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In rasender Fahrt durch die sibirische Steppe

Titelthema - In rasender Fahrt durch die sibirische Steppe
Humboldts Reiseroute auf dem Weg nach Sibirien (Illustration aus Volker Mehnerts Buch „Alexander von Humboldt oder Die Sehnsucht nach der Ferne). © Illustration: Claudia Lieb / Gerstenberg Verlag

Bei den Feierlichkeiten zu Alexander von Humboldts 250. Geburtstag stehen seine Erkundungen in Amerika wie gewohnt im Mittelpunkt. Doch nicht minder abenteuerlich verlief seine Expedition ins Russische Reich.

Volker Mehnert01.09.2019

Der Mann ist fast sechzig Jahre alt, gilt als zweiter Entdecker Amerikas und schon zu Lebzeiten als einer der größten Wissenschaftler seines Jahrhunderts. Er könnte es sich also in seiner Berliner Studierstube bequem machen, sein umfassendes Werk über den Kosmos vorantreiben und damit sein wissenschaftliches Renommee weiter befördern. Stattdessen zieht es Alexander von Humboldt zu neuen Abenteuern in unbekannte Welten hinaus, vor allem in den Himalaya. Dort könnte er überprüfen, ob die Andengipfel, die er einst bestiegen hat, wirklich die höchsten Berge der Welt sind. Kein Wissenschaftler hat das asiatische Hochgebirge bis dahin erkundet und dort irgendwelche Messungen durchgeführt. „Mein Projekt ist“, so hat er schon Jahre vorher an Johann Wolfgang von Goethe geschrieben, „mich nach dem Kap einzuschiffen, an der Südspitze von Afrika ein Jahr zu bleiben; dann nach Ceylon und Kalkutta zu gehen, mich in Benares, wo Karawanen von Lhasa ankommen, auf Tibet vorzubereiten und dann weiter vorwärts nach Norden einzudringen.“

Doch dieses Ziel seines immerwährenden Fernwehs scheint ihm versperrt. Der damals einzig vorstellbare Zugang zum Himalaya führt über das britische Kolonialreich in Indien. Humboldt ist deshalb mehrfach nach London gereist, um eine Genehmigung zu bekommen. Doch obwohl ihn auch die Engländer gebührend empfangen und als großen Wissenschaftler feiern, bleibt ihm die gewünschte Erlaubnis verwehrt. Sie fürchten, der neugierige Deutsche könnte spionieren oder, wie in den spanischen Kolonien Südamerikas immer wieder geschehen, die unrühmliche Behandlung der Einheimischen öffentlich anprangern. Seine kritische Haltung zu Kolonialismus, Sklavenhaltung und Ausbeutung ist hinlänglich bekannt.

Einladung des Zaren
Da erreicht ihn im Jahr 1829 plötzlich ein unverhofftes Angebot – ausgerechnet aus dem absolutistisch und repressiv regierten Russland. Zar Nikolaus I. hat natürlich auch schon von Humboldts Forscherruhm gehört, und er weiß, dass dieser sich seit seiner Zeit als preußischer Bergwerksinspektor mit der Förderung von Gold, Silber und Diamanten bestens auskennt. Warum also den erfahrenen Mann nicht auf eine Reise durchs eigene Reich einladen und sein immenses geologisches Wissen für das Auffinden weiterer Bodenschätze und deren effizienten Abbau ausnutzen? Kosten sollen dabei keine Rolle spielen.

Einer solchen Verlockung kann sich Humboldt nicht entziehen, zumal er seine eigenen finanziellen Mittel durch die fünfjährige Amerikareise zum Orinoco, durch die Anden, Mexiko und Kuba sowie durch die kostspielige Herausgabe seiner Bücher längst erschöpft hat. Gesund und tatendurstig ist er allemal. „Ich gehe noch sehr leicht, trotz meines Alters und meiner weißen Haare 9–10 Stunden ohne zu ruhen zu Fuß“, schreibt er vor der Abreise an seinen russischen Gastgeber. Von Berlin aus soll die Expedition über St. Petersburg und Moskau bis weit nach Sibirien hinein gehen. Zwar steht der Himalaya nicht auf dem Programm, doch weil Humboldt in Südamerika seine Pläne immer wieder abrupt umgeworfen, seine Reiserouten spontan geändert hat, hofft er insgeheim auch diesmal auf unvorhergesehene Abstecher, die ihn vielleicht in die Nähe des großen Gebirges bringen können. 

Doch da hat er erst einmal die Rechnung ohne den Zaren und dessen deutschstämmigen Finanzminister Graf Cancrin gemacht, der die Expedition organisiert. „Die Vorsorge der Regierung für unsere Reise ist nicht auszusprechen“, schreibt er von Jekaterinburg aus an seinen Bruder Wilhelm, „ein ewiges Begrüßen, Vorreiten und Vorfahren von Polizeileuten, Administratoren, Kosakenwachen aufgestellt!“ Der Zar ist misstrauisch und lässt seinen Gast kaum einen Schritt allein machen. Gern hätte dieser sich unterwegs viele Dinge genauer angeschaut. Wie immer interessiert er sich für alles, was am Wegesrand blüht und herumliegt. Er möchte seine Sammlungen ergänzen, seine Instrumente aufbauen und Messungen durchführen. Und natürlich will er mit den Menschen sprechen. Doch seine Aufpasser drängen ihn immer voran zum nächsten Bergwerk und zum nächsten offiziellen Empfang: „Das ist der Orinoco plus Epauletten!“, stöhnt er.

Kein Wunder, dass Humboldt kaum in Kontakt mit der einheimischen Bevölkerung kommt und am Ende auch nicht viel über deren Schicksal berichten kann. Aus Rücksicht gegenüber seinem Auftraggeber wird er sich später auch kritischer politischer Anmerkungen enthalten. In Amerika war er als unabhängiger Wissenschaftler unterwegs, hier muss er Kompromisse eingehen, auch wenn dies seiner wissenschaftlichen Denkweise vom Zusammenspiel aller Naturkräfte und dem menschlichen Wirken in ihnen und mit ihnen ganz und gar nicht entspricht.

Unterwegs im Riesenreich
Andererseits macht die effektive Organisation das Überwinden der unermesslichen Distanzen im Russischen Reich überhaupt erst möglich. Auf gut ausgebauten Straßen sind sie mit ihren Kutschen unterwegs; zwischen den angepeilten Zielen sorgen in regelmäßigen Abständen Pferdewechsel an Poststationen für eine erstaunliche Reisegeschwindigkeit – auf Gewalttouren ohne Pausen manchmal bis zu dreihundert Kilometer am Tag. So überqueren sie den Ural und erreichen Tobolsk, den ursprünglich geplanten Umkehrpunkt. Doch dort nimmt sich Humboldt tatsächlich die Freiheit zu „einer kleinen Erweiterung unserer Reisepläne“, gegen die die hohen Herren, weit entfernt in St. Petersburg, zwar Einwände haben mögen, die den reisenden Trupp aber nicht erreichen.

In rasender Fahrt geht es nun durch die Steppen Sibiriens. „Seit Kasan“, berichtet Humboldt, „gibt es kein Wirtshaus mehr, man schläft auf Bänken oder im Wagen, doch ist das Leben erträglich, und ich klage nicht.“ Sie kommen bis zu den Ufern des Ob und anschließend zum Oberlauf des Irtysch, damals Grenzfluss zwischen Russland und China. Dort steht Alexander von Humboldt nun tatsächlich vor dem Altaigebirge – nicht so hoch wie die Anden und der Himalaya, aber für den Forscher ausreichend Gelegenheit und Ansporn für  ausgiebige Messungen und das Einsammeln von Pflanzen und Mineralien, die ihm für sein Spätwerk über den Kosmos weitere Erkenntnisse verschaffen werden. An einen weiteren Abstecher zum Himalaya freilich ist nicht zu denken. Der Sommer neigt sich seinem Ende entgegen, die Rückreise muss angetreten werden. 

Am 14. September feiert Humboldt seinen sechzigsten Geburtstag fern der Heimat ausgerechnet in der kasachischen Steppe. Möglicherweise ist dies der Anlass für einen weiteren ungeplanten Abstecher nach seinem persönlichen Geschmack, diesmal zum Kaspischen Meer. „Ich kann mich nicht an Ihrem Reiche sättigen, nicht sterben, ohne das Kaspische Meer gesehen zu haben!“, schreibt er rechtfertigend an seinen Geldgeber. Mehrere Tage sind sie mit einem Dampfschiff auf dem großen Gewässer und in der Wolgamündung unterwegs. „Das ist ein Glanzpunkt des Lebens, mit seinen Augen dieses Binnenmeer gesehen zu haben“, freut sich die Globetrotter-Seele in seinem Innern. Reisen ist eben auch für den Wissenschaftler mehr als Graben, Messen und Botanisieren, ist eine Faszination für sich.

Ergebnisse der Expedition
Als Humboldt sich mit seinem Gefolge Mitte November nach sechsmonatiger Abwesenheit in St. Petersburg zurückmeldet, hat er dennoch nur zwei Drittel der zur Verfügung gestellten Expeditionskasse aufgebraucht. Vor Ort hat er mit seinen geologischen Kenntnissen dazu beigetragen, dass zahlreiche Bergwerke effizienter arbeiten und in Russland zum ersten Mal überhaupt Diamanten gefunden wurden. Mehr als 15.000 Kilometer hat er in dieser Zeit auf dem Landweg zurückgelegt – damals vermutlich ein nicht registrierter Weltrekord.

Aber wie sollte es anders sein: Die Erinnerungen an seine große Amerika-Expedition in jungen Jahren überschatten diese Altersreise. Die Monotonie der asiatischen Steppen verblasst hinter der tropischen Üppigkeit am Orinoco und den vulkanischen Wunderbergen der Anden: „Eine sibirische Reise“, bemerkt er, „ist nicht so entzückend wie eine südamerikanische.“ Aber immerhin: Er war noch einmal draußen in der weiten Welt – auf der letzten großen Forschungsreise seines Lebens.


Zum Nachschlagen

Humboldt selbst nannte es ein „Lieblingswerk“. Keine Faktensammlung, sondern ein grandioser Überblick über Ströme, Urwälder, Vulkane, Bodenschätze, Klima, Bio- und Geologie sowie Lebensweise und Wirtschaft der Einwohner Amerikas. Ansichten von der Natur, Die Andere Bibliothek 2019, 520 Seiten, gebunden, 24 Euro.


 

© dtv

Neben zahlreichen Büchern verfasste Humboldt rund 1.000 Artikel und Essays. Zum 250. Geburtstag fasst die „Berner Ausgabe“ erstmals das gesamte publizistische Werk zusammen – in einer limitierten Vorzugsausgabe im Schmuckschuber oder als Studienausgabe. Oliver Lubrich/Thomas Nehrlich Alexander von Humboldt Sämtliche Schriften dtv, ca. 6300 Seiten in 10 Bänden, 250 Euro (Studienausgabe).


Pflanzen, Tiere und Körperdetails, Konturen von Gebirgen, Flüssen und Kontinenten. Dieser prächtige Band zeigt – zum Teil bisher unveröffentlichte – Arbeiten aus Humboldts Nachlass in Berlin und Krakau. Das zeichnerische Werk, wbg Edition, 432 Seiten, 300 farb. Abb. gebunden, 100 Euro.

 

Volker Mehnert
Dr. Volker Mehnert ist freiberuflicher Journalist, Reiseschriftsteller und Buchautor. Seine Reportagen erscheinen seit vielen Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zahlreichen anderen Medien. Er hat sieben Jahre in Chile gelebt und von dort aus Südamerika und natürlich die Osterinsel bereist.

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