01.08.2011

Die Halbinsel Istrien

Große Welt im Kleinen

Heinrich Marchetti-Venier

Eine Kreuzung zwischen Ost und West sowie Nord und Süd, zugleich ein Grenzraum zwischen Meer und Land, vor allem ein einzigartiges Mosaik verschiedenster europäischer Einflüsse – das alles ist Istrien. Mit 3.476 Quadratkilometern ist es gerade dreieinhalb mal so groß wie die Insel Rügen und doch viel mehr als der Beginn des italienischen Stiefels. Ein Kreuzungsraum, wo die römisch-byzantinisch und später osmanische Welt auf den eigenwilligen slawischen Südostens prallt, wo Mitteleuropa ebenso Spuren hinterließ wie das habsburgische Österreich und erst recht Venedig. Den Namen gaben die Histrier aus dem Hinterland, ein illyrischer Stamm. Nach dem Ende der römisch-byzantinischen Herrschaft gehörte es zur Mark Aquileia, die später an Bayern und Kärnten fiel, danach zum Osten Venetiens, zum Königreich Illyrien, zur österreichischen Markgrafschaft Istrien und heute – dreigeteilt – zu Julisch-Venetien, Slowenien und Kroatien. Rom und die Seeräuber als Intimfeinde, Ostrom, Deutsche und Slawen als Besatzer und Siedler, die Osmanen sowie Venedig als Kolonialisten, sogar Napoleon und zuletzt Österreich und Italien, alle haben sie Istrien ihre Spuren aufgezwungen. Zu den beeindruckendsten Zeugen gehören heute die Relikte der Römerzeit in Pula, dem alten Pietas Julia, das größte davon das Amphitheater, das einst 20.000 Zuschauern Platz bot. In Porec hinterließen sowohl West- und Ostrom gleichermaßen ihre Spuren, die alte römische Handelsstraße kündet ebenso davon wie die Reste zweier römischer Tempel sowie die zum Weltkulturerbe zählende Euphrasius-Basilika mit byzantinischen Mosaiken. Und Brioni verbindet Antike und Gegenwart sowie Weltpolitik mit Weltgesundheit. Wo römische Ferienvillen im Mittelmeerraum ihr größtes Ausmaß erreichten und ein byzantinisches Kastell stand, versuchte 1893 der österreichische Industrie-Tycoon Paul Kupelwieser, eine erste Tourimuslandschaft zu schaffen. Nur die Malaria machte ihm einen Strich durch die Rechnung, weshalb er sich an Robert Koch wandte. Der kam 1900 für ein Jahr und fand die Ursache, womit der globale Kampf gegen die Malaria begann. Seit 1947 empfing Josip Broz Tito hier seine Sommergäste, von Nehru und Nasser bis zur Queen und Eleanor Roosevelt.

Campanile, Piazza und Markuslöwe

Die stärkste Prägung erfuhr Istrien als Teil der See-Republik Venedig, die vierhundert lange Jahre bis 1797 alle Siedlungen am Meer, Land und Menschen geformt hat. Noch heute ist die Küste reich und dicht bevölkert, während das Binnenland arm und dünner bewohnt ist. Die Städte lassen venezianisches Flair deutlich erkennen. Campanile, Piazza und Markuslöwe, keines dieser Attribute fehlt, und in mittelalterlichen Gassen reihen sich kleine Kapellen an die Palazzi italienischer Patrizier. Heute gehören darunter Koper/Capodistria, Izola, Piran und Portoroz zu Slowenien, Umag, Novigrad/Cittanuova, Porec/Parenzo, Rovinj, Pula, Pazin/Pisino und Labin/Albona zu Kroatien. Schifffahrt und Seehandel, Fischerei und Salzerzeugung, der Austausch von Waren aus dem Hinterland oder Bergwerke in Idrija und Labin bestimmten das Leben.

Wunderschön, aber einsam bleibt das Land die ganze Ostküste entlang nach Rijeka hinauf. Nur wenige, kleine Straßen winden sich hier über die abrupt ins Meer fallende Karststeinkante; Leuchttürme illuminieren abends ein Naturparadies. Sie bieten einen großartigen Rundblick über die bewaldeten Hügel und auf die vorgelagerten Inseln. Lebhaft wird es erst hinter der Bucht von Rabac. Ein kleines Stück weiter Richtung Norden wird Istrien mondän. Eine Riviera verläuft von Lovran bis Opatija, wo heute Italiener und Osteuropäer urlauben. Und dann hat dieses Istrien noch eine innere Seele: Wild, beinahe unberührt wirkt es im Hinterland, einsame Dörfer, die nie mehr als eine Autostunde von beiden Küsten entfernt liegen. Sie thronen auf bewaldeten Bergrücken und lassen tief in ihre Geschichte sehen. Wie das entrückte Motovun, wo sich alles um die weißen und schwarzen Trüffeln dreht. Oder das Künstlerdorf Grožnjan, das im Sommer mit Musikaufführungen glänzt. Auch das an eine steile Felskante stoßende Pazin/Mitterburg mit seinem mittelalterlichen Kastell. Staatlich geförderte Kredite haben dafür gesorgt, dass sich ehrgeizige Winzer und Küchenchefs wieder im dünn besiedelten Landesinneren niederlassen. Rad- und Wanderwege wurden angelegt, und allmählich zieht es mehr und mehr Reisende hierher. Auch zwei Natur- und Nationalparks liegen hier, der von Brijuni/Brioni (1983) und U?ka (1999). Tiefgreifende Veränderungen haben auch das 19. und 20. Jahrhundert hinterlassen. Noch einmal kam der Name Illyrien ins Spiel. Nach kurzen Intermezzi trat das Kaisertum Österreich auf den Plan, das vom Königreich Illyrien mit Sitz in Laibach aus von 1815 bis 1849 herrschte, bis 1849 das neu geschaffene Kronland „Küstenland“ (Litorale/Primorska) mit Triest und Görz entstand und Istrien 1861 als Markgrafschaft mit Sitz in Parenzo/Porec eine Selbstverwaltung erlangte. Durch das spezielle Wahlrecht erhielten die italienisch-sprachigen Istrianer bis 1918 die Mehrheit. Dementsprechend wurden in der Monarchie die Ortsnamen in Istrien amtlich stets in ihrer italienischen Version genannt. Und dies bei über der Hälfte Kroaten, etwa einem Drittel Italienern und einem Fünftel Slowenen und anderen. Drei altösterreichische Momente veränderten Istrien nachhaltig bis heute. Nach dem Verlust Venedigs wurde Pola zur neuen Verteidigungszentrale der österreichischen Adria aufgebaut. Damit kam der moderne Verkehr und mit ihm der Tourismus. Die Bevölkerung der Stadt kletterte von eintausend 1848 auf 70.000 Einwohner 1910. Mit bis zu 4000 Beschäftigten der k. u. k.-Kriegsmarine und ihren Angehörigen, dem Bau von Schiffen und sogar Flugzeugen sowie naturwissenschaftlichen Einrichtungen entwickelte sich hier bis 1918 ein Innovationszentrum, das auch Jugoslawien nach 1945 behielt. Mit dem Bau eines Küsten- und Binnenverkehrsnetzes wurde Istrien endlich an die moderne große weite Welt angeschlossen. Der Österreichische Lloyd, 1832 gegründet, verband jetzt Erdteile mit der Adria, die Südbahngesellschaft erreichte 1854 Triest und 1884 Abbazia/Opatija, die istrianische Staatsbahn 1876 Pola und eine Lokalbahn, die Parenzana, Parenzo/Porec. Aus 1844 datiert der Aufstieg Abbazias als mondäner Kurort der Monarchie, und nach 1900 stieg Brioni in denselben Rang auf. Erste Adressen an der östlichen Adria – ganz auf die Herrschaften ausgerichtet, die samt Hutschachteln und Hündchen anreisten. Noch immer verströmen die Villen, die sich betuchte Schichten hier ab dem 19. Jahrhundert als Feriendomizile errichten ließen, Habsburger Noblesse. Auch heute ist der Tourismus das wichtigste Standbein Istriens. 1919, nach dem verlorenen Krieg und dem Auseinanderfallen des k.u.k.-Imperiums, wurde Istrien zu einem Brennpunkt der Nationalitätenkonflikte. Fiume/Rijeka und Zara/Zadar wurden Italien zugeschlagen. Der Machtanspruch des faschistischen Italiens zielte ab 1922 auch auf das ganze Hinterland ab. Albanien wurde besetzt und für die kroatische Hauptstadt Zagreb (Agram) der Name Zagabria geprägt. Die slowenische und kroatische Sprache wurden verboten, und Italienisch zugleich zur Pflicht.

Teilung der Halbinsel

Titos Jugoslawien revanchierte sich nach 1945 und annektierte nicht nur slawische, sondern auch vorwiegend italienisch besiedelte Gebiete. Die im Zeichen des Totalitarismus stehende jugoslawische Rache war grausam und unterschiedslos. In jenen Jahren verließen zirka dreihunderttausend Italiener ihr Zuhause, um jahrelang in Flüchtlingslagern zu leben. Entlang der Küste nördlich von Duino bis Novigrad/Cittanuova entstand das Freie Territorium von Triest, ein Kunstgebilde in Form eines 30 Kilometer langen Schlauches mit Triest im Mittelpunkt. Erst 1954 wurde ein Schlussstrich gezogen, Triest Italien und Istrien Jugoslawien eingeordnet.

Istrien ist heute Kroatien, fast drei von vier Menschen sind Kroaten – Resultat der ethnischen Säuberung, die nach dem Zweiten Weltkrieg neunzig Prozent der italienischen Einwohner durch Drangsalierung, Deportation und Morden vertrieb. Istrien ist aber auch Slowenien, das im Norden am Golf von Triest Anteil hat. Und trotz allem immer noch „un pochino d’ Italia“, weil die Halbinsel genau genommen ein Stück nördlicher an der Bucht von Muggia beginnt – und die gehört zu Italien. Italienische Vornamen und slawische Nachnamen sind keine Seltenheit. Auch die Zweisprachigkeit gibt es wieder, anerkannt in der Schule und auf den Ortstafeln.

Wer Istrien heute bereist, unternimmt eine Expedition zwischen Grenzen von gestern und heute, zwischen alt wie neu – ein ganz normales europäisches Abenteuer.n

Erschienen in Rotary Magazin 8/2011

Heinrich Marchetti-Venier

DDr. Heinrich Marchetti-Venier wurde in Oberösterreich geboren. Nach dem Abitur nahm er ein Studium des Lehramtes sowie der Geistes- und Naturwissenschaften an den Universitäten Salzburg auf, es folgten die Stationen, Wien, München, Bochum, Turin, Strasbourg und Washington. Anfangs Tätigkeit in der Raumordnung, später als Historiker und Privat-Gutachter sowie Autor. Er hatte lange Zeit das Amt des Distriktberichters für die österreichischen Distrikte D 1910 und 1920 inne. Heinrich Marchetti-Venier starb im November 2015.

Rotary Magazin 12/2016

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