Als Dallas in den Osten kam

Die USA in der DDR? Was bedeutete das? Eine subjektive Erinnerung an vergangene Zeiten
Es war ein Jubel und gleichzeitig ein Abgesang. Als am 19. Juli 1988 Bruce Springsteen auf der Radrennbahn im Ost-Berliner Stadtteil Weißensee auftrat, wurden die Einzäunungen und die von der FDJ gestellten Ordner einfach überrannt. Bis heute sind sich Historiker nicht einig, ob damals eine halbe Million zum größten Konzertereignis der DDR geströmt waren oder „nur“ 160.000. Fest steht, dass danach im DDR-Fernsehen erstmals junge Leute gezeigt wurden – ob ihrer schieren Masse gezeigt werden mussten –, die selbst gebastelte US-Fahnen schwenkten und unisono den Refrain mitsangen zu Born in the USA. Viele der Besucher trugen freilich die blauen Hemden beziehungsweise Blusen der FDJ, und für eine kurze Zeit wurde sogar Genosse Egon Krenz, der ehemalige Chef der Jugendorganisation und inzwischen Erich Honeckers „Kronprinz“, im Publikum gesichtet. Die offiziellen Konzertkarten waren zuvor lediglich in „Berlin/Hauptstadt der DDR“ erhältlich, staatliche Betriebe und Institutionen wurden vorrangig bedient, nicht zu vergessen hohe Parteijungend-Funktionäre, unzählige Stasi-Mitarbeiter und sogenannte mobile „Agitatoren“. Deren groteske Sisyphos-Aufgabe bestand darin, den von den SED-Funktionären penibel ausgedachten Konzertrahmen – „progressive Rockmusik“ zum neunten Jahrestag der sandinistischen Revolution in Nicaragua – einem gänzlich anders gepolten Publikum mahnend in Erinnerung zu bringen.
Aber konnte das gut gehen – „gut“ im Sinne des staatlichen Machtapparats? Propagandistische Einhegung ausgerechnet von Songs, wie „The Boss“ und seine Band sie da spielten, unter dem Jubel Abertausender vor allem junger Leute? War, wie heute oft behauptet wird, Bruce Springsteens Konzert also tatsächlich eine Art unerwartetes „Vorprogramm“ zum Fall der Berliner Mauer über ein Jahr später? Oder hatte nicht ebenso die FDJ-intern schriftlich festgehaltene Absicht Früchte getragen, nach welcher derlei huldvoll genehmigte Rockkonzerte „sich als wirksame Form der massenpolitischen Arbeit der FDJ unter der Jugend der DDR bewährt haben“? Interessante Frage, auch nach inzwischen über dreieinhalb Jahrzehnten: Wer von den damals zu Born in the USA jubelnden FDJlern marschierte dann am 7. Oktober 1989 im Ost-Berliner Fackelzug zum „40. Geburtstag unserer Republik“ – und wer war unter den zahllosen Gegendemonstranten, die im Schutz der Dunkelheit von Polizei- und Stasikräften niedergeknüppelt und verhaftet wurden? Anders gefragt: Trug die partiell erlaubte Präsenz amerikanischer Kultur zu einer Erosion des DDR-Systems bei, ermutigte sie die Aufbegehrenden – oder ermöglichte sie, ganz wie in der Regime-Strategie vorgesehen, all den mehr oder minder eifrig (oder auch genervt) Mitlaufenden die angenehme Illusion, so schlecht könne es „bei uns“ doch gar nicht sein, wenn mittlerweile sogar US-Rockstars auftreten durften? Auftreten „durften“.

Bruce Springsteens damals auf dem Konzert von einem Zettel abgelesene Botschaft, dass er hier sei „in der Hoffnung, dass eines Tages alle Barrieren umgerissen werden“, war jedoch sowohl bei der zeitversetzten Übertragung durch das DDR-Fernsehen wie auch im vermeintlich semi-kritischen „Jugendsender“ DT 64 herausgeschnipselt worden. (Dabei hatte er, auf Anraten seines Managements, die ursprünglich vorgesehenen „Mauern“ sogar zugunsten jener nicht näher spezifizierten „Barrieren“ ausgetauscht.)
Immerhin: Trotz der angestimmten „Born in the USA“-Gesänge der jugendlichen Blauhemden war alles glatt verlaufen, und so konnten danach auch in der (bis heute als Putin-nahes Blatt existierenden) FDJ-Postille Junge Welt klügelnde Kommentare darüber veröffentlicht werden, dass die berühmte Songzeile in Wirklichkeit ja sarkastisch gemeint war und das Elend einer Existenz im „sterbenden Spätkapitalismus“ beschrieb.
Didaktik bis zum Schluss, denn bereits in der Frühphase der DDR hatte man versucht, „unsere Bevölkerung“ auf solche Weise zu trimmen: „Gut“ waren da etwa die Romane des amerikanischen Kommunisten Howard Fast (zumindest so lange, bis dieser mit der Kreml-Ideologie brach und in der DDR flugs zur Unperson wurde), „böse“ dagegen der Rock ’n’ Roll au Bill Haley, welcher – so damals die Parteipresse und die Schul-Agitatoren – durch „inhuman aufpeitschende Rhythmen die gesellschaftlichen Machtverhältnisse vernebelten“ und überdies die dergestalt manipulierten Proletarier davon abhielten, endlich in den „Klassenkampf“ einzusteigen. Als 1958 in der West-Berliner Waldbühne (in den Jahren vor dem Mauerbau auch für Ostbesucher noch erreichbar) ein Bill-Haley-Konzert zu Randalen und zerschmettertem Gestühl führte, konnten sich die SED-Ideologen in ihren Warnungen sogar bestätigt fühlen.

Wenn auch nicht für lange. War in den 50ern zusammen mit dem Rock ’n’ Roll auch der Jazz bekrittelt worden, änderte sich das in den 60er Jahren – das nunmehr vollständig eingesperrte Volk konnte schließlich nicht allein mit realsozialistischer Hausmannskost bei Laune gehalten werden. 1965 hatte man deshalb sogar Louis Armstrong, zuvor flugs gelabelt zur „Stimme des progressiven, des besseren Amerika“, eine DDR-Tour genehmigt, selbstverständlich unter dem Radar der Staatssicherheit, die (nicht zu Unrecht) den anarchischen Freiheitsimpuls fürchtete, der von einem solchen Charismatiker und seiner Musik ausging. Zumal sich ja besonders der Jazz in all seiner Improvisationsfreude nur schwer polit-pädagogisch kanalisieren ließ und späterhin sogar DDR-interne Jazzfestivals zu Inselchen geistiger Unabhängigkeit wurden. Anders nämlich als bei gängigem Schlager & Pop ließ sich Widerständigkeit beim Jazz nicht räumlich und zeitlich einkästeln und auslagern, sondern kroch quasi in jede Kapillare und Gehirnwindung hinein als Versprechen – und Beweis – einer selbstbewussten Gestimmtheit, die dann dem Parteiregime zumindest in Gedanken den Mittelfinger zeigen konnte.
Was schließlich in den 70er Jahren noch durch die „Blueser“ verstärkt wurde, ungebärdige, langhaarige Jugendliche, die aus dem Westen geschmuggelte Janis-Joplin-Kassetten hörten und sich vor einer Einberufung zum obligatorischen Armeedienst fürchteten. Von der repressiven Staatsmacht kujoniert und als „Gammler“ denunziert – dies nicht selten unter dem Beifall jener braven DDRler, die auf ihren Balkons und in ihren Gärten doch ebenfalls gern „Westmusik“ hörten –, entstanden im Biotop dieser Blues-Fans (mit Ausläufern zu Jimi Hendrix und The Doors) dann sogar die ersten ostdeutschen Oppositionsgruppen.
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Wer, wie der Autor dieser Zeilen, Ende der 70er Jahre ein Kind gewesen war und in den 80ern ein Jugendlicher, bekam somit aus den mitgeteilten Geschichten der Erwachsenen schnell ein Gespür für die Komplexität jenes „Amerika in der DDR“. War das Land eine Traumdestination? Jemals dahin reisen zu können, schien außerhalb jeglicher Vorstellungskraft. Dafür aber kamen, via allabendlich geschautem Westfernsehen, die USA in ostdeutsche Wohnzimmer: aus den Straßen von San Francisco mit Karl Malden und Michael Douglas oder als Miami Vice mit Don Johnson alias Sonny Crockett, der fin-dige Mütter (darunter die meinige) dazu inspirierte, für ihren Nachwuchs etwas zumindest ähnlich Cool-Lässiges zu schneidern. Selbst das ultraferne und exotische Hawaii schlängelte sich in Gestalt des schnauzbärtigen Tom Selleck (Magnum) in die DDR, des Weiteren Kult-Serien wie Colt Seavers oder Denver Clan. Als sich dort der Sohn der beiden Protagonisten Blake und Alexis (gespielt von der wunderbar biestigen Joan Collins) als schwul outete, wurde das am nächsten Morgen auch in ostdeutschen Schul- und Betriebskantinen ausgiebig diskutiert. Ebenso wie an Dienstagabenden gegen 22.30 Uhr mitunter das Wasser aus dem Duschkopf nur noch tröpfelte – zu viele DDR-Bürger waren nach dem Ende der wöchentlichen Dallas-Folge zeitgleich ins Bad gegangen.
Schier endlos ließen sich solche Anekdoten aufreihen, doch wovon zeugen sie? Von einer zusätzlichen Banalisierung amerikanischer Populärkultur, die sich freilich in der DDR einen ganz eigenen Charme und Witz erobern konnte? Es war weitaus mehr: Filme wie etwa Breakdance kündeten von den Möglichkeiten eines sich freikämpfenden Lebens auch unter widrigen Bedingungen, und gesellschaftskritische, in den DDR-Kinos häufig gezeigte Streifen wie etwa Silkwood (mit Meryl Streep) oder Missing (mit Jack Lemmon) zeigten eben nicht nur jene „spätkapitalistische Verkommenheit“, sondern auch diese tatsächlich atemberaubende amerikanische Möglichkeit, zensur- und angstfrei Filme drehen zu können und damit auf strukturelle Missstände aufmerksam zu machen.
Und heute? Scheint nicht nur in Ostdeutschland das Faszinosum Amerika einigermaßen verblasst und „Born in the USA“ keine Lockung mehr. Eine solche hatte Bruce Springsteen freilich auch gar nicht im Sinn gehabt. Eher schon die präzise kritische Beschreibung einer Realität, deren Rhythmus dann im wahrsten Wortsinn rockt. Ein kluger Energie-Booster über die Jahrzehnte hinweg, nicht zu unterschätzen. Und noch immer die schönste Aufforderung ever, Augen und Ohren neugierig offen zu halten und sich nicht einschüchtern zu lassen von Mauern und denen, die sie hochziehen – gestern wie heute.
Marko Martin
geb. 1970 in Sachsen, verließ im Mai 1989 als Kriegsdiensttotalverweigerer die DDR. Heute lebt er, sofern nicht auf Reisen, als Schriftsteller in Berlin. Zuletzt erschienen die Essaybände „Und es geschieht jetzt. Jüdisches Leben nach dem 7. Oktober“ und „Freiheitsaufgaben“ (Klett-Cotta/Tropen).
Foto: Privat
























