Strapazierte Freundschaft

Schutzmacht und Bedrohung, Sehnsuchtsort und Zerrbild: Die Beziehung zwischen Deutschland und den USA ist schon lange wechselhaft. Unter Trump kippt die Hassliebe in Abscheu – was bleibt, wenn die MAGA-Ära einmal endet?
Es war ein Auftritt mit Folgen. Bundeskanzler Friedrich Merz sollte bei seinem Besuch des Carolus-Magnus-Gymnasiums am 27. April 2026 im nordrhein-westfälischen Marsberg über europäische Themen sprechen, beantwortete aber auch eine Frage nach dem Krieg der USA gegen den Iran. „Die Amerikaner haben offensichtlich keine Strategie“, sagte er, und dass es den Iranern in den bislang ergebnislosen Friedens-verhandlungen gelinge, eine ganze Nation zu demütigen.
Die Antwort aus den USA kam prompt. US-Präsident Donald Trump kündigte in seinem sozialen Netzwerk Truth Social an, die US-Militärpräsenz in Deutschland zu reduzieren. Mindestens 5000 der insgesamt 39.000 in Deutschland stationierten US-Soldaten sollen abgezogen werden, womöglich mehr. Auch eine von seinem Amtsvorgänger Joe Biden gegebene Zusage für die Lieferung von Tomahawk-Raketen nach Deutschland kassierte Trump wieder ein.
Es ist ein neuer Tiefpunkt der transatlantischen Beziehungen zwischen Deutschland und den USA. Wie es weitergeht, ist in der Ära Trump völlig offen. Doch was sich gerade beobachten lässt, ist mehr als eine diplomatische Verstimmung. Es ist das vorläufige Ende einer Beziehung, die der Bundesrepublik 80 Jahre ihre außenpolitische Mitte gegeben hat.
Frei von Herausforderungen und Komplikationen war das Verhältnis nie. Ein Blick in die Geschichte zeigt die Stationen einer wechselhaften Freundschaft.
Es begann mit Sehnsucht. 1683 gründeten 13 Krefelder Quäkerfamilien um den frommen Erzieher Franz Daniel Pastorius mit Germantown in Pennsylvania die erste deutsche Ansiedlung auf nordamerikanischem Boden. Die Auswanderer flohen vor religiöser Verfolgung. Sie suchten einen Neuanfang in Freiheit.
Der gleiche Traum führte nach ihnen noch Millionen weitere Deutsche in die USA. Im 19. Jahrhundert kamen die Armen, nach 1848 die gescheiterten deutschen Revolutionäre. 5,5 Millionen Deutsche wanderten zwischen 1816 und 1914 in die USA aus. Es war ein gelobtes Land für all jene, die es in ihrer Heimat wegen Existenzangst oder politischer Verfolgung nicht mehr aushielten.
Solange Trump in Washington saß und man über MAGA den Kopf schüttelte, musste man sich nicht mit dem Aufstieg der AfD auseinandersetzen
Die beiden Weltkriege erschütterten die Beziehung. Deutschland und die USA standen sich als Kriegsgegner gegenüber. Dann, 1945, rollten die Amerikaner auf ihren Panzern als Befreier und Besatzer in Deutschland ein. Leuchtende Kinderaugen bestaunten Hershey-Riegel und Kaugummi-Streifen, manche Ältere empfanden die Entnazifizierung und die Nürnberger Prozesse jedoch als Rachejustiz. Mit Care-Paketen und der Berliner Luftbrücke zeigten sich die Besatzer bald als Beschützer gegen sowjetische Aggression, der Marshallplan half Westdeutschland und Europa wirtschaftlich wieder auf die Beine. Selbstlos war das allerdings nicht: Längst hatten die USA begriffen, dass sie im Zentrum Europas ein Bollwerk gegen den erstarkenden Kommunismus brauchten.
Die Nachkriegsjahre waren für Deutsche bestimmt vom Gefühl der Niederlage im Krieg, der Befreiung vom Faschismus und der politischen Bevormundung durch den stärksten westlichen Alliierten. Es war die Geburtsstunde der deutschen Hassliebe zu Amerika. Ein Amerika, das für die Deutschen viele Seiten hatte: Schutzmacht und Bedrohung, Kapitalismustempel und Konsumtraum, Jazz-Wiege und Land der Kulturbanausen.
Die erwachsen gewordene Generation der Kriegskinder erinnerte sich an die Amerikaner als Befreier und Beschützer. Man sympathisierte mit ihrer Politik. Die Kultur des „großen Bruders“ mit Sex, Drugs and Rock ’n’ Roll hielt so mancher im Land der Dichter und Denker allerdings für oberflächlich. Linke Studenten hassten hingegen den Vietnamkrieg und den Nato-Doppelbeschluss, aber hörten Coltrane, gingen in US-Filme und demonstrierten in Levi’s-Jeans. Konservative Transatlantiker bewunderten Reagan, glaubten an „Reaganomics“ und eiferten dem fiktiven Gordon Gekko an der Wall Street nach, lehnten aber Dinge wie die Todesstrafe kategorisch ab. Hass auf das eine schloss die Liebe zum anderen nicht aus.
Mit dem Mauerfall erlebte die Amerika-Liebe ihren wohl reinsten Moment. Präsident George H. W. Bush hatte die Wiedervereinigung gegen britische und französische Bedenken unterstützt. Die Bundesrepublik gewann ihre volle Souveränität zurück und rückte tiefer in die Nato. Bill Clinton wurde gefeiert, als er beim Staatsbesuch 1994 „Berlin ist frei“ rief und versprach: „Amerika ist jetzt und auf ewig auf eurer Seite.“ Nach den Terrorangriffen vom 11. September 2001 erklärte Gerhard Schröder den USA im Bundestag die „uneingeschränkte Solidarität“.
Anderthalb Jahre später hatte das Verhältnis tiefe Risse. Der Krieg in Afghanistan wurde von den Deutschen nur zögerlich mitgetragen, mit der Eröffnung des Gefangenenlagers Guantanamo besudelten sich die Amerikaner in den Augen der Deutschen moralisch. Als die Regierung Bush dann auch noch auf einen Kriegseinsatz im Irak drängte, verweigerte Deutschland die Gefolgschaft. US-Verteidigungsminister Donald Rumsfeld schrieb die Zweifler Deutschland und Frankreich daraufhin als gestrige Nationen des „alten Europa“ ab. Es war eine öffentliche Demütigung Berlins durch Washington, und sie hat Spuren hinterlassen.

Als sich die vermeintlichen Beweise als Grundlage für den Angriff auf den Irak als gefälscht herausstellten, konnte man sich auf die Schulter klopfen und sich klüger fühlen als die Supermacht. An diese Selbstwahrnehmung konnte man mehr als ein Jahrzehnt später anknüpfen.
Die Obama-Jahre brachten eine kurze Entlastung, bei seiner Rede an der Siegessäule 2008 jubelten noch einmal 200.000 Deutsche. Auch wenn Guantanamo weiterbestand, auch wenn sich die US-Finanzkrise zur weltweiten Wirtschaftskrise ausweitete – Obama ließ die Deutschen wieder von einem Amerika mit Visionen und anschlussfähigen Werten träumen. Dann kam Trump.
Ungläubig sahen die Deutschen auf den Immobilienhai und Reality-Star, der nun im Oval Office saß. Vor allem aber: hämisch. Dass es „so jemand“ in dieses Amt schaffte, sorgte vom Stammtisch bis zur Politrunde für reichlich Spott. Die seltsame Frisur, der Selbstbräuner, die ungeschliffene Rhetorik, das unpräsidiale Auftreten: Man machte sich über den Amtsinhaber lustig, aber auch über die ungebildeten Wähler, die ihn ins Amt gehievt hatten.
Mit der ersten Wahl von Donald Trump brach sich eine unschöne Seite der deutschen Hassliebe Bahn: jene, sich den Amerikanern moralisch überlegen zu fühlen. Das Gebaren erfüllte aber noch einen Zweck. Solange Trump in Washington saß und man über MAGA den Kopf schüttelte, musste man sich nicht mit dem Aufstieg der AfD als gleichrangiges Phänomen auseinandersetzen. Amerikas politische Probleme wurden analysiert. Das eigene weitgehend ausgeblendet.
Deutschland saß die erste Amtszeit aus und atmete auf, als Joe Biden ins Weiße Haus zog. Umso größer war das Entsetzen, als Trump ein zweites Mal gewählt wurde. Dabei war seine erste Amtszeit eine Warnung. Die vier Biden-Jahre waren eine Chance, die Deutschland verschlafen hat, genau wie Europa. Militärisch, wirtschaftlich, ener-giepolitisch, technologisch. Constanze Stelzenmüller, Direktorin des Center on the United States and Europe bei der Brookings Institution, schrieb 2025 an die Bundesregierung gewandt, die Reaktion auf die Wiederwahl in Berlin folge dem Muster „Kennen wir doch schon, und nach vier Jahren ist es wieder vorbei“. Sie nannte es eine hochriskante Fehleinschätzung. Sie hatte recht.
Die Schutzmacht von 1945 destabilisiert im Jahr 2026 aktiv die deutsche Demokratie, die sie einst mit aufbauen half
Der US-Präsident nutzt Zölle für Erpressungspolitik, zerrüttet Bündnisse, führt Krieg gegen den Iran und droht Grönland mit Annexion. Er zeigt sich extremer und radikaler als 2016. Die Häme von damals ist in Angst, Panik und Abscheu umgeschlagen. Die moralische Überlegenheit hat wenig genutzt.
Jetzt schreiben die Deutschen die USA ab. Eine Demokratie zerlegt sich selbst, heißt es. Das Land ist am Abgrund. In einer Befragung von Pew Research bewerteten 2025 nur noch 27 Prozent der Deutschen die deutsch-amerikanische Beziehung als positiv, im Jahr davor waren es noch fast drei Viertel der Befragten. Ob im Umgang mit China, im freien Welthandel oder bei der Demokratieförderung weltweit: Die USA scheinen den Deutschen kein verlässlicher Partner mehr zu sein.
Während Deutschland die erste Amtsperiode von Trump aussaß, hat Trumps Amerika die Bundesrepublik neu kategorisiert. Deutschland gilt den USA nun als das, was Stelzenmüller „Europas Sollbruchstelle“ nennt: der Hebel, an dem man ansetzt, wenn man eine Neuordnung des Kontinents forcieren will. Für den reichsten Mann der Welt, Elon Musk, sind Wahlkampffinanzierung und -auftritte für die AfD deshalb nur folgerichtig. Die Schutzmacht von 1945 destabilisiert im Jahr 2026 aktiv die deutsche Demokratie, die sie einst mit aufbauen half.
80 Jahre amerikanische Garantie haben Deutschland nicht nur gestärkt, sondern auch träge gemacht. Jetzt steht es vor der Aufgabe, sich aus der Abhängigkeit zu lösen. Energie, Sicherheit, Technologie – alles gehört auf den Prüfstand. Das allein ist schwer genug. Noch schwerer ist es, die eigene Rolle neu zu denken und sich endlich vollständig zu emanzipieren.
Nicht, um dann in den alten Modus der Hassliebe zurückzufallen. Sondern um ein neues Kapitel in der transatlantischen Beziehung aufzuschlagen. Eines, in dem Deutschland nicht länger aus Abhängigkeit oder unangebrachter Bescheidenheit heraus agiert, sondern aus einer neuen Position der Stärke. Ein Deutschland, das sich auch fragen sollte, wie es reagieren will, wenn nach der MAGA-Ära ein anderes Amerika auf die Weltbühne zurückkehrt. Einer geschundenen Demokratie die Hand zu reichen: Das wäre ein neues Kapitel der deutsch-amerikanischen Freundschaft.
Jasmin Lörchner
ist freie Journalistin, Podcasterin und Autorin. Sie schreibt regelmäßig für „Spiegel Geschichte“. In ihrem Podcast „HerStory“ und in ihren Büchern beleuchtet sie Frauen und Queers der Geschichte.
Foto: Megan Robbins
























