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Ein literarischer Schelmenstreich

Forum - Ein literarischer Schelmenstreich
1721: Der 15-jährige Benjamin Franklin (3. v. l.) in der Druckerei seines Bruders in Boston. © sipley/classicstock/getty images

Würdevoll schaut der ehrenwerte Herr herab von seinem Denkmalsockel im Franklin Institute von Philadelphia und sonnt sich in seinem Glanz als geachteter Erfinder und Politiker. Er lässt sich nicht anmerken, dass seine Karriere mit einem amüsanten Täuschungsmanöver begann.

Volker Mehnert01.04.2022

Mrs. Silence Dogood ist eine Witwe in ihren Vierzigern mit höchst dezidierten Anschauungen. Das ist Mitte des 18. Jahrhunderts ungewöhnlich, erst recht in den puritanischen und von Männern bestimmten britischen Kolonien in Nordamerika. Deshalb beginnt die Dame mit dem seltsamen Namen im April 1722 damit, ihre Ansichten in Form von Briefen an den New-England Courant zu artikulieren, eine der ersten amerikanischen Zeitungen überhaupt. Im Abstand von 14 Tagen schiebt sie die Manuskripte heimlich unter der Tür der Druckerei hindurch. Der Herausgeber gibt ihr tatsächlich ein Forum, und so wird die konservative Bostoner Öffentlichkeit im Rahmen von akademischen, moralischen und politischen Überlegungen mit höchst verstörenden Standpunkten konfrontiert.

Immer wieder verteidigt Mrs. Dogood die Rolle und die Fähigkeiten der Frauen gegen die überheblichen männlichen Denkweisen ihrer Zeit. Während Männer behaupten, sie müssten draußen in der Welt schwer arbeiten, um Frau und Familie zu versorgen, sei es in Wahrheit so, dass die Frauen mehr zu tun hätten, als sie bewältigen könnten: „Die Arbeit der Frauen hat nie ein Ende.“ Besonders schlimm sei es, den Frauen wegen ihrer angeblichen Natur oder einer von Gott gewollten Rolle sämtliche Bildungschancen zu verweigern. Mit Männern hat Silence Dogood offenbar schon vor ihrer Ehe keine allzu guten Erfahrungen gemacht: „Es gibt sicher kaum eine Phase im Leben eines Mannes, in der er alberner und lächerlicher erscheint als zu Beginn seiner Brautwerbung.“ Kein Wunder also, dass sie sich mit ihrem Familienstand einigermaßen abgefunden hat: „Schon seit einigen Jahren bin ich Witwe, aber ich könnte leicht überzeugt werden, wieder zu heiraten, wenn es einen gutmütigen, nüchternen und angenehmen Gefährten gäbe. Doch selbst jemand mit diesen wenigen guten Eigenschaften ist schwer zu finden, sodass ich jüngst alle Gedanken in dieser Richtung aufgegeben habe.“

Angriff auf die Tyrannei

Doch es geht ihr nicht bloß um eigene Befindlichkeiten oder das Verhältnis von Mann und Frau. Sie schaut auch über den privaten Tellerrand hinaus auf öffentliche Angelegenheiten. So verspottet Mrs. Dogood die Ausbildung an den Colleges und Eliteuniversitäten der Kolonie: „Man lernt kaum mehr, als sich anständig zu betragen und einen Raum gesittet zu betreten – was man sich genauso gut in einer Tanzschule aneignen könnte.“ Die Zulassung zum Studium hänge dabei leider vor allem von der Finanzkraft des Elternhauses ab. Die Mehrzahl der Absolventen verschreibe sich der Theologie, weil im Schoß der Kirche ohne viel Anstrengung gutes Geld zu verdienen sei. Ironisch setzt sich die Autorin auch mit der in der kolonialen Gesellschaft weitverbreiteten Trunkenheit auseinander, die mit Dutzenden von drolligen Begriffen wie „boozey, cogey, tipsey, fox’d, merry, mellow, fuddl’d, groatable, Confoundedly cut, See two Moons“ verharmlost werde. Schließlich knöpft sich Mrs. Dogood auch Politik und Politiker im Königreich und in den Kolonien vor. Sie wettert gegen heuchlerische Staatsmänner und Tyrannei und stellt unmissverständlich fest: „Ohne Gedankenfreiheit gibt es keine Weisheit, ohne Redefreiheit keine gesellschaftliche Freiheit.“

2022, Ein literarischer Schelmenstreich, mehnert
Benjamin Franklins Leitartikel im New-England Courant, 16.– 23. Juli 1722. Im April 1722, vor 300 Jahren, schrieb er erstmals als Silence Dogood © Wikipedia Gemeinfrei

Die Briefe werden zum umstrittenen Gesprächsthema in der ehrenwerten Bürgerschaft von Boston, und trotz der abfälligen Bemerkungen über den männlichen Charakter erhält die Witwe einige Heiratsanträge. Bald jedoch kommt bei den chauvinistischen Lesern der Verdacht auf, dass solch schwerwiegende Gedanken gar nicht von einer Frau stammen können, was sich im Fall von Mrs. Dogood am Ende tatsächlich als wahr erweist. Dass nur ein Mann solche Gedanken formulieren könne, ist freilich in jeder Hinsicht ein Irrtum. Denn die Briefe hat ein 16-Jähriger namens Benjamin Franklin geschrieben, ein Jugendlicher, der schon im Alter von zehn Jahren die Schule verlassen musste und sich nur durch seine ungeheure Wissbegier und Leselust autodidaktisch fortbilden konnte. Er arbeitet als Druckerlehrling bei seinem älteren Bruder James, der ab 1721 den New-England Courant herausgibt. Seinen kleinen Bruder behandelt er mit Strenge und sporadischer Brutalität, und natürlich lehnt er dessen gelegentliche Schreibversuche kategorisch ab. So kommt dieser aufgeweckte Teenager auf die kuriose Idee, sich ohne Wissen der Redaktion ausgerechnet unter dem Pseudonym einer Witwe Gehör zu verschaffen.

Ein kleiner Sieg für die Pressefreiheit

Die Reaktion der Obrigkeit auf die skandalösen Ansichten lässt nicht lange auf sich warten. James Franklin wird als Herausgeber unter Druck gesetzt und sogar für drei Wochen verhaftet. Deshalb übergibt er die Leitung des Verlages kurzerhand an Benjamin, und nach seiner Freilassung fahren beide mit der Veröffentlichung der Briefe fort. Jede neue Ausgabe der Zeitung müssten sie auf Anordnung der Kolonialverwaltung von Massachusetts eigentlich der Zensur vorlegen, was die beiden Brüder jedoch ignorieren. Diese Missachtung der Auflagen wird geduldet, die Pressefreiheit in den britischen Kolonien hat einen ersten kleinen Sieg errungen.

Schließlich erfährt James von dem literarischen Schelmenstreich seines Bruders, und er ist alles andere als begeistert. Dass jedoch ausgerechnet ein Teenager in der Lage ist, die Rolle und die beinahe feministischen Standpunkte einer dreimal so alten Witwe anzunehmen, wird ihn und seine redaktionellen Mitarbeiter vermutlich ebenso verblüfft haben wie heutige Leser dieser Briefe. Zwar endet die Serie mit der 14. Version, aber Benjamin zeichnet fortan sogar offiziell verantwortlich für die Herausgabe der Zeitung: „Printed and sold by Benjamin Franklin.“ Als jedoch James dem jüngeren Bruder gegenüber wieder sein autoritäres Verhalten aufnimmt, verschwindet Benjamin aus dieser unguten Beziehung und verlässt Boston in Richtung Philadelphia, wo er ein halbes Jahrhundert später zu den Verfassern und Unterzeichnern der amerikanischen Unabhängigkeitserklärung gehören wird. Der New-England Courant erscheint noch bis 1726 offiziell unter dem Namen des längst Abwesenden, wird dann aber endgültig eingestellt. Die Zeitung gilt in der amerikanischen Geschichte dennoch als erstes Medium, welches die kolonialen Normen und Direktiven infrage gestellt hat, und natürlich auch als erstes publizistisches Forum für das Denken und Schreiben eines Mannes, der bis heute zu den angesehensten Persönlichkeiten der Nation gehört.

Volker Mehnert
Dr. Volker Mehnert ist freiberuflicher Journalist und Buchautor. Sein Buch "Die großen Flüsse der Welt" wurde von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet als eines der 25 schönsten Bücher des Jahres. Im Gerstenberg Verlag ist sein Buch "Magellan oder Sternstunden der Seefahrt" erschienen.

 

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