauer nur im Rahmenprogramm interessant waren, für Schnappschüsse von den Mauerspechten. „Von Mauerfall konnte noch keine Rede sein“, erinnert sich Müller-Rech: „Erstens war noch keineswegs abzusehen, dass die DDR schnell zusammenbrechen würde. Und zweitens war die Mauer erst in einer Richtung offen. Wer den Osten besichtigen wollte, konnte keineswegs einfach rübermarschieren.“

FOKUS AUF OSTEUROPA

Recht dürftig fiel auch die Berichterstattung über die Berliner Ereignisse im Rotarian aus. Ganze 21 Zeilen plus Mauerfoto – mehr war das Thema dem rotarischen Hauptjournal nicht wert, und das auch erst im März-Heft 1990. Im Fokus standen andere Städte: Budapest, Moskau und zunächst Warschau. Dorthin flog die rotarische Führungscrew direkt nach der Berliner Konferenz, um am 27. November 1989 dem RC Warschau 50 Jahre nach seiner Auslöschung erneut die Charter zu überreichen.

Die neue Zeitrechnung hatte für Rotary im August 1988 begonnen. Damals packten junge Australier die Koffer für einen Besuch im Rahmen des Group Study Exchange (GSE) in Polen. Einen Monat später landete ein GSE-Team aus der Sowjetunion in England. Während sich eine 35-köpfige US-Rotarierrunde ohne Auftrag aus Evanston in der Sowjetunion umsah und erste Kontakte knüpfte, kam man sich offiziell im Dezember näher, als 160 junge sowjetische Führungskräfte auf Einladung von RI in Chicago eintrafen. Zwei Tage vor einer Konferenz mit jungen Amerikanern waren die Sowjets Gäste der Gründungsstadt Rotarys. Die Tatsache, dass sie nicht in Hotels untergebracht wurden, sondern in 80 rotarischen Familien, erhielt in dieser Schlussphase des Kalten Krieges hohe symbolische Bedeutung, wie ein sowjetischer Fernsehjournalist festhielt: „Wenn wir als Gäste in die Familien aufgenommen werden, dann wird es sehr schwierig, aufeinander zu schießen.“

Diesem Kurzbesuch folgte die Einladung an RI Präs. Archer nach Moskau, wo er im Dezember 1989 Kreml-Vertretern das Konzept der Serviceclubs erläuterte und über die Zulassung von Rotary verhandelte. Dabei betonte Archer, dass Rotary nur in die Sowjetunion kommen könne, wenn die Clubs so ungehindert agieren könnten wie in allen anderen 167 Rotary-Ländern.

Es bedurfte dann eines zweiten Besuchs des RIPräsidenten, bevor der Kreml am 24. März 1990 grünes Licht gab. Damit war der Weg frei für den RC Moskau, der aus einem informellen Freundeskreis hervorging, der sich schon einige Monate nach rotarischen Regeln traf. Der Charter am 5. Juni 1990 folgten Gründungsvorbereitungen in Kiew, Leningrad und Irkutsk.

Noch bevor RI am 3. März 1990 grünes Licht für Clubgründungen in der DDR gab – der RC Leipzig wurde dann am 27. März als erster Club (wieder) gegründet – sah Der Rotarier bereits eine „stürmische Erweiterung nach Osten“ und fasste darunter weitere Gründungspläne in Polen, Ungarn, Jugoslawien und der Tschechoslowakei (Prag). Für die Koordinierung wurde bei RI ein New Countries Extension Committee unter Leitung von Direktor RI Ulrich Meister eingerichtet. Der 2006 verstorbene Heidelberger Rechtsanwalt hatte sich als rotarischer Mittler im Tauwetter zwischen den Blöcken großes Ansehen erworben.

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

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