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Das Menetekel des Donald Trump

von Paul Kevenhörster | 
 |  Lesezeit: 7 Minuten

Vom politischen Fluch der Gotteslästerung

Blasphemie und Gotteslästerung haben eine jahrtausendalte Geschichte: In einer eindrucksvollen Erzählung des Alten Testaments verkündet eine geheimnisvolle Schrift an der Wand – das „Menetekel“ – dem babylonischen König Belsazar seinen baldigen Tod und den Untergang seines Reiches. Belsazar feiert ein rauschendes Fest. Da erscheint ihm eine geisterhafte Schrift an der Wand, die der Prophet Daniel als Vorhersage des baldigen Untergangs entziffert: „Mene mene tekel upharsin – Gott hat Dein Königtum gezählt und beendet.“ Der große Maler Rembrandt van Rijn hat diese dramatische Szene künstlerisch für immer festgehalten: den Augenblick, in dem der Gästeschar die geheimnisvolle Handschrift an der Wand erscheint und Belsazar und seine Gäste in Angst und Schrecken versetzt. Der Dichter Heinrich Heine hat dieses Bild in seiner Ballade „Belsazar“ im „Buch der Lieder“ festgehalten und der Komponist Robert Schumann schließlich musikalisch verewigt.

An diesen Fluch der Gotteslästerung fühlt sich der Beobachter in der Gegenwart erinnert, wenn er die amerikanische Politik betrachtet: Im Jahr 2026 hat die amerikanische Regierung Blasphemie zu einem zentralen Instrument ihres Selbstverständnisses und ihrer Selbstdarstellung gemacht. Mit aggressiver Geopolitik scheint der amerikanische Präsident die biblische Botschaft zu verkünden: „Du sollst keine anderen Götter neben mir haben!“ Sein „Kriegsminister“ Peter Brian („Pete“) Hegseth hat sich auf seiner Brust ein Tattoo des Jerusalem-Kreuzes zeichnen lassen – und außerdem das Kampfesmotto der Kreuzritter „Deus vult – Gott will es“.Er hat vor allem durch martialische Äußerungen für internationales Aufsehen gesorgt.So macht die Führungsmannschaft des amerikanischen Präsidenten Blasphemie und Gotteslästerung zu ihrem politischen Markenzeichen und zugleich zum Signum eines Politikstils umfassender Destruktivität.

Die Dämonen der christlichen Rechten

Die christliche Rechte in den Vereinigten Staaten besteht aus reformierten und calvinistischen Protestanten, charismatischen und pfingstlerischen Christen sowie konservativen Katholiken. Ihre politischen Hauptangriffspunkte sind Empfängnisverhütung und Schwangerschaftsabbruch, Bürgerrechte und Feminismus, Rassentrennung und Klimawandel. Durch die Republikanische Partei übt sie einen massiven Einfluss auf das Weiße Haus aus. Ihr politisches Ziel ist die Umgestaltung der Vereinigten Staaten in eine theokratisch regierte Nation und die Schleifung des Grundsatzes der Trennung von Kirche und Staat. Durch seine Mitarbeiter und Berater pflegt der Präsident eine enge Verbindung zur christlichen Rechten. Der „Belsazar im Weißen Haus“ zeigt jedoch nach dem Urteil seiner Kritiker selbst vor religiösen Autoritäten und den Gefühlen der Gläubigen keinerlei Respekt und beansprucht stattdessen eine geradezu gottähnliche Stellung.

Autoritäre Persönlichkeit

Viele aber fragen sich, auf welche Einstellungen und Vorprägungen dieses anmaßende Herrschaftsgebaren zurückzuführen ist. Der Kölner Soziologe Peter Heintz hat zur Erklärung der Entstehung autoritärer Politik schon vor einiger Zeit auf die Lehre von der Autoritären Persönlichkeit zurückgegriffen. Danach ist der Autoritarismus durch drei Verhaltensdispositionen gekennzeichnet: durch die Neigung zu stereotypem Denken, die Feindseligkeit gegenüber Fremdgruppen und durch die Bewunderung der Macht, wie sie insbesondere durch die eigene Gruppe repräsentiert wird. Die autoritäre Persönlichkeit ist für eine starke Diskriminierung der Schwachen geradezu prädestiniert. Ihre Bewunderung der Macht ist dabei schier grenzenlos. Da der innere Konflikt nicht gemeistert wird, nimmt die durch die anhaltende Frustration erzeugte Aggressivität eine neue pathologische Form an: die Extrapunitivität (pathologische Lust an Strafen) als dauerhafter Versuch, andere Personen für das eigenen moralische Unvermögen zu bestrafen.

Ein maligner Narzisst!

In einer Stellungnahme an den amerikanischen Kongress haben sich kürzlich zahlreiche Ärzte und Psychiater alarmiert gezeigt: Der Präsident sei nicht mehr in der Lage, die Regierungsgeschäfte zu führen, sein Urteilsvermögen sei erheblich beeinträchtigt und wahnhaft – eine Abdankung daher naheliegend. Die Psychiater, die diesen Aufruf unterzeichnet haben, werden sich an die Folgen einer narzisstischen Persönlichkeitsstörung erinnert haben. Ein offener Narzissmus prägt Menschen mit starkem Überlegenheitsgefühl, die ihre „Großartigkeit“ gerne demonstrativ zur Schau stellen.“ Das politische Echo des Belsazar aus Washington bleibt jedoch verheerend: Francis Fukuyama rügt Trumps Versuche, den Staat zu vereinnahmen, mit großem Nachdruck: „Die Trump-Regierung ist die korrupteste politische Führung, die ich je gesehen habe. Sie ist die korrupteste Regierung in der US-Geschichte … „

Die großen Verfassungslehrer des vergangenen Jahrhunderts sind immer wieder den Gefahren der Pervertierung der demokratischen Verfassung nachgegangen. So stellt Karl Loewenstein fest: „Die Jünger Macchiavells haben entdeckt, dass das demokratische Credo das Aushängeschild ist, unter dem sie ihrem finsteren Gewerbe nachgehen können. Die geschriebene Verfassung ist somit zur Tarn- und Narrenkappe für die nackte Gewalt geworden … Die Autokratie … zieht höhnisch die falsche Flagge der Demokratie auf.“ Auch im 21. Jahrhundert tritt die Autokratie – wie zahlreiche Beispiele zeigen – „in der Maskerade der konstitutionellen Regierung“ auf: Die schrankenlose Macht beginnt sich einzuwurzeln, und die geschriebene Verfassung droht als wenig wirksames Werkzeug der Kontrolle politischer Macht zu verkümmern. Sie bietet immer weniger wirksamen Schutz gegen die Wiederkehr der Autokratie.

Der Geist der Verfassung

Die Verfassung von 1776 und mit ihr der Stolz auf die Selbstfindung einer freien Republik halten die tief gespaltene Gesellschaft der Vereinigten Staaten bis auf den heutigen Tag zusammen. Doch der Mythos George Washingtonslässt vielen Bürgern den 47. Präsidenten in einem grellen Licht erscheinen. Während die amerikanische Erinnerungskultur als republikanischen Tugendkanon besonders Mut, Opferbereitschaft, Pflichterfüllung, Selbstbeherrschung, Bescheidenheit und Aufrichtigkeit beschwört, regiert in der Stadt, die den Namen des ersten Präsidenten trägt, nach dem Urteil kritischer Historiker „ein Möchtegern-Autokrat, Egomane, Kleptokrat und Lügner“ (Manfred Berg).Schon im Jahre 1836 hat James Madison, einer der Gründungsväter der Vereinigten Staaten, in seiner Farewell Address seine Mitbürger davor gewarnt, dass durch die Parteien „abgefeimte, ehrgeizige und skrupellose Männer in die Lage versetzt werden, die Macht des Volkes zu untergraben, selbst die Zügel der Regierung an sich zu reißen und hinterher ebenjene Instrumente zu zerstören, die ihnen zu unrechtmäßiger Herrschaft verholfen haben.“ 

Mene mene tekel

Und wie werden die amerikanischen Wähler auf diese Grenzüberschreitungen ihres Präsidenten antworten? Bereits vor einem Jahrhundert hat Harold Gosnell, Professor für Politikwissenschaft an der Universität Chicago, Erkenntnisse der Psychologie für die Erklärung des Verhaltens von Wählern und Parteien nutzbar gemacht: Nach dem „Gesetz des Pendels“ korrigieren die Wähler politische Irrwege ihrer Regierung bei der jeweils folgenden Wahl.

In der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung, dem Gründungsmanifest der amerikanischen Verfassung, heißt es hierzu zuversichtlich „that whenever any Form of Government becomes destructive of these Ends, it is the Right of the People to alter or to abolish it, and to institute new Government.”  Weder die Väter der amerikanischen Verfassung noch die Klassiker der Verfassungslehre haben jedoch eine derartige Usurpation politischer Macht wie in der Gegenwart vorausahnen können.

Alexis des Tocqueville, französischer Adliger und Politiker, hat schon vor zwei Jahrhunderten in seinem Standardwerk Demokratie in Amerika dem amerikanischen Präsidenten eine bleibende Warnung mit auf den Weg gegeben: „Wenn ein ehrgeiziger Mann die Macht einmal in der Hand hat, gibt es nichts, was er noch beachten könnte; und wenn sie ihm entzogen wird, denkt er an den Umsturz des Staates, um sie zurückzugewinnen. Dies verleiht dem großen politischen Ehrgeiz einen Charakter revolutionärer Gewalt…“ Diese Aussage kann in der Gegenwart auch als Mahnung vor einer übermäßigen Gegenreaktion des Präsidenten auf ein ungünstiges Ergebnis von Zwischenwahlen verstanden werden. In der Ballade Heinrich Heinesenthüllt der Prophet Daniel das Menetekel als Urteil Gottes und prophezeit dem König Babylons den baldigen Untergang: Gott habe Belsazars Tage gezählt, ihn gewogen und für zu leicht befunden und werde sein Reich zerteilen. Doch Belsazar versteht die Flammenschrift an der Wand nicht zu deuten, und Heinrich Heine schließt: „Belsazar ward aber in selbiger Nacht von seinen Knechten umgebracht.“ Auch der Belsazar Washingtons sieht nicht die Flammenschrift an der Wand, sondern „lästert die Gottheit mit sündigem Wort und brüstet sich frech und lästert wild“. Seine Wähler aber können ihn im November zur Rechenschaft ziehen.

Paul Kevenhörster

ist Professor Emeritus für Politikwissenschaft der Universität Münster und Autor der Bücher „Bilanz der Zeitenwende. Wird die Politik zukunftsfähig?“ (Baden-Baden 2026) und „Strategie und Taktik. Ein Leitfaden für das politische Überleben“ (mit Benjamin Laag, Baden-Baden 2024, 2. Aufl.).

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