Rotary AktuellPorträt

Sechs Wochen für immer

von Claus Bruckmann | 
 |  Lesezeit: 6 Minuten

Hubert Zajicek wollte Amerika kennenlernen und fand dort Beth. Was als Ferienromanze begann, wurde zu einer gemeinsamen Lebensgeschichte – und zu einer lebenslangen Verbindung mit Rotary

Es ist eine unglaubliche Liebesgeschichte über zwei Kontinente, die Rotary schreibt. Sie beginnt 1988. Der 18-jährige Wiener Hubert Zajicek darf nach der Matura auf Vermittlung seines Onkels Harry Meindl vom RC Wien-Donau an einer sechswöchigen Rotary-Croisière in die USA teilnehmen. Die Jugendlichen sind in Familien untergebracht, und die lokalen Rotary Clubs organisieren Ausflüge. Auf einem solchen nach Dallas lernt Hubert die 16-jährige Beth kennen. Sie ist die Tochter einer anderen Gastfamilie, ihr Vater ist Rotarier. Nach nur wenigen Tagen verlieben sich die beiden unsterblich. Er kann nach Ende der Croisière eine Woche verlängern, doch schließlich muss er zurück nach Wien. Beth ist ein behütetes Einzelkind, extrem tüchtig in der Schule und Schwimmmeisterin. „Ihre Eltern haben sie noch nie so zerflossen erlebt wie bei diesem Abschied“, erzählt Hubert, er war es aber auch. An ein Wiedersehen war damals nicht zu denken. Alle glauben, dass es sich um eine Urlaubsromanze handelt, die man schnell vergisst. Doch der Kontakt reißt nicht ab.

Er studiert in Wien Medizin, sie schließt die High School ab und beginnt das College, danach ebenfalls ein Medizinstudium, aber in den USA. Beth kommt im Sommer darauf auf eine Rotary-Croisière nach Österreich und wohnt bei Familie Zajicek.

Es folgen Jahre mit fast täglichen Briefen – telefonieren ist unsagbar teuer, das Internet noch nicht erfunden – und in großen Abständen gegenseitige Besuche. Sie lernt eifrig Deutsch, ist eine Einser-Studentin und entscheidet sich, ihr „junior year“, das dritte im vierjährigen College-Curriculum, in Wien zu studieren.

Im Sommer 1993, am Ende des einjährigen Studiums in Wien, macht Hubert Beth einen Heiratsantrag, „ganz romantisch bei einem Picknick am Cobenzl mit Blick über Wien“. Er ist heute noch gerührt, wenn er daran denkt. Dann folgen wieder Monate der Trennung. Er wird Mitglied des Rotaract Clubs Wien. Im Sommer 1995 folgt die Hochzeit in Santa Fe in New Mexico.

Greencard beantragt

Im Jahr darauf beantragt Hubert eine Greencard. Um zu beweisen, dass sie keine Scheinehe führen, obwohl sie in unterschiedlichen Ländern leben, bringt das junge Ehepaar zum US-Konsulat in Wien zwei Koffer mit Fotoalben, Telefonrechnungen und Hunderte Briefe der sieben gemeinsamen Jahre mit. Der Mitarbeiter würdigt die Unterlagen keines Blickes und stempelt das An-tragsformular ohne Zwischenfragen ab. Noch aber hat Hubert ein Studienjahr in Wien abzuschließen.

Die Erfindung von Faxgeräten erleichtert alsbald die Kommunikation, denn die Briefe finden nun schneller den Weg in beide Richtungen über den Atlantik.

Nach seiner Promotion übersiedelt Hubert nach Dallas und macht Forschungen in Nephrologie, Beth wird Radiologin. Anfangs ist der Verdienst bescheiden, doch beide machen Karriere. Außerdem bekommen sie zwei Töchter. Seit 2005 ist Hubert Zajicek zudem US-Staatsbürger.

Schon immer hat Hubert die Verbindung von Wirtschaft und Forschung interessiert. Er gründet die Firma Health Wildcatters, einen „Accelerator für Health­care“, wie er sagt. Die Firma arbeitet im Life-Science-Bereich und bringt rund 200 private Geldgeber (Business Angels) und Mentoren mit Start-ups im Gesundheitsbereich zusammen.

Es geht um die Verbesserung des Gesundheitssystems mit Themen wie medizintechnische Geräte, digitale Medi-zin, Diagnosegeräte, KI, Software, Pharma und mehr. Insgesamt stehen pro Jahr rund 1,2 Millionen Dollar zur Verfügung. Gegeben wird nicht nur Geld, sondern auch Zeit und Know-how. Im vergangenen Jahr gab es fast 600 Einreichungen für zehn Plätze. Bei der Auswahl lässt sich Hubert auch von der rotarischen Vier-Fragen-Probe leiten. „Da spielen Ehrlichkeit und Integrität eine große Rolle“, betont er.

2013 wird Hubert Mitglied des traditionsreichen Rotary Clubs Dallas #39

 

Daneben gibt es noch Sponsoren wie Krankenhäuser, Consultingfirmen oder Anwaltskanzleien. Sie finanzieren Non-Profit-Aktivitäten, etwa Beratungen für Firmen, Dozenten oder Schüler. Grundsätzlich sieht Hubert Zajicek in seiner Arbeit starke Parallelen zu Rotary, denn stets geht es darum, anderen Menschen zu helfen. „Die Arbeit erfüllt mich seit vielen Jahren sehr“, erzählt er.

Non-Profit-Verein gegründet

2002 gründet Hubert Zajicek den Non-Profit-Verein „Austrian Scientists & Scholars in North America“ (Ascina) mit 40 anderen österreichischen Wissenschaftlern in der österreichischen Botschaft in Washington, D. C.  Ascina bringt etablierte und ganz neu angekommene Wissenschaftler und Studenten aus Österreich oder mit Österreich-Bezug zusammen, um den Neuankömmlingen zu helfen. Mittlerweile sind es inklusive Alumni mehr als 1200 Mitglieder. Nach seinen eigenen mühsamen Anfängen in den USA will Hubert Zajicek anderen in ähnlichen Lebenslagen helfen. An den jährlichen Konferenzen nehmen auch Vertreter der österreichischen und US-amerikanischen Wissenschaftspolitik und Universitäten teil. Dadurch kann sich Zajicek ein großes Netzwerk in der Mitte der USA aufbauen. Die Region Dallas-Fort Worth ist nach New York, Los Angeles und Chicago die viergrößte Agglomeration in den USA, erlebt einen starken Boom und wird Chicago bald überholen. Sichtbares Zeichen dafür ist, dass es in Dallas seit Juli eine eigene Börse gibt. Außerdem gibt es in Texas keine Einkommensteuer.

2013 wird Hubert Mitglied des traditionsreichen Rotary Clubs Dallas #39. Dieser wurde 1911 als 39. Club weltweit und als erster Club in Texas gechartert und hat heute rund 200 Mitglieder. 2023/24 ist er Präsident. Im kommenden Clubjahr wird er Vorsitzender der Foundation des RC Dallas #39. Das Geld kommt über Aktivitäten zusammen. Gar nicht so selten bedenken auch Persönlichkeiten in ihrem Testament den Club. Alljährlich steht ihm dadurch ein sechsstelliger Dollarbetrag für wohltätige Zwecke zur Verfügung.

Seit wenigen Monaten ist Hubert Zajicek österreichischer Honorarkon-sul in Dallas, zuständig für die Bundesstaaten Nord-Texas, Oklahoma und Arkansas mit ungefähr 20 Millionen Einwohnern im Konsulardistrikt. Dabei helfen ihm seine Kontakte, die er über Ascina aufgebaut hat. Zur Fußball-WM konnte er im neuen Konsulat den österreichischen Bundeskanzler Christian Stocker begrüßen, der das Konsulat eröffnete und in Dallas dem Match gegen den späteren Vizeweltmeister Argentinien beiwohnte.

Familientradition mit Glühwein

Die enge Verbindung zu Österreich zeigt sich auch an anderer Stelle. Seit etlichen Jahren lädt die Familie Zajicek ein, im Advent im eigenen Garten Glühwein zu trinken. Die Hütte hat Hubert selbst zusammengezimmert. Er erzählt: „Mein Vater hat bei Familienfesten regelmäßig Glühwein bereitet, daher die Aufschrift ‚Opas Glühwein‘.“ Die Familie schenkt zünftig in Lederhose und Dirndl aus. Regelmäßig kommen etwa 200 Gäste, und dabei werden pro Jahr fast 40.000 Dollar für wohltätige Zwecke gesammelt.

Die beiden Töchter sind heute 25 und 22 Jahre alt. Annie hat in London einen Master in Arts Business erworben und arbeitet in einer Galerie in Dallas, sie hat auch ein halbes Jahr in Wien gelebt. Emmy studiert Marketing an der Texas Christian University (TCU) in Fort Worth.

Zur Person: Hubert Zajicek

Rotary Club of Dallas #39 / wurde 1970 in Wien als ältestes von vier Geschwistern geboren. Er war Mitglied im Rotaract Club Wien und studierte Medizin in Wien und den USA. Seit 1996 lebt er in den Vereinigten Staaten und ist österreichischer Honorarkonsul in Dallas/Texas. Zajicek ist verheiratet und hat zwei Töchter.

Hubert Zajicek kommt etwa dreimal im Jahr nach Wien. Auf die Frage nach seinem Lieblingsort auf der Welt sagt er, ohne zu zögern: „In meiner Heimat, dem vierten Bezirk (Wieden) in Wien, dort, wo ich aufgewachsen bin.“

Noch heute ist er in Kontakt mit etlichen anderen Teilnehmern der Rotary-Croisière vor bald 40 Jahren und mit drei Familien, in denen er untergebracht war.

Nach den langen Jahren des Getrenntseins in ihren Anfängen versuchen Hubert und Beth möglichst viel Zeit gemeinsam zu verbringen. Im Vorjahr haben sie ihren 30. Hochzeitstag gefeiert. Ohne Rotary hätten sie einander nie kennengelernt.