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Zeitsprung: Der Engel von Hamburg

von Leonhard Dihlmann | 
 |  Lesezeit: 4 Minuten

Aracy de Carvalho rettete zahlreiche jüdische Menschen vor den Nationalsozialisten. Als Mitarbeiterin des brasilianischen Generalkonsulats in Hamburg stellte sie ihnen Visa aus

Dies war eigentlich streng verboten. Jahrzehntelang blieb ihr Einsatz ungewürdigt. In der kommenden Woche jährt sich ihr Todestag zum 15. Mal.

Hamburg, 1937: Ein Mann betritt das Büro von Aracy de Carvalho im brasilianischen Generalkonsulat. Er setzt sich und legt seinen Pass auf den Tisch. Er erzählt ihr, dass er Jude sei, seine Anstellung verloren habe und das Land so schnell wie möglich verlassen müsse. Mit zitternder Stimme sagt er, dass ein Visum für Brasilien seine letzte Hoffnung sei.

Aracy legt seinen Pass zur Seite und überlegt. Mit gedämpfter Stimme sagt sie: “Ich werde sehen, was ich für Sie tun kann.” Sie hilft ihm — so wie sie in den folgenden Jahren unzähligen weiteren Juden helfen wird.

Aracy de Carvalho wurde am 5. Dezember 1908 in Rio Negro in Brasilien geboren. Ihr Vater war ein erfolgreicher portugiesischer Kaufmann, ihre Mutter eine gebürtige Deutsche. Aracy wuchs in São Paolo in behüteten, wohlhabenden Verhältnissen auf.

Mit 18 Jahren heiratete sie den Deutschen Johann Tess. Das Paar bekam einen Sohn. Die Ehe scheiterte, Aracy trennte sich von ihrem Ehemann — geradezu skandalös für eine Frau im konservativen Brasilien dieser Zeit.

1934 zog sie gemeinsam mit ihrem Sohn nach Hamburg, wo eine Tante von ihr lebte. Als Kind hatte sie die Heimat ihrer Mutter mehrfach besucht und war daher mit der deutschen Kultur vertraut. In Hamburg suchte sie eine Anstellung. Neben Portugiesisch und Deutsch sprach sie auch fließend Englisch und Französisch — Sprachkenntnisse, die ihr dabei halfen, eine Stelle als Leiterin der Pass- und Visaabteilung des brasilianischen Generalkonsulats zu finden.

In dieser Position war sie die Ansprechperson für alle Menschen, die nach Brasilien einreisen oder auswandern wollten. Ab Mitte der 1930er Jahre nahm die Anzahl der Visaanträge deutlich zu: Vor allem Juden, die durch das NS-Regime zunehmend systematisch ausgegrenzt und verfolgt wurden, wollten Deutschland verlassen.

Je mehr verzweifelte Menschen sich an das brasilianische Konsulat wandten, desto mehr veränderte Aracy ihre bislang eher unkritische politische Haltung: Sie beschloss, zu handeln und begann, den Verfolgten Visa für die Einreise nach Brasilien auszustellen. Den jüdischen Glauben der Menschen verschwieg sie dabei bewusst.

Damit ging sie ein großes persönliches Risiko ein, denn sie widersetzte sich der ausdrücklichen Anordnung des brasilianischen Diktators Gétulio Vargas, Personen “semitischer Herkunft” keine Visa auszustellen. Die vage Formulierung der Anordnung gab ihr etwas Handlungsspielraum. Aracy erinnerte sich später: “Letztendlich entschied jeder einzelne Mitarbeiter, wen er für einen Juden hielt und wen nicht, und wessen Antrag bearbeitet wurde, und wessen nicht.”

Das NS-Regime verschärfte die Verfolgung der Juden zunehmend. Ab 1938 markierten die Behörden die Pässe jüdischer Bürgerinnen und Bürger mit einem roten “J”. Dies machte es Aracy unmöglich, die Antragsteller als Nicht-Juden auszugeben — doch sie fand ein Schlupfloch: Touristenvisa. Diese Visa hatten zudem den Vorteil, dass sie weniger strengen Vorschriften unterlagen.

Während der Novemberpogrome 1938 versteckte Aracy de Carvalho einen jüdischen Zahnarzt in ihrer Wohnung in Hamburg Uhlenhorst, dem sie später ebenfalls ein Visum verschaffte.

Um den Verfolgten zu helfen, ging Aracy immer größere Risiken ein. So stellte sie auch Visa für Menschen aus, die nicht in Hamburg lebten und für die das Hamburger Generalkonsulat somit gar nicht zuständig war.

Für ihre Fluchthilfe arbeitete Aracy mit verschiedenen Helfern zusammen. Dazu gehörte auch der stellvertretende Generalkonsul João Guimarães Rosa, der ihre Visaanträge unterschrieb. Zwischen Rosa — heute bekannt als einer der wichtigsten brasilianischen Schriftsteller — und Aracy entwickelte sich eine Liebesbeziehung. Später heirateten die beiden.

Angesprochen auf weitere Helfer sagte Aracy in den 1980er Jahren: “Aufgrund meiner Arbeit konnte ich Freundschaften schließen mit Menschen, die in Behörden arbeiteten. Nicht alle Deutschen waren mit Hitlers Willkürmaßnahmen einverstanden, auch wenn sie ihre Ablehnung nicht öffentlich machten. Wir haben zusammengearbeitet, um Juden zu helfen. Ich habe damals versprochen, zu schweigen und ich halte mein Versprechen.”

Anfang 1942 trat Brasilien schließlich auf Seiten der Alliierten in den Zweiten Weltkrieg gegen Nazi-Deutschland ein. Das brasilianische Konsulat in Hamburg wurde geschlossen, Aracy kehrte nach Brasilien zurück.

Wie viele Menschen Aracy de Carvalho retten konnte, ist nicht überliefert. Schätzungen liegen zwischen 80 und mehreren Hundert.

Ihre Hilfsarbeit geriet jahrzehntelang in Vergessenheit. Erst, als sie 1982 auf Bestreben einer Gruppe von ihr geretteter Menschen in Yad Vashem als “Gerechte unter den Völkern” ausgezeichnet wurde, erwachte das Interesse an ihrer Geschichte.

Aracy de Carvalho starb am 3. März 2011 im Alter von 102 Jahren.

Mehr über Persönlichkeiten der vergangenen Jahrzehnte von Geschichtsenthusiast und Autor Leonhard Dihlmann:zeitsprung.substack.com

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