Jugenddienst - » Die Betreuung wird immer schwieriger «

Immer ein Motiv von bleibendem Wert: der Schnappschuss vor dem Brandenburger Tor in Berlin, hier ganz aktuell von der Deutschlandreise der Inbounds im Distrikt 1810 © privat

13.05.2013

Jugenddienst

» Die Betreuung wird immer schwieriger «

Matthias Schütt

Der Jugendaustausch bleibt mit über 1200 Teilnehmern pro Jahr ein wichtiger Beitrag Deutschlands zur rotarischen Welt. Doch mit den Zahlen – und veränderten Ansprüchen der Jugendlichen – steigt auch der Aufwand von Betreuern, Gasteltern und Rotary Clubs

Die Tagung begann mit guten Nachrichten: Die Austauschzahlen steigen wieder. Mit 672 Teilnehmern am Jahresaustausch 2013/14 erzielt der RJD den zweitbesten Wert seit seiner Gründung 2007. Die Steigerung ist deswegen bemerkenswert, weil die Verkürzung der Gymnasialzeit (G 8) zunächst dazu geführt hatte, dass das Interesse vielfach nachließ. Erfreulich auch das heute breitere Spektrum: Gingen früher die Zielwünsche eindeutig in die englischsprachige Welt, so lassen sich immer mehr Jugendliche für Länder wie Brasilien, Japan oder Indonesien begeistern. Zugleich werden die Bewerber jünger – sowohl In- wie Outbounds. Viele sind gerade einmal 15, wenn sie ins Ausland gehen. Das aber sollte, so der Tenor unter den Fachleuten, die Untergrenze sein. Die Betreuung wird ohnehin immer schwieriger. Besonders gravierend: Viele Kinder lösen sich nicht von ihrer heimatlichen Umgebung, sondern halten per Smartphone und Internet permanent Kontakt: „Der Austausch ist für sie keine Herausforderung, sondern eher eine vorübergehende Störung“, bedauerte ein Austauschleiter, der dabei vielleicht eigenen Erinnerungen nachhing. Natürlich war die früher unvermeidliche Kontaktsperre nach Hause eine harte Erfahrung, andererseits: Wie schnell konnte man an der Herausforderung wachsen, eine neue Kultur für sich zu erobern? Es blieb einem ja nichts anderes übrig. Die Erfahrung heute: „Es gibt Inbounds, die ohne deutsche Freunde nach Hause fahren“, so Wolfgang Breme vom Distrikt 1870. Das allerdings ist der Ex-tremfall, etwa wenn Gastclubs ihrer Betreuungspflicht nicht gerecht werden. Im Sich-Kümmern liegt der Schlüssel zum Erfolg. Die modernen Medien zu verbieten scheidet zwar aus, engagierte Betreuer finden aber dennoch Wege, die Jugendlichen „aufzutauen“. Zum Beispiel beim Spracherwerb. Der leidet in dem Maße, in dem die Inbounds sich abkapseln. Als Gegenmaßnahme setzt der Distrikt 1850 auf konsequentes Sprachtraining mithilfe der Gasteltern – vom ersten Tag an nur Deutsch sprechen! – und mit dem Online-Lernprogramm Rosetta Stone sowie Erfolgskontrolle durch Tests. Das Ergebnis spricht für sich, wie Thomas Sander, Betreuer von Rebounds, Rotex und Orientations im Distrikt 1850, mitteilen konnte: Nur wenige Inbounds erreichen nicht das notwendige Sprachniveau.

Begeisterungsfähige Jugend

Auch andere Erfahrungen machen deutlich, dass die Betreuung nicht einfach nebenbei erfolgen kann. Thomas Lieb (Distrikt 1810), der sich um Outbounds in Asien kümmert, moderiert verschiedene Facebook-Gruppen, in denen sich Schüler in Japan oder Südkorea Rat holen können. Das ist eine wichtige Vorkehrung gegen einen Austauschabbruch. Vorzeitig heimzufahren war einmal die absolute Ausnahme. Heute rechnet Holger Knaack, scheidender Vorsitzender des Jugenddienstes Deutschland, mit regelmäßigen drei bis fünf Prozent Abbrechern. Gründe dafür sind zumeist Regelverstöße (Alkohol, Drogen, Diebstähle) oder das, was Patrick Plöger (Multidistriktbeauftragter für Ecuador, Bolivien und Peru) mit „romantischer Affäre in maximaler Ausbaustufe“ umschrieb. Bereits einen Schritt weiter ist die New-Generations-Beauftragte im Distrikt 1830, Martina Tischlinger, die sich um eine junge US-Amerikanerin und ihre gerade geborene Tochter kümmern muss. Damit kein falscher Eindruck entsteht: Die Berichte der Jugendleiter spiegelten allesamt überzeugend die Freude an ihrer Arbeit und vielen begeisterungsfähigen jungen Gästen, was die skizzierten Probleme deutlich überwiegt. Und nach wie vor sind die weitaus meisten In- und Outbounds gute Botschafter ihres Landes und gewinnen nachhaltige Erfahrungen, von denen sie ihr Leben lang zehren werden. Man muss sich nur davor hüten, das fröhliche und zugleich tränenreiche Abschiedstableau der Austauschschüler, das wir von unseren Distriktkonferenzen kennen, überzubewerten. Die Anpassungsschwierigkeiten verlangen doch übers ganze Austauschjahr einen erheblichen Betreuungsaufwand. Zum Glück gibt es Rotex. Das ist die Organisation der Rückkehrer, die sich in vielen Distrikten nach ihrem eigenen Austausch nun um die fremden Gäste bemühen – engagierte junge Leute, die Jugendleitern und Clubbeauftragten eines voraushaben: Sie begegnen den Jugendlichen auf Augenhöhe und können oft früher Probleme erkennen als Erwachsene. Leider erhalten sie nur selten die Anerkennung, die ihr Einsatz verdient. Motivierte Rotexler, die sich auf Vertrauen und gelegentliche finanzielle Zuwendungen „ihrer“ Rotary Clubs verlassen können, spielen eine zentrale Rolle für den Erfolg des Austauschjahres. Und den kann man messen: Inzwischen wird auch in Deutschland das internationale Umfrageprogramm „Survey Monkey“ per Internet-Link an alle Gäste verschickt, die einige Wochen nach ihrer Rückkehr ihre Erfahrungen bilanzieren sollen. Dabei wird weniger Wert auf Fakten als auf Empfindungen gelegt und viel Platz für Kommentare eingeräumt. Das Ergebnis ist insgesamt positiv, zeigt aber durchaus Untiefen: Wenn sich 70 Prozent der Inbounds in ihren Clubs gut und besser aufgenommen fühlen, bleiben 30 Prozent, die nur gleichgültige Rotarier kennenlernen.

Der Rahmen muss stimmen

„Es gibt keine schlechten Austauschschüler, es gibt nur schlechte Betreuung.“ Past-Governor Friedrich Neddermeier, langjähriger Jugenddienstbeauftragter des Deutschen Governorrates, hat diesen Merksatz geprägt. Er stimmt nicht immer, zeigt aber doch, wie essenziell die richtigen Rahmenbedingungen für ein erfolgreiches Auslandsjahr sind. So ist es dem RJD gelungen, durch die Mitgliedschaft in der Arbeitsgemeinschaft der Jugendaustausch-Organisationen (AJA) und eine Lobbytätigkeit, die bis zur Anhörung im Auswärtigen Ausschuss des Deu-tschen Bundestages führte, viele Hemmnisse vor allem im Visaverkehr abzubauen. Da schmerzt es besonders, wenn auf Clubebene die Gastgeber nur mit halbem Herzen dabei sind.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2013

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

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