Der Traum vom Penthouse in der Stadt

Geld: Looman! Volker Looman macht keine halben Sachen. Der langjährige FAZ-Autor spricht Missstände klar an und rechnet vor, wie es besser geht – in der einzigen Finanzkolumne für Best Ager. Nur hier im Rotary Magazin
Liebe Rotarier beiderlei Geschlechts! Ich werde von lebenshungrigen Senioren immer wieder gefragt, was ich von der Idee halte, im Alter aus der Provinz in die Stadt zu ziehen. Es wird Sie nicht verwundern, dass ich den Herrschaften antworte, es komme auf die Umstände an. Darf ich Ihnen die Sache am Beispiel eines „jungen“ Bayern illustrieren, der sich Gedanken macht, mehr oder weniger sein ganzes Geld zusammenzukratzen, um sich den Traum von einer Wohnung in München mit Blick auf die Berge zu erfüllen? Ich bin gespannt, was Sie dazu zu sagen haben.
Der rüstige Mann ist 70 Jahre alt und war Zahnarzt von Beruf. Das Handwerk hat den Mann ordentlich ernährt. Er bezieht aus zwei Versorgungswerken monatliche Renten von 5000 Euro. Sie sind rund 900.000 Euro wert, wenn sie noch 20 Jahre überwiesen und mit jeweils drei Prozent auf die Gegenwart abgezinst werden. Auf mehreren Girokonten liegen 200.000 Euro herum. In zwei Depots stecken Anleihen und Aktien im Wert von 800.000 Euro. Außerdem wohnt der Zahnarzt a. D. bescheiden und solide in einem schuldenfreien Eigenheim, das rund 500.000 Euro wert ist.
An dem Preis der Immobilie merken Sie bestimmt, liebe Leserinnen, dass das Objekt nicht in, sondern (weit) hinter München liegt. So ist es, werte Leser, das Haus steht in Sichtweite des Tschechen, wo der Zahnarzt mit seinen 2.400.000 Euro zu den Honoratioren des Ortes gehört. Trotzdem will der Rentner der niederbayerischen Idylle den Rücken kehren und ins oberbayerische München aufsteigen. Gegen das Vorhaben wäre nicht viel einzuwenden, wenn das neue Domizil – eine 140 Quadratmeter große Penthouse-Wohnung – nicht gerade 1.400.000 Euro kosten würde.
Nun sind Sie gefragt, liebe Leser, vor allem dann, wenn Sie vor ähnlichen „Problemen“ stehen. Können Sie den Mann verstehen? Wären auch Sie bereit, Bargeld plus Depot und Haus für eine Immobilie in der Großstadt zu opfern, um bei Föhn, also viermal im Jahr, auf die Zugspitze sehen zu dürfen? Oder halten Sie den Wunsch – vornehm und zurückhaltend ausgedrückt – für etwas exaltiert? Bitte erwarten Sie jetzt bloß nicht, dass ich dem Medicus den Zahn ziehen werde. Erstens kann ich das nicht, zweitens steht mir das nicht zu, und drittens halte ich es mit den Franzosen: Chacun à son gôut! Hier geht es nicht um die finanzielle, sondern um die emotionale Gestaltung des Lebensabends, und das ist ein weites Feld.
Der Mann kann mit 2.400.000 Euro auf dem Land versauern oder mit demselben Betrag in der Stadt aufblühen. Was soll man dazu sagen?
Der Mann kann mit 2.400.000 Euro auf dem Land versauern oder mit demselben Betrag in der Stadt aufblühen. Was soll man dazu sagen? In beiden Fällen wird der Zahnarzt monatliche Renten von 5000 Euro einstreichen. Im ersten Fall kann sich der Anleger an einer „freien“ Million ergötzen, im zweiten Fall könnte sich der Mediziner über die „feste Burg“ für 1.400.000 Euro freuen. Was wird wohl die höhere Verzinsung abwerfen?
Ich schildere Ihnen den Fall, weil ich mit Ihnen gerne einmal über die Frage sprechen möchte, was Geld für Sie bedeutet. Bestimmt werden Sie mir beipflichten, dass 2.400.000 Euro leblose Materie sind. Lebendig wird die Summe erst durch die Art und Weise, wie Sie mit ihr umgehen, was Sie aus ihr machen. Das kann das Streben nach Macht und Unabhängigkeit sein. Sie leben in einer Hütte in der Provinz und berauschen sich an dem Gefühl, die Puppen tanzen lassen zu können, wenn Sie es wollten. Genauso kann es aber sein, dass Sie den letzten Hosenknopf springen lassen, weil Ihnen die Gefühle, den Puls der Stadt zu spüren, mehr wert sind als das dicke Depot und die neidischen Blicke des Bankdirektors.
Ich glaube nicht, dass das eine „richtig“ oder das andere „falsch“ ist. Vielmehr kommt es darauf an, dass Sie sich pudelwohl fühlen, so nach dem Motto: Jedem Tierchen sein Plaisirchen! Wenn Sie also das Gefühl haben, der Lebensabend in einer Münchner Mansarde mit Zugspitzblick sei schöner als in einem Reiheneckhaus in Hinterhuglhapfing, dann sollten Sie sich den Wunsch erfüllen. Erstens lebt man nur einmal, und zweitens halte ich es für nicht ausgeschlossen, in der Stadt mit einer Barschaft von 100.000 Euro und 5000 Euro im Monat einigermaßen über die Runden kommen zu können. Und was passiert, wenn der Doktor ein Pflegefall wird? Dann ist es halt so, liebe Senioren, ich vertraue darauf, dass der Verkauf der Wohnung die Kosten der Pflege decken wird.
Zur Person: Volker Looman
Jahrgang 1955, ist freiberuflicher Finanzanalytiker in Berlin. Er hat 35 Jahre für die FAZ gearbeitet. Nun schildert er im Rotary Magazin jeden Monat, wie der (Un-)Ruhestand vermögender Pensionäre und Rentner in finanzieller Hinsicht einfach, rentabel und sicher gestaltet werden kann.
volkerlooman.deIch will die heutige Geschichte nicht beenden, ohne den Zauderern und Zweiflern unter Ihnen einen Mittelweg aufzuzeigen. Was halten Sie von der Idee, das Haus in der Provinz zu verkaufen, die 1.500.000 Euro anzulegen und mit dem Kapital die Miete für das Penthouse in der Stadt zu bezahlen? Wenn Sie dem Gedanken nicht völlig ablehnend gegenüberstehen, möchte ich Ihnen folgende Rechnung präsentieren, natürlich unter Ausschluss jeglicher Haftung: Sie legen die 1.500.000 Euro in drei Index-Fonds mit Anleihen und Aktien an. Sie mieten eine Wohnung, die monatlich 3500 Euro kostet. Die Miete möge jedes Jahr um drei Prozent steigen. Sie leben noch 240 Monate und möchten als einfacher Millionär zu Grabe getragen werden, wollen also der buckligen Verwandtschaft eine Million hinterlassen. Dann müssen Sie die anfänglichen 1.500.000 Euro vor Steuern zu „lumpigen“ 3,27 Prozent pro Jahr anlegen. Das werden Sie doch schaffen – oder nicht?
Bitte kommen Sie mir jetzt nicht mit dem Argument, diese Empfehlung erfordere Nerven wie Drahtseile. Die Verzinsung erreichen Sie mit jedem Pantoffel-Depot, das zu gleichen Anteilen aus Anleihen und Aktien besteht. Genauso bitte ich Sie, von despektierlichen Leserbriefen abzusehen, die Erben seien arme Hunde, wenn sie keine Wohnung im Wert von anderthalb Millionen bekommen. Es geht allein um Sie, liebe Senioren aus der Provinz, die von einem flotten Lebensabend nebst Kunst und Kultur in der Stadt träumen, und das sollte Ihnen schon ein paar Scheine wert sein. Ich wünsche Ihnen von Herzen, dass die Wohnung, die Ihnen gefällt, auch zu mieten sein wird. Sonst müssen Sie halt doch kaufen, es träfe ja nicht den Ärmsten. Wenn ich zum Schluss aber einen Wunsch äußern dürfte, dann vielleicht diesen: Bitte nehmen Sie im Alter keinen Kredit mehr auf, das könnte die Lebensfreude gewaltig trüben.





