Titelthema

Das Kreuz mit dem C

von Andreas Püttmann | 
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Ist die Christdemokratie ein Auslaufmodell? Gedanken zur strategischen Opportunität und sozialethischen Aktualitäteiner christlichen Politik

Auf den ersten Blick scheint eine erklärtermaßen christlich orientierte Partei wie die CDU bei sich leerenden Kirchen aus der Zeit gefallen, jedenfalls wenn sie „Volkspartei“ sein und Stimmen maximieren will. Achtet sie ihre ideellen Wurzeln, wiegen allerdings die Einsichten der leidgeprüften Gründergeneration schwer. Der „Kreisauer Kreis“ von Widerständlern gegen das NS-Regime hatte schon 1942 zum Verhältnis von Staat und Kirche in einem demokratischen Deutschland erklärt: „Wir sehen im Christentum wertvollste Kräfte für die religiös-sittliche Erneuerung des Volkes, für die Überwindung von Hass und Lüge, für den Neuaufbau des Abendlandes, für das friedliche Zusammenarbeiten der Völker.“ Auch der frühere SPD-Reichstagsabgeordnete Carlo Mierendorff sagte nach der Befreiung aus dreijähriger Lagerhaft, er sei als Atheist ins Konzentrationslager gekommen – und „als gläubiger Christ“ wieder heraus: „Es ist mir klar geworden, dass ein Volk ohne metaphysische Bindung, ohne einen Glauben an Gott, nicht zu regieren ist.“ Nach Diktatur und Krieg riefen das Grundgesetz und sieben Landesverfassungen (die des Saarlands folgte 2026) Gott an und garantierten den Kirchen günstigste Wirkungschancen.

Die Gründungsidee

Bei der dezentralen Parteigründung der CDU kamen regionale Sprecher aus sehr verschiedenen Parteien der Weimarer Republik: nur etwa die Hälfte aus der katholischen Zentrumspartei, weitere aus der linksliberalen DDP, der wirtschaftsnah-konservativen DVP, der deutschnationalen DNVP und dem protestantischen CSVD. Die Konservativen, die ab 1930 wie Schnee unter der Sonne zur NSDAP hinschmolzen und als ihr Steigbügelhalter für das moralische Desaster der „deutschen Katastrophe“ mitverantwortlich waren, schlüpften kleinlaut bei der Partei der NS-Gegner Konrad Adenauer, Andreas Hermes, Jakob Kaiser und Ernst Lemmer unter. Der Begriff „konservativ“ tauchte erst 1978 und beiläufig deskriptiv im CDU-Grundsatzprogramm auf. Das „C“ war Bindeglied der unterschiedlichen Strömungen und bedeutete, ökumenisch, antitotalitär, sozial-integrativ und wertorientiert Politik machen zu wollen. Diese vier Dimensionen schienen beim CDU-Bundesparteitag 1962 auf, als Kanzler Adenauer betonte, „dass wir das Wort ,christlich‘ gewählt haben nicht nur, um damit zu sagen, dass wir Antinationalsozialisten sind … Wir können diese ganz auseinander gerissene Welt nur dann wieder in Ordnung bringen, wenn wir eine Partei gründen, die auf der dem großen Teil des Volkes gemeinsamen christlichen Weltanschauung steht“; sie trage die Mitglieder „hinweg über Gegensätze, die aus ihren verschiedenen Ständen, aus ihren verschiedenen Berufen, aus ihrer Herkunft aus verschiedenen Gegenden unseres Vaterlandes“ kämen.

Operation am offenen Herzen

Mit ihrer 2022 beschlossenen „Grundwertecharta“ als Basis des neuen Grundsatzprogramms tappte die CDU indes in die Falle sozioökonomischer Distinktionsmerkmale zurück: Obwohl eine CDU-Mitgliederumfrage im Frühjahr 2023 ergeben hatte, dass fast vier Fünftel der Parteimitglieder es „sehr wichtig“ (35,6 Prozent) oder „wichtig“ (42,1 Prozent) fanden, „dass sich die CDU bei ihrer Politik am C orientiert, also an christlichen Werten und Überzeugungen“ (weniger wichtig: 16,6 Prozent, gar nicht wichtig: 4,7 Prozent), verordneten Merz, Linnemann und Chefdenker Andreas Rödder der CDU eine Zweitidentität als „bürgerlich“. Die Erläuterung als „Idee des modernen Staatsbürgers in der Tradition der Aufklärung“ mit „Bereitschaft und dem Willen, unserem Land und seinen Werten zuzugehören“, „Talente und Begabungen einbringen und aufsteigen zu können“ sowie als Anspruch, „Individualismus und Gemeinwohlverpflichtung, Weltoffenheit und Heimatverbundenheit“ zu verbinden und staatliche Insti-tutionen zu stärken, ohne sie als „alleinige Problemlöser“ zu überhöhen, stellt aber kein Alleinstellungsmerkmal gegenüber anderen Parteien der demokratischen Mitte dar. Die Positionierung der CDU weiter rechts und FDP-ähnlicher brachte weder AfD-Wähler zurück noch einen nennenswerten Zustrom aus der Konkursmasse der Lindner/Kubicki-Liberalen. Indes wuchsen die Parteien des linken Spek-trums, die jahrelang nur etwa ein Drittel der Stimmen sammelten, zuletzt wieder auf über 40 Prozent. Die praktisch nutzlose Migrationsabstimmung mit der AfD im Bundestag 2025 hauchte der „antifaschistischen“ Linken ebenso neues Leben ein wie das Sozialthema Mieten im Berliner Wahlkampf.

Die sozialethische Aktualität

Alle vier Bedeutungen des C haben ihre Relevanz nicht verloren, sondern angesichts neuer totalitärer Bedrohung, sozialer Desintegration, ethischer Orientierungslosigkeit und des Zusammenrückens schrumpfender Kirchen behalten oder sogar noch erhöht. Die sozialethische Aktualität christlicher Wertorientierung lässt sich „negativ“ ablesen an einer Fülle gesellschaftlicher Krisenphänomene: Wirtschafts- und Verschuldungskrise, überforderte Sozialsysteme, Klimawandel, Kriminalität, Korruption, Drogenmissbrauch, Bildungsmisere, Populismus, Kindermangel, Einsamkeit, Entsolidarisierung, Extremismus, Partizipationsmüdigkeit, Skandale und Scheu vor Verantwortung im Amt. Für diese breite Problempalette hält das Christentum mehr kulturethisches Know-how bereit als sozialistische, libertäre oder rein technokratische Weltanschauungen. „Positiv“ erkennbar ist die Relevanz der christlichen Religion in empirischen Untersuchungen zu demokratischen Bürgertugenden: Hier zeigen sich Christen graduell durchaus als „Werte-Elite“: Bei Lebensschutz, Rechtsbewusstsein, normativem Denken, Leistungsbereitschaft, sozialem Engagement, politischer Mäßigung und Partizipation sowie Ehestabilität, Kinderfreundlichkeit, psychischer Gesundheit, Arbeits- und Lebenszufriedenheit zeigen sich im Durchschnitt meist signifikante Einstellungsunterschiede zwischen kirchennahen Gläubigen und Konfessionslosen. Glaubensüberzeugungen und -praxis sind also kein isolierter Lebensbereich, sondern durchwirken, bewusst oder unbewusst, die persönliche Existenz in allen Dimensionen. Religiöse Überzeugungen beeinflussen Denken, Fühlen und Handeln, Sitte und Moral, Wert- und Unwertbewusstsein, Konsum- und Wahlentscheidungen: Im Herbst 2025 zählte das Allensbacher Institut für Demoskopie bei Christen mit Kirchgang mindestens „ab und zu“ nur zehn Prozent AfD-Anhänger, unter Konfessionslosen 31. Das empirische Anderssein der Christen gibt zugleich Maßstäbe, an denen eine Politik mit dem „C“ zu messen ist.

Kriterien der „Christlichkeit“ von Politik

Die „Christlichkeit“ einer Partei kann gemäß einem „kulturethischen Dreieck“ von Normen, Institutionen und Tugenden (Ethik der Mittel) bestimmt werden, die zur Verwirklichung von Werten (Ethik der Ziele) beitragen. Daraus folgt:

1 Besteht eine Kongruenz, zumindest Konvergenz von Programmatik, Gesetzesinitiativen und Diskurs einer Partei mit christlichen Normen?

2 Pflegt sie Dialog und Kooperation mit Kirchen und christlichen Organisationen?

3 Entspricht der Habitus ihres Personals im Umgang mit politischen Gegnern, ihre private Lebensführung (soweit sie öffentlich wird) und ihr Bekenntnis (einigermaßen) dem christlichen Ethos?

Podcast: Rotary Deeplight Talk

Ab dem 5. November hören Sie das Gespräch mit Andreas Püttmann überall, wo es Podcasts gibt.

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Die Kirchen entwickeln ihre ethischen Positionen am besten im Dreischritt: sachwissenschaftliche Analyse, philosophisch-ethische Wertreflexion, prophetische Sinndeutung. Letztere fällt schon nicht mehr ins Metier der Politik. Insofern darf bezweifelt werden, dass man überhaupt sinnvoll von „christlicher Politik“ sprechen kann. Wohl aber sind politisch-inhaltliche Grundorientierungen aus dem Christentum abzuleiten. In seinem Essay „Zur Politikfähigkeit des ‚C‘“ (2012) hob Stephan Eisel (CDU-MdB 2007–2009) durch Zwischentitel als typisch christdemokratisch hervor:

• „In dubio pro vita“ (Lebensschutz, besonders für noch nicht geborene, behinderte, kranke und sterbende Menschen),

• „Konjunktur für Subsidiarität“ (Privat vor Staat, Klein vor Groß),

• „Integrationskraft der Sozialen Marktwirtschaft“ (Eigenverantwortung und Solidarität),

• „Jenseits von Angebot und Nachfrage“ (gegen eine Ökonomisierung aller Lebensbereiche, etwa der Familie und des Gesundheitswesens),

• „Gleichwertigkeit im Unterschied“ (Respekt vor der Verschiedenartigkeit von Menschen, etwa im Bildungswesen),

• „Wehrhafte Demokratie“ (Kampf gegen alle Feinde der Freiheit),

• „Verantwortung in der einen Welt“ (Einsatz für Menschenrechte, Frieden und Entwicklung auch im Ausland).

Am richtigen Ort, zur richtigen Zeit und im richtigen Ton dürfen christliche Politiker sich auch religiös bekennen: Als Bundeskanzler Helmut Kohl 1990 sichtlich erschüttert vom Krankenbett seines niedergeschossenen Ministers Wolfgang Schäuble kam, sprach er in die Mikrofone: „Hier lernt man das Beten.“ Tage später titelte die Bild: „Das Beten hat geholfen“. Angesichts von Konsum und Vergnügen fokussierender Individualisierung und Politikdistanz und einer Tendenz konservativer Kirchenkreise, sich in eine Gegenwelt liturgischer Ästhetik und ideologischer Selbstreferenzialität zurückzuziehen, kann ein Appell Adenauers nicht genug unterstrichen werden: 1961 von einer Gruppe führender Katholiken auf das „verblassende C“ im Parteinamen angesprochen, antwortete er: „Die Christen müssen sich engagieren. Viele andere müssen uns wählen. Vor allem müssen Christen führen.“ Dies kann heute zwar nicht mehr bedeuten, dass das gesamte Führungspersonal einer C-Partei religiös oder in der Systematik der christlichen Sozialethik „zu Hause“ sein muss. Sinkt aber der Anteil solcher Personen unter eine kritische Schwelle, oder hört man Vertretern dieser geistigen Tradition nicht mehr zu, merken christliche Parteimitglieder und Wähler irgendwann, dass sie es nur noch mit einer historisch überkommenen leeren Hülle zu tun haben und die Partei ihre „Seele“ verloren hat. Dann könnten sie zu anderen Parteien abwandern, die zumindest Schnittmengen mit christlich-demokratischen Konzepten haben. Oder sie gründen neu, um als kleinere, aber authentische Gruppierung die große europäische Tradition christlicher Demokratie fortzusetzen.

Dr. phil. Andreas Püttmann

ist Politikwissenschaftler und freier Publizist in Bonn. Zuvor war er Referatsleiter in der Begabtenförderung der Konrad-Adenauer-Stiftung. Seit 2025 gehört er dem Zentralkomitee der deutschen Katholiken an.

Foto: privat