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Zwischenruf

Schlossgespenster

Zwischenruf - Schlossgespenster
Johann Michael Möller © jessine hein/illustratoren

In der Debatte um das Humboldt-Forum begegnen sich verschiedene Deutungsansprüche auf die Geschichte.

Johann Michael Möller01.10.2017

Sie streiten schon wieder um das Schloss in Berlin. Nach der historischen Hülle und dem Kuppelkreuz geraten jetzt Inhalt und Funktion ins Visier. Den notorischen Gegnern des Wiederaufbaus ist eben jeder Anlass recht. Diesmal fallen sie über das Humboldt-Forum her, das doch über allen Verdacht erhaben zu sein schien, Geschichtsrevision oder gar Preußenkult betreiben zu wollen. Um die Kulturen der Welt soll es dort gehen; sie würden im Herzen der Hauptstadt „prachtvoll erhöht“. Welch andere Nation könnte so etwas von sich sagen? Aber vom Humboldtschen Geist ist nicht mehr die Rede. Jetzt wird über „koloniale Schuld“ und „kulturelle Aneignung“ gestritten. Die völkerkundlichen Sammlungen seien „kontaminiert wie Tschernobyl“, empörte sich die französische Kunsthistorikerin Bénédicte Savoy und schmiss ihren Beiratsposten hin. Seitdem versucht ein kleinlautes Triumvirat von Gründungsintendanten der Öffentlichkeit beizubringen, dass doch alles anders gemeint sei, als es die furiosen Kritiker vorwerfen. Das ist fast noch bestürzender als die Kontroverse selbst, wie sich drei gestandene und über alle fachlichen Zweifel erhabene Männer ins Bockshorn jagen lassen und ums Haar bereit gewesen wären, ihre Bußfertigkeit in großen Lettern an die Schlosswand zu nageln.

Deutungsansprüche
Was ist nur los in unserem Land? Wo die Politik im Wahlkampf Polonaise tanzt und die Kultur die blutigen Schlachten schlägt? In Bremen macht die Kunsthalle den unter Kolonialverdacht stehenden Werken einen „Schauprozess“, und auch beim Humboldt-Forum erlebt man einen „extrem verletzenden“ Ton.
Das kommt davon, möchte man den Gründungsintendanten zurufen, wenn man sich selbst auf den Weg der moralischen Anstalt begibt. Der Geburtsfehler des Humboldt-Forums beginnt wohl dort, wo man es zum Symbolort der besseren deutschen Geschichte hochgejazzt hat, um den Kritikern dann aber im Jargon eines Stadtmarketings zu antworteten. Ein besseres Stadtteilcafé für Begegnung und Austausch braucht man in Berlin aber nicht. Es geht dort schon um den Deutungsanspruch auf die eigene Geschichte – und das spüren die Gegner sofort.
Natürlich wirkt deren Vergangenheitsbild wie erfroren. Aber man darf nicht glauben, die eine Sicht einfach gegen die andere austauschen zu können. Es gibt keine gute und keine böse deutsche Geschichte; es gibt nur die eine mit Licht und mit tiefem Schatten.
Dagegen eine „kulturrelativistische, revolutionäre und demokratische Traditionslinie“ zu ziehen, wirkt so künstlich wie der Rückgriff auf den Geist der Goethezeit und den deutschen Idealismus. Dass Horst Bredekamp, einer der Gründungsintendanten des Forums, dafür das Wort „modellhaft“ verwendet, offenbart das ganze Problem. Das historische Erbe ist eben kein Baukasten. Wir brauchen keinen Kampf zwischen Deutungskulturen, sondern den vollständigen Blick auf die ganze Geschichte. Auch auf die deutsche Kolonialzeit, so kurz und so widersprüchlich sie war.
Was aber soll in Berlin jetzt entstehen: Eine Wundertüte für die Weltkultur? Eine moralische Besserungsanstalt? Oder gar die Asservatenkammer kolonialer Verbrechen? Hoffentlich nichts von all dem. Eine moderne Einwanderungsgesellschaft muss ihre Zukunft formulieren, aber auch das Verhältnis zu ihrer Geschichte. Sie braucht Orte, wo sich das unterschiedliche Erbe verbindet, Shared heritage nennt man das heute, was auch geteilte Verantwortung heißt. Das Humboldt-Forum könnte ein solcher Ort werden. Aber wir müssen uns schon entscheiden: Wollen wir das offene Gespräch mit den Anderen, oder doch nur den mürrischen Monolog über uns selbst?