Amerika und wir

Amerika war für die Deutschen nie bloß ein Land. Es war eine Sehnsucht, ein Versprechen, ein Schreckgespenst. Kaum eine andere Nation wurde hierzulande zugleich so bewundert und so leidenschaftlich kritisiert.
Die Bundesrepublik entstand unter amerikanischem Schutz, während sich ihre Intellektuellen an Amerika abarbeiteten. Man protestierte gegen den Vietnamkrieg und hörte Bob Dylan. Man wetterte gegen den Kapitalismus, aber trug Jeans. Selbst der Antiamerikanismus war oft eine Form intensiver Beschäftigung mit den Vereinigten Staaten.
Heute scheint diese eigentümliche Hassliebe zu verblassen. Die Vereinigten Staaten sind noch immer Weltmacht, kultureller Taktgeber und politische Realität. Doch etwas hat sich verändert: Vielleicht verliert Amerika gerade seine Rolle als zentrale Projektionsfläche deutscher Wünsche, Ängste und Selbstbilder. Diese Ausgabe fragt anlässlich des 250. Jahrestages der amerikanischen Unabhängigkeit nicht zuerst nach den USA, sondern nach uns selbst. Nach unserem Amerika.
Die junge Amerika-Korrespondentin Jasmin Lörchner zeichnet die Geschichte einer Beziehung nach, die stets von Faszination und Ablehnung geprägt war (Seite 32). Die Journalistin Claudia Schülke blickt auf die Traumfabrik der 1950er Jahre und auf Ikonen wie Marilyn Monroe, Doris Day und Jane Russell, die das deutsche Bild von Freiheit, Schönheit und Modernität entscheidend mitformten (Seite 36). Der Historiker Philipp Gassert erinnert daran, dass Amerika nicht erst mit Hollywood oder dem Kalten Krieg begann: Die Revolution von 1776 und die Verfassung von 1787 gehören zu den Ursprüngen der politischen Moderne, deren Folgen Europa bis heute prägen (Seite 51).
Und der Bestseller-Autor Marko Martin führt uns in eine andere deutsche Amerika-Geschichte. In die DDR, wo die Vereinigten Staaten für viele unerreichbar waren und gerade deshalb umso stärker wirkten. Seine Erinnerungen reichen von Jazz und geschmuggelten Kassetten bis zu jenem legendären Konzert Bruce Springsteens im Sommer 1988 in Ost-Berlin, als Zehntausende junge Menschen „Born in the USA“ sangen und für einen Abend spürbar wurde, dass Musik Grenzen (und Mauern) überwinden kann (Seite 38). Dieser Gastbeitrag hat mir so gut gefallen, dass ich Marko Martin zu einem vertiefenden Podcast-Gespräch eingeladen habe. Mein neuer Podcast heißt „Rotary Deeplight Talk“, und das Gespräch mit Marko Martin können Sie ab dem 9. Juli auf Spotify, Apple, Amazon Music und Deezer hören. Ich verspreche: Es lohnt sich!
Vielleicht liegt darin bis heute das Geheimnis Amerikas: dass es nie nur ein Ort war, sondern eine Idee. Was aus ihr geworden ist, lesen Sie in unserer Titelgeschichte ab Seite 30.
Rotary erweitert seinen Horizont: Mit den Themenclubs ist eine Form rotarischer Gemeinschaft entstanden, die das klassische Clubmodell nicht ersetzt, sondern ergänzt. Menschen finden hier über gemeinsame Leidenschaften und gesellschaftliche Anliegen zu Rotary: etwa im RC Pferdesport, im RC Urlaub für Kinder oder im RC Mentale Gesundheit. Die Idee dahinter ist ebenso einfach wie zukunftsweisend: neue Wege zu eröffnen für Menschen, die sich engagieren möchten, aber bislang keinen Zugang zu Rotary gefunden haben. So verbindet sich die bewährte rotarische Idee des Dienens mit den Interessen und Lebenswelten einer neuen Generation. In unserem „Fokus“ stellen sich acht Themenclubs vor (Seite 12).
Viel Vergnügen bei der Lektüre wünscht
Björn Lange
Chefredakteur
























