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Zeitsprung: Die ungewöhnliche Reise des Erwin Kreuz

von Leonhard Dihlmann | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Im Herbst 1977 wollte sich der Bierbrauer Erwin Kreuz einen Lebenstraum erfüllen: eine Reise nach San Francisco. Nie zuvor war er in den USA gewesen, Englisch sprach er kaum. Doch unterwegs unterlief Kreuz eine folgenreiche Verwechslung, die ihn binnen vier Wochen zu einer Berühmtheit werden ließ

Am 3. Oktober 1977 besteigt der Bierbrauer Erwin Kreuz in Frankfurt ein Flugzeug, das ihn nach San Francisco bringen soll. Unterwegs schläft Kreuz ein. Als das Flugzeug landet und er aufwacht, wünscht ihm eine Stewardess einen schönen Aufenthalt in San Francisco und steigt aus. Eilig greift Kreuz sein Gepäck und folgt der Stewardess hinaus auf das Flugfeld — ein unscheinbarer Moment, der ihn zu einer Berühmtheit machen wird.

Erwin Kreuz wurde am 23. Oktober 1927 geboren. Nach dem Zweiten Weltkrieg verließ er die sowjetische Besatzungszone und ließ sich in Bayern nieder. In einem kleinen Ort in der Nähe von Augsburg arbeitete er als Bierbrauer. Mit fast 50 Jahren wollte Kreuz im Herbst 1977 endlich die große weite Welt erkunden — denn außer für einen Tagesausflug in die Schweiz hatte er seine deutsche Heimat noch nie verlassen.

Besonders die USA reizten Erwin Kreuz. In Film und Fernsehen hatte er schon viel über das “Land der unbegrenzten Möglichkeiten” erfahren, das er jetzt mit eigenen Augen sehen wollte. Er buchte einen Flug nach San Francisco. Nach der Landung des Flugzeugs stieg Erwin Kreuz in ein Taxi. “Sleep!”, rief er dem Fahrer zu, um ihn in ein Hotel zu bringen. Am nächsten Morgen wollte er die Sehenswürdigkeiten der Stadt, allen voran die Golden Gate Bridge, erkunden.

Weit konnte es nicht mehr sein — doch es gab ein Problem: Die eigentlich doch so riesige und nicht zu übersehende Brücke war nirgends zu finden. Auch Chinatown — scheinbar lediglich bestehend aus zwei chinesischen Restaurants — hatte sich Erwin Kreuz größer vorgestellt. Dafür gab es viel mehr Bäume und viel weniger Verkehr als er erwartet hatte. Wahrscheinlich, dachte sich Kreuz, war er einfach in einer Vorstadt gelandet. Nach vier Tagen der Beschaulichkeit reichte es ihm. Er wollte endlich die Großstadt kennenlernen, für die er die weite Reise auf sich genommen hatte.

Erneut setzte er sich in ein Taxi. Er bat den Fahrer, ihn ins Stadtzentrum von San Franscisco zu fahren. Ungläubig drehte der sich um: San Francisco? Von hier, also von der Stadt Bangor im Bundesstaat Maine an der Ostküste sind es 3.700 Meilen, also fast 6.000 Kilometer bis nach San Francisco!

Wie konnte das sein? Die Antwort: Erwin Kreuz war nicht nach San Francisco geflogen — sondern bei einer Zwischenlandung zum Tanken in Bangor verfrüht ausgestiegen.

Als die Lokalzeitung über Kreuz’ Verwechslung berichtete, waren die Einwohner von Bangor gerührt, dass der Deutsche ihr 30.000-Seelen-Städtchen für eine Metropole an der Westküste gehalten hatte. Erwin Kreuz wurde zur Berühmtheit: Als Ehrengast nahm er an einer Oktoberfest-Veranstaltung teil, er erhielt den symbolischen goldenen Schlüssel der Stadt Bangor und sogar der Gouverneur von Maine lud ihn zu sich ein. Außerdem schenkte ihm ein Ehepaar ein 4.000 Quadratmeter großes Stück Land und drei Frauen machten ihm sogar Heiratsanträge.

Damit Kreuz letztlich doch noch an seinem eigentlichen Reiseziel ankommen konnte, spendierte ihm die Zeitung San Francisco Examiner einen Flug an die Westküste. Dort traf er den Bürgermeister. Dessen nächster Termin im Kalender: Prinz Charles.

Auch in San Francisco nahm Kreuz als Ehrengast an mehreren Veranstaltungen teil, bis er mehr als eine Woche später als ursprünglich geplant, seine Heimreise nach Deutschland antrat. Vor der Abreise bekam er noch einen übergroßen Gepäckanhänger um den Hals gehängt mit der Aufschrift “Please, let me off in Frankfurt am Main/Bitte in Frankfurt am Main aussteigen lassen” — sicherheitshalber.

Auch in seiner Heimat hatten mehrere große Zeitungen bereits über Kreuz’ Reise berichtet. Bei seiner Ankunft wurde er von der Presse, mehreren Freunden und seinem Arbeitgeber empfangen. Auf Einladung eines Versicherungsunternehmens kehrte er im Jahr darauf nach Bangor zurück, um feierlich ein neues Einkaufszentrum zu eröffnen. Erneut wurde Erwin Kreuz als Star gefeiert, doch als er im Anschluss nach Deutschland zurückkehrte, kündigte ihm sein Arbeitgeber. Der genaue Grund dafür ist heute nicht mehr bekannt.

Auf eigene Kosten kehrte er ein drittes Mal nach Bangor zurück — diesmal mit dem Wunsch, dort eine neue Anstellung zu finden. Doch trotz seiner Bekanntheit gestaltete sich dieses Vorhaben — auch aufgrund seiner mangelhaften Englischkenntnisse — als schwierig. Das einzige Angebot, das er erhielt, war die Stelle als Hausmeister im Einkaufszentrum von Bangor. Dankend lehnte er das Angebot ab, das deutlich weniger gut bezahlt war, als sein alter Job in der Heimat.

Nach seiner Rückkehr nach Deutschland verlor sich seine Spur. Erst 2021 fand ein freier Journalist heraus, dass Erwin Kreuz 2010 mit 83 Jahren in einem Pflegeheim verstorben war. Bis heute erinnert man sich in Bangor an den Deutschen, der einmal aus Versehen kam und zweimal absichtlich wiederkehrte.

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