„Der Finanzmarkt ist kein Spielcasino“

Interview: Börsenchef Stephan Leithner über Dax-Rekorde, die Revolution der Altersvorsorge und die Fragilität der Finanzmärkte
Herr Leithner, die deutsche Wirtschaft stagniert seit Jahren. Doch der Dax klettert von einem Hoch zum nächsten. Können Sie das erklären?
Im Dax sind vor allem die großen weltweit erfolgreichen Firmen vertreten. Diese deutschen Firmen nutzen in der Wahrnehmung von Investoren erfolgreich ihre Chancen auf den Weltmärkten, und das spiegelt der Dax wider.
Wenn ich in den Deutschen Aktienindex Dax investiere, investiere ich gar nicht in Deutschland?
Doch, aber nur teilweise. Die erfolgreichen großen deutschen Unternehmen sind weltweit vertreten, haben aber oftmals ihre Forschung und immer ihre Zentralen in Deutschland. Das sollten wir nicht unterschätzen.
Woran krankt der deutsche Standort?
Da ist zunächst das bürokratische Dickicht, das bei uns nicht die gleiche Innovationsdynamik zulässt wie an anderen Orten. Hinzu kommt eine tiefe Verunsicherung der Bürgerinnen und Bürger, die lieber sparen als zu konsumieren. Die Menschen wissen nicht, ob sie im Alter noch gut leben können, und halten ihr Geld zusammen.
Viele Menschen bezweifeln inzwischen, dass die schwarz-rote Regierung noch die Kraft zu Reformen hat. Woran liegt das?
Die Deutschen sind kulturell und habituell sehr selbstkritisch. Das Ausland sieht uns viel positiver als wir selbst. Objektiv hat der deutsche Standort immer noch viele Stärken.
Kanzler Merz hat schon vergangenes Jahr einen Herbst der Reformen versprochen. Daraus ist nichts geworden. Wie groß ist Ihr Vertrauen, dass es jetzt etwas wird?
Deutschland hat in verschiedenen Wellen seine Reformfähigkeit bewiesen. Denken Sie an die Agenda 2010 unter Kanzler Schröder. Das waren wichtige Impulse, die auch das Selbstvertrauen der Deutschen enorm gestärkt haben. Diese Fähigkeit ist nicht völlig versickert.
Wie muss reformiert werden?
Es kommt weniger darauf an, dass man 1000 Reformen durchzieht. Man muss die richtigen drei, vier Veränderungen anpacken. Da geht es vor allem um die Sozialversicherungssysteme. Im Zentrum steht die Altersvorsorge …
… und die Erweiterung des Umlageverfahrens durch Kapitaldeckung …
Das Thema ist ja nicht neu. Schon Wirtschaftsminister Ludwig Erhard wollte das Umlageverfahren durch Kapitaldeckung ergänzen. Konrad Adenauer hat im letzten Augenblick seine Meinung geändert. Fast alle anderen Länder um uns herum fahren mit der kapitalgedeckten Alterssicherung sehr gut. Eine derartige Vermögensbildung ermöglicht Wohlstand für alle: Teilhabe breiter Schichten der Bevölkerung am Erfolg der Unternehmen, indem sie das Kapital für ihre Altersvorsorge arbeiten lassen.
Das klingt simpel. Warum ist es so schwer, dafür Verständnis zu wecken?
Vielen scheint, vorsichtig gesprochen, das Vertrauen in den Zinseszinseffekt nicht gerade angeboren zu sein. Dazu braucht es einfach Erfahrung. Deshalb ist die Frühstartrente so wichtig. Wer regelmäßig die Depotauszüge sieht, bei dem entwickelt sich Finanzbildung sehr schnell und von allein.

Durch die Frühstartrente sollen Kinder zehn Euro im Monat erhalten. Reicht das?
Die Bundesregierung ist mit der Frühstartrente und dem Altersvorsorgedepot wichtige Schritte gegangen, die vor Kurzem noch undenkbar waren. Mein Vorschlag ging weiter: Jedes Kind erhält bei der Geburt ein Startkapital von 4000 Euro vom Staat. Die werden auf ein geschütztes Konto eingezahlt und am Kapitalmarkt angelegt. Auf diese Weise wird von Geburt bis zum Renteneintritt aus anfangs 4000 Euro ein Vermögen von 350.000 bis 400.000 Euro. Dabei gehe ich von einer durchschnittlichen jährlichen Verzinsung von sieben Prozent aus – und eben dem Zinseszinseffekt.
Warum braucht es eine Geldspritze des Staates? Können die Bürger nicht selbst Vorsorge treffen?
Es geht um Fairness angesichts sehr unterschiedlicher Vermögenssituationen der Menschen. Das Problem, das wir in Deutschland haben, besteht ja nicht darin, dass die obersten drei Prozent der Vermögenden nicht investieren würden. Es geht darum, dass wir alle 80 Millionen erreichen. Das kostet den Staat nicht mehr als die Mütterrente, ist also verkraftbar.
Was passiert mit dem vielen Geld, das die Deutschen künftig fürs Alter am Kapitalmarkt anlegen?
Das Geld füllt eine große Lücke: Es geht um die Finanzierung der Wirtschaft und darum, Innovationen – gerade von jungen Unternehmen – sicher-zustellen. Als Börse verteilen wir die Mittel von den Anlegern zu den Unternehmen und senden die richtigen Preissignale. Insofern haben wir ein starkes Interesse an einem funktionierenden Kapitalmarkt. Der funktioniert dann gut, wenn es genügend Anleger gibt, die in großartige deutsche Unternehmen investieren.
Liegt unsere Produktivitätsschwäche eher daran, dass zu wenig Kapital zur Verfügung gestellt wird? Oder liegt es daran, dass die Unternehmer keine oder zu wenig Geschäftsideen haben?
Es fehlt deutschen Unternehmen und deutschen Gründern nicht an guten Ideen. Die sind auf weltweitem Niveau. Niemand bezweifelt die Ingenieurleistung der Deutschen. Hinzu kommt: Wir dürfen nicht die zentrale Bedeutung unterschätzen, die der Kapitalmarkt für die Finanzierung der öffentlichen Haushalte hat. Dies wurde historisch in Deutschland immer für selbstverständlich genommen.
Sie denken an die ständig zunehmende Staatsverschuldung aller Länder?
Die USA haben inzwischen weit über 100 Prozent Staatsschulden, bezogen auf das Bruttoinlandsprodukt. Deutschland wird sich möglicherweise auch in diese Richtung bewegen. Dafür muss man das zarte Pflänzchen des Kapitalmarktes gut pflegen, damit auch dann genügend Investoren da sind, die bereit sind, den Staat zu finanzieren. Wir wollen ja nicht, dass die Europäische Zentralbank Bundesanleihen kauft und den Staat finanziert.
Sie setzen sich seit Langem für eine europäische Kapitalmarktunion ein. Was bedeutet das?
Kapital muss frei quer durch Europa fließen können, um überall attraktive Projekte zu finanzieren. Das kann man sich vorstellen wie ein länderübergreifendes Autobahnsystem. Oder wie beim Stromnetz: Einen paneuropäischen Strommarkt kann es nicht geben ohne ein paneuropäisch verbundenes Stromnetz. Genauso müssen wir die Grundlagen dafür schaffen, dass Kapital frei und zu geringen Kosten durch Europa fließen kann – etwa für ein breites Angebot an Anlagefonds oder ETFs zur Altersvorsorge.
Zur Person: Stephan Leithner
RC Frankfurt am Main / (60) wurde in Innsbruck geboren, hat in St. Gallen studiert und in Finanzwissenschaften promoviert. Nach Stationen bei McKinsey u. a. in New York arbeitete er von 2000 bis 2015 bei der Deutschen Bank, anschließend bei der Private-Equity-Gesellschaft EQT. Seit 2018 ist Leithner Mitglied im Vorstand der Deutsche Börse Group, seit 2025 ist er dessen Vorsitzender.
Woran hapert es?
Wir haben sehr unterschiedliche Standards. Das behindert zum Beispiel Anlagefonds, die nur dann günstig sind, wenn sie große Volumina verwalten können.
Herr Leithner, Sie waren Ihr ganzes Berufsleben in der Finanzindustrie beschäftigt. Deren Ruf ist nicht zuletzt seit der Finanzkrise ziemlich beschädigt. Wie gehen Sie damit um?
Ich habe als Investmentbanker diese Jahre nach 2008 persönlich sehr intensiv erlebt. Das war eine lehrreiche Erfahrung. Inzwischen hat das Vertrauen in den Finanzmarkt nach meiner Einschätzung wieder zugenommen. Dafür waren umfassende Regulierungen nötig, um zu zeigen: Der Finanzmarkt ist kein Spielcasino. Es geht um eine Dienstleistung für die Anleger und für die Wirtschaft.
Ist das Finanzsystem heute stabiler als vor 20 Jahren? Viele befürchten, dass die Milliarden-Blase der künstlichen Intelligenz platzen könnte.
Das Risiko der Blasenbildung ist den Finanzmärkten inhärent. Erst gibt es überschäumende Begeisterung, dann folgt Ernüchterung. Allerdings ist heute ein viel größerer Kapitalpuffer im Finanzsystem. Zudem wurden wichtige Schleusen geschaffen, damit Risiken sich nicht mehr intransparent auf der Welt verteilen. Am Aufbau entsprechender Sicherheitsstandards haben auch wir als Börse einen großen Anteil.
Wie erleben Sie als Österreicher die deutsche Wirtschaft?
Ich bin Tiroler. Und sehr stolz darauf. Aber hier in Deutschland bin ich zu Hause. Frankfurt ist das Finanz-zentrum Kontinentaleuropas, auf Augenhöhe mit New York oder den Börsen Asiens.
Sie sind Rotarier im Club Frankfurt am Main, einem der ältesten in Deutschland, der im kommenden Jahr sein Jubiläum zum 100-jährigen Bestehen feiert. Was bedeutet Ihnen Rotary?
Rotary ist in seiner Grundidee eine soziale Veranstaltung: Es ist die Balance, sich einerseits für gute Zwecke zu engagieren und andererseits in einem sehr spannenden Netzwerk interessanter Menschen aus sehr unterschiedlichen gesellschaftlichen Feldern auszutauschen. Hier bietet sich mir die Chance, über den Tellerrand des Finanzsektors hinauszuschauen.
Das Gespräch führte Rainer Hank.





