14.03.2014

„Lesen lernen – Leben lernen“ feiert Zehnjähriges 

Eine halbe Million Bücher investiert

Matthias Schütt

Das Rotary-Projekt »Lesen lernen – Leben lernen« feiert in diesem Jahr zehnjähriges Jubiläum, und der Erfolg ist ungebrochen. 500.000 Bücher wurden bisher von Rotary Clubs an Grundschüler verschenkt. Initiator Past-Gov. Helmut Falter schätzt, dass in den nächsten fünf Jahren die Millionen-Schallmauer erreicht wird.

m Anfang war Pisa, genauer: der Pisa-Schock. Hätten die deutschen Schüler im Jahr 2000 im ersten internationalen Schulleistungstest nicht so erschreckend schlecht abgeschnitten, vielleicht wären Rotarier nie auf die Idee gekommen, die Leseförderung zu ihrem Thema zu machen. So aber wurden in den vergangenen Jahren mehrere Projekte in diesem Bereich angeschoben, für die jetzt der Lohn eingefahren wird: In der jüngsten Pisa-Studie von 2012 haben die deutschen Schüler ganz generell und ausdrücklich auch in der Lesekompetenz deutlich zugelegt. Sie liegen inzwischen in allen untersuchten Bereichen über dem Durchschnitt der beteiligten 65 Länder. Der deutsche Pisa-Projektleiter Manfred Prenzel zeigt geradezu auf Rotary, wenn er sagt: „Beim Lesen haben vermutlich die vielfältigen Lese- und Vorleseinitiativen Wirkung gezeigt.“

„Lesen lernen – Leben lernen“ (kurz „LLLL“ oder „4-L“) ist dafür ein Musterbeispiel mit außergewöhnlichen Kennzahlen: 360 Rotary Clubs – jeder dritte Club in Deutschland – und 40 Inner Wheel Clubs haben bisher teilgenommen. Elf von 15 Distrikten sind dabei. Zusammen haben sie 500.000 Bücher in 20.000 Schulklassen überreicht, allein der „Buchwert“ liegt bei 1,4 Millionen Euro.

 „4-L“ basiert auf der Idee, dass Rotary Clubs jedem Kind einer Grundschulklasse eine pädagogisch wertvolle Unterhaltungslektüre schenken, die unterrichtsbegleitend gelesen und bearbeitet wird. Dafür stehen sieben Titel für die Klassenstufen 2 bis 7 mit entsprechenden Lehrer-Handbüchern zur Verfügung. Das Charmante an dem Projekt: Die Buchpakete sind in der Anschaffung günstig, ein Klassensatz (25 Exemplare) kostet zwischen 70 und 85 Euro. Da können auch Clubs mit kleinen Budgets bei konsequenter Betreuung „ihrer“ Klasse(n) nachhaltige Effekte auslösen.

Hart kalkulierte Preise
Aus diesen Rahmenbedingungen erklärt sich die beeindruckende Entwicklung des Projekts, die fünf Beteiligte ermöglicht haben. Neben dem Buchhändler Falter, der sich um die konzeptionelle Planung und die
Beschaffung der Bücher kümmert, sind dies: die Grundschullehrerin i.?R. Monika Schröder (IWC Aachen) als pädagogische Fachfrau sowie Jan-Peter Hartmann (RC Zürich-Bellerive) als Koordinator. Dazu kommt der Rotary Deutschland Gemeindienst e.?V. (RDG), der die finanzielle Abwicklung für die Clubs übernimmt, sowie der Servicepartner MSP für Buchlager und Vertrieb. Für Hartmann ist diese Aufzählung nicht ganz vollständig. Er verweist auf die Clubs als Garanten für den Erfolg: „Sie bringen das Buch in die Schule. Wir sind nur dazu da, sie dabei zu unterstützen.“

Vor zehn Jahren hat „4-L“ ganz klein angefangen, mit Aachener Clubs und je einem Buch für die 2. und 3. Grundschulklasse. Die Bücher, die Falter bei Verlagen zu hart kalkulierten Sonderkonditionen einkauft und heute in fünfstelliger Höhe nachdrucken lässt – immer mit einem speziellen Rotary-Vorsatzblatt –, sollten klassenweise verschenkt werden, so die ursprüngliche Idee. Als die Inner Wheelerin Monika Schröder davon hörte, schlug sie als Ergänzung die Konzeption entsprechender Lehrerbücher vor, um von der Leseförderung zu einer Leseverständnisförderung zu gelangen. Aus ihrer schulischen Praxis wusste sie, dass die Lektüre intensiv begleitet werden muss: durch Rateaufgaben, Fragespiele, Rechtschreibübungen, kreative Erzählformen und so weiter. Zumal sich alle Titel fächerübergreifend nutzen lassen, in Deutsch, aber auch in Sachkunde, Kunst und Musik.

Aktivierte Kräfte
In dieser Tiefenverarbeitung gewinnt der Aspekt „Leben lernen“ seine Bedeutung: „Beim Lesen werden alle Kräfte, die in ihnen stecken, aktiviert“, erläutert Monika Schröder, die selbst Kinderbücher geschrieben hat: „Denken, Fühlen, Kommunizieren. Im Mit-Leben mit den Figuren gewinnen Sie Handlungsoptionen und werden zu kreativen Problemlösungen angeregt.“ Das und die ungewöhnlich günstigen Konditionen haben „4-L“ in zehn Jahren zu einem deutschlandweit bekannten Qualitätskürzel gemacht. Nicht nur dass viele Clubs ihren Klassen verbunden bleiben, auch die Schulen sind sehr daran interessiert, dass die Clubs jedes Jahr aufs Neue mit Buchpaketen vor der Tür stehen.

Die Kosten sind scharf kalkuliert
Dennoch sieht Helmut Falter nicht ganz sorgenfrei in die Zukunft. Das liegt zum einen daran, dass die Erweiterung des Programms von den vier Grundschulklassen in den sekundären Bereich (Klasse 5 bis 7) nicht so angenommen wird, wie er sich das wünscht. „In der Grundschule, mit den ganz jungen Menschen, lässt sich für das Lesen noch etwas bewegen. Die Älteren sind zumeist schon von anderen Dingen abgelenkt“, fasst er seine Erfahrungen zusammen. Ein wenig scheint er zu bedauern, dass er dem Drängen von Lehrern nachgegeben hat, die Hauptschulklassen in das Programm aufzunehmen. Zumal die Kostenstruktur anders ist: Kleinere Auflagen machen die Klassensätze teurer.

Die Kosten sind scharf kalkuliert. Dank kooperativer Autoren und Verlage kann er die Bücher zu sehr günstigen Stückpreisen zwischen 1,70 und 2,20 Euro einkaufen. Dazu kommen die Handbücher für die Lehrer und die Vertriebskosten. Ein Klassensatz in der Grundschule kann mit 70 Euro gerade noch kostendeckend angeboten werden, für die Hauptschule geht es nicht unter 85 Euro – „ein ganz knappes Geschäft“, so Falter.
Das andere Problem, das ihn und Jan-Peter Hartmann umtreibt, ist die schwierige Kommunikation innerhalb Rotarys. Wenn ein Drittel aller Clubs mitmachen, wären zwei Drittel noch zu gewinnen. Allerdings ist es ausgesprochen schwer, an die einzelnen Clubs heranzukommen. Die fast 100-Prozent-Beteiligung im Distrikt 1810 wurde möglich, weil Falter persönlich in allen Clubs für das Projekt geworben hat. Anders gesagt: Wenn es im Distrikt niemanden gibt, der direkt auf die Clubs zugeht, bleibt die Resonanz überschaubar.

Mit einer aufwendigen Werbeaktion sollen jetzt weitere Clubs informiert werden. Den Distrikten wurde für eine Pauschale von 750 Euro angeboten, jedem Club ein Infopaket mit sechs Titeln und einigen Lehrerheften zuzuschicken. Immerhin zwei Distrikte haben das Angebot angefordert. Die Aktion läuft noch bis Ende Juni 2014.

Weitere Kontakte erhofft sich Hartmann zudem von der neuen Website www.rotary4L.de. Dort können nicht nur die Bestellformulare runtergeladen und Presseartikel eingestellt werden, sie enthält auch aktuelle Informationen zum Projekt und bietet überdies im Gästebuch Gelegenheit zum Erfahrungsaustausch.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2014

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

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