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Die Verdienste der österreichischen Rotarier

Schrittmacher für Rotary in Mittel-Ost-Europa

Heinrich Marchetti-Venier15.10.2009

Bald wird sie Geschichte sein, die Arbeit österreichischer Distrikte und Clubs, die rotarische Idee in Mittel-Ost-Europa wieder rückzuführen. Präsident RI Royce Abbey sagte 1989 noch: „A great dream became reality!“ Österreich ist zu solchem Handeln wie geschaffen – im Spiel der mitteleuropäischen Kräfte und durch seine Erfahrung mit Ethnien-überschreitenden Grenzen. Zwar sprachen die Menschen verschiedene Sprachen, aber der Ungar nennt den Österreicher noch heute seinen Schwager, bestanden doch beiderseits der Grenzen stets Kontakte und verwandtschaftlich-wirtschaftliche Verbindungen.

STARKE TRADITIONEN

Rotary hat in der Tschechoslowakei, in Ungarn und Jugoslawien eine lange Tradition; Prag entsteht 1925 zugleich mit Wien, gefolgt bis 1931 von Budapest, Bratislava, Zagreb, Ljubljana und Sarajevo. Damals gibt es nationale Distrikte. Man behauptet sich länger als in Deutschland (1937) und Österreich (1938). Erst 1939 müssen Clubs in der Tschechoslowakei, 1941 im Südslawischen Königreich und 1942 in Ungarn ihre Auflösung beschließen. Nur in der Tschechoslowakei konnten die Rotarier zwischen 1945 und 48 kurz daran anknüpfen. Als der Ostblock zerfällt, sind Jahrzehnte vergangen, seitdem sich Rotary wegen totalitärer Regime hat zurückziehen müssen. Einige Alt-Rotarier leben und dienen als Gallionsfiguren einer neuen Zeit. Bei der Charter des RC Brno 1991 erscheint völlig gerührt der 92-jährige Arzt Vohnout, um nach 46 Jahren wieder Ehrenmitglied zu werden. In Slowenien gehört 1991 der Olympionike Leon Štukelij (1898–2001) wieder seinem alten Club Maribor an.

Einer der berühmtesten Söhne eines Alt-Rotariers ist Vaclav Havel, der 1947/48 Stipendiat des RC Podebrady war. Manche Kinder und Enkel der Gründerväter haben deren Erinnerungen aufgegriffen und suchen Kontakte nach Österreich. Nicht über Nacht und langsam geht man nach der Wende die Wiederbegründung alter Clubs an. Im damaligen Distrikt 191 geht am 25. Juli 1989 unter Governor Ernst Kurt Mayer die Charter des RC Budapest über die Bühne. Erst ein Jahr später kann sein Nachfolger Paul Mailath-Pokorny, der Tschechisch wie Ungarisch spricht, am 29. Juni 1990 den nächsten Club Ljubljana in Slowenien gründen. Im Distrikt 192 ist im Herbst 1989 Governor Viktor Straberger hoch motiviert, sich in der Tschechoslowakei für einen Neubeginn zu verwenden. „Vikerl“ geht als „Fundator“ in die Geschichte ein. Er fordert im Dezember 1989 seine Tschechisch sprechenden Freunde auf, neue Freunde im Osten zu finden, und lernt selbst Tschechisch.

Erst am 3. März 1990 hat Rotary International die Empfehlung ausgesprochen, im Osten Rotary und Clubs zu entwickeln. Dafür entsteht ein erstes Komitee, dem Mailath-Pokorny als einziger Österreicher angehört. Als im Mai 1990 Präsident RI elect Paolo Costa nach Ungarn und in die Tschechoslowakei zu Charterfeiern kommt, besucht er auch die Riesenkonferenz dreier Distrikte (191,192, 184/ Bayern), um die Weichen für die Zukunft zu stellen. Bis 1998 besteht das „New Countries Extension Committee“, und auch ein „European Affairs Committee“ arbeitet mit, denen aus 1920 die späteren Governors Helmut Rainer und Willibald Egger angehören. 1990 werden die Reformländer schon Distrikten zugeteilt, 1910 hat sich um die Entfaltung von Rotary in Ungarn, Slowenien, Kroatien und später Bosnien-Herzegowina zu kümmern, 1920 um die Entwicklung in der Tschechoslowakei, die 1993 in die Tschechische Republik und die Slowakei zerfällt.

PLÄNE UND PATENSCHAFTEN

Viktor Straberger erarbeitet das Basiskonzept für ein neues Rotary in der Tschechoslowakei. Patenclubs und deren Clubbeauftragte sollen jeden neuen Club begleiten, gemeinsame Projekte erstellen und die Kontakte bewahren. Bei den ersten Clubgründungen 1990/91 von České Budějovice, Praha, Bratislava, Brno und Plžen teilen sich die österreichischen Distrikte noch die Patenschaften.

Das System bewährt sich. Governor Wolfgang Baschata kann sieben Clubs chartern. Die Geldmittel reichen aber kaum, die Reisen der Governors zu finanzieren, und die neuen Clubs haben keine Mittel zur eigenen Organisation. Deshalb fordert Gov. Herbert Marsoner von 1991 bis 1994 von jedem Mitglied seines Distriktes 100 Schilling pro Jahr als Umlage ein. Bis 1995 können unter ihm und seinen Nachfolgern Rainer, Wild und Krön 14 Clubs gegründet werden. Und in nochmals vier Jahren folgen unter den Governors Egger, Buchmeiser und Watzenböck 18 Clubs sowie der erste Rotaract Club. Im Juni 1999 ist es so weit, die Distriktkonferenz in Prag läutet die Neudistriktierung ein: 42 Clubs mit 1026 Mitgliedern und vier Rotaract Clubs (2009 zehn) sind das Ergebnis von zehn Jahren Aufbauarbeit. Heute zählt der Distrikt 2240 in 66 Clubs 1450 Mitglieder, zwei Drittel leben in Tschechien, ein Drittel in der Slowakei. Der Kontakt lebt im Länderausschuss Österreich-Tschechien-Slowakei weiter. Im Programm stehen weniger Clubverbindungen (es gibt 31 Patenclubs) und Projekte als früher, dafür mehr gemeinsame Veranstaltungen, etwa die Dreisesselberg-Wanderung oder Reisen.

ERWEITERUNG IN UNTERSCHIEDLICHEM TEMPO

Eine aufwendige Entwicklung hat Rotary in Ungarn, Slowenien, Kroatien und Bosnien-Herzegowina genommen. Der Distrikt 191 wird ersucht, in vier Reformländern Clubs und Strukturen einzurichten. Nach den ersten beiden Jahren mit nur zwei Clubs sorgt Governor Mailath-Pokorny für die folgende, dann rasch einsetzende Entwicklung finanziell vor, als er im Mai 1990 anlässlich der zitierten Dreier-Konferenz die Einführung eines gleich hohen Umlagebeitrages von jedem Rotarier aus 191/(heute 1910) erreicht. 1991 gibt es Länderbeauftragte, anfangs nur für Ungarn und Slowenien, dann auch für Kroatien und 2000 für Bosnien-Herzegowina. Später (1998) heißen sie Regionalbeauftragte, und ab 2000 gibt es für jedes Land einen Assistant Governor zur Unterstützung des Governors. In all den Jahren hatten und haben die Governors hier nicht nur viel Raum und Zeit zu überwinden, sondern auch ein hohes Maß an Vermittlungskunst einzubringen. Dass die Governors der letzten Jahre wie Zeidler, Polsterer, Otto, Wenckheim, Scholz, Herbrich, Hilscher, Nemling sowie jetzt Krause mit bis zu 200 zu betreuenden Clubs rotarische Spitzenmanager sind, versteht sich.

Den stärksten Aufschwung nimmt anfangs Ungarn. Manche der ersten Standorte waren schon bis 1942 mit Clubs besetzt. 14 Clubs haben bis 1995 österreichische Partner, 1996 gibt es 20 Clubs, bis 2005 33 und schließlich folgen noch letzte Clubs, um 2007 mit 42 und über 1000 Mitgliedern zum eigenen Distrikt 1911 zu werden. Heute stagniert Ungarn mit gleich vielen Clubs und 1100 Mitgliedern, hat zehn Rotaract und zwei Inner Wheel Clubs. Auch in Slowenien kann man bei Ljubljana und Maribor an die Zeit vor 1941 anknüpfen. Alle anderen Clubs sind Neugründungen, in deren erster Phase ebenfalls österreichische Patenclubs beteiligt waren. Eine regelrechte Gründerzeit erfolgt ab 1995, als mit der staatlichen Unabhängigkeit die soziale Konsolidierung erfolgt. In Kroatien kommen zu den acht alten Standorten langsam Clubs um Zagreb und an der Adria. Einen Sonderfall stellt Bosnien-Herzegowina dar, wo der Krieg bis 1995 schwere Schäden angerichtet hat. Hier geht der Impuls für Rotary nicht nur auf den Willen der Einwohner zurück, die Zukunft in Frieden, Freundschaft und Klugheit zu meistern, sondern auch auf die Politik von RI, mithilfe des Aufbaus durch Rotary vor Ort stabilisierend zu wirken.

Nach den ersten Keimzellen in Sarajevo und Banja Luka kommen Clubs zustande, in denen eine heikle Vergangenheit gemeistert werden muss. Es gibt auch verhinderte Charterfeiern und sogar einen Club, der wieder geschlossen wird. Im Jahr 2005 ist der Distrikt 1910 der weltgrößte Distrikt geworden und heute „Stammvater“ von 148 Clubs. In Slowenien bestehen zurzeit 43 Clubs (1100 Mitglieder), in Kroatien 45 (1100) und in Bosnien- Herzegowina 13 (300). Die Aussicht auf eigene Distrikte hat einen gewaltigen Schub an Clubgründungen bewirkt. Zum 1. Juli 2011 wird es die neuen Distrikte 1912 (Slowenien) und 1913 (Kroatien) geben, während Bosnien-Herzegowina noch im Distrikt 1910 verbleibt. Der Unterschied jener Länder zu Österreich besteht u.a. in der Frage der Aufnahme von Frauen, selbst im teilweise muslimischen Bosnien-Herzegowina. Dazu kommt eine sozialbewusste Verantwortung der rotarischen Aufbaugeneration.

Die RAC-Clubs sind in den Transformationsländern zahlreich (14), Interact hinkt (sechs), auch die Idee von Inner Wheel (zwölf Clubs in Kroatien und je zwei in Ungarn und Slowenien) wird angenommen. Wenn einmal der Distrikt 1910 auf seine österreichischen Grenzen zurückgeführt werden wird, haben die so aufgebauten Beziehungen Bestand. Im Jugenddienst arbeitet man schon in einer Multidistrikt-Verwaltung mit Ungarn zusammen, es gab und gibt zahllose gemeinsame Projekte, und 2009 sind Österreich-Ausschüsse mit Slowenien und Kroatien entstanden. Insgesamt war es ein hartes Stück Arbeit, das aber deutlich mehr an neuen Freundschaften und menschlichen Verknüpfungen bewirkt hat, als sie die Politik unter den Normalbürgern bisher erreichen konnte. Das persönliche, länderübergreifende Sich-Kennenlernen und Miteinander-Arbeiten, ohne auch nur die Sprache des anderen zu verstehen, ist eines der wertvollsten Gütesiegel von Rotary. Die Präsidentenkonferenz Ende 2008 in Wien hat die Gesamtleistungen in Europa gewürdigt und nicht von ungefähr den Standort nach Österreich verlegt.

Heinrich Marchetti-Venier

DDr. Heinrich Marchetti-Venier wurde in Oberösterreich geboren. Nach dem Abitur nahm er ein Studium des Lehramtes sowie der Geistes- und Naturwissenschaften an den Universitäten Salzburg auf, es folgten die Stationen, Wien, München, Bochum, Turin, Strasbourg und Washington. Anfangs Tätigkeit in der Raumordnung, später als Historiker und Privat-Gutachter sowie Autor. Er hatte lange Zeit das Amt des Distriktberichters für die österreichischen Distrikte D 1910 und 1920 inne. Heinrich Marchetti-Venier starb im November 2015.