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Ein luftiges Gespinst namens Südkontinent

Forum - Ein luftiges Gespinst namens Südkontinent
© AKG-Images

Vor 250 Jahren, am 13. Juli 1771, kehrte James Cook von seiner ersten Weltreise zurück nach England. Mit einer bedeutenden „Negativ-Entdeckung“ an Bord.

Volker Mehnert01.07.2021

Einmal bin ich Captain James Cook sehr nahe gekommen. Nicht wirklich, aber irgendwie doch. Es geschah auf einem Schiff in der Torres-Straße, der berüchtigten Meerenge zwischen Australien und Neuguinea: Die Meeresoberfläche schäumte, das Wasser schien zu kochen. Es waren Anzeichen der tödlichen Strömungen, die unmittelbar vor den Küsten über versteckte Riffe und Untiefen rauschen. Weil hier zwei Weltmeere, der Pazifische und der Indische Ozean, in einer nur 150 Kilometer breiten Passage zusammenstoßen, entstehen gewaltige Wirbel. Die Durchfahrt ist außerdem gespickt mit 180 Inseln und unzähligen Atollen und Korallenriffen, die zu den nördlichen Ausläufern des Great Barrier Reef gehören. Das Labyrinth der Torres-Straße gehört deshalb zu den schwierigsten Schiffspassagen der Weltmeere, Navigation wird hier für jeden Seemann zum Kunststück. 80 Wracks zeugen von vergeblichen Bemühungen. Heute müssen alle größeren Schiffe, die offiziell die Meerenge passieren, von Lotsen begleitet werden.

Weltkarte mit imaginären Inseln

Unser Lotse hieß John Foley. Stundenlang konnte er von abenteuerlichen Zwischenfällen während seiner langjährigen Dienstzeit berichten. Ins Schwärmen aber kam er, wenn er von James Cook erzählte. Dessen Leistungen mit den damals primitiven Mitteln der Navigation könne man gar nicht hoch genug einschätzen. Noch bis zum Ende des 20. Jahrhunderts orientierten sich australische Seeleute an den präzisen Seekarten, die Cook während seiner Weltumseglungen hier anfertigte. Ich jedenfalls atmete durch, als wir die gefährliche Passage hinter uns hatten, und bekam gehörigen Respekt vor  einem Kapitän, der dies ohne jegliche Ortskenntnis mit einem Segelschiff geschafft hatte.

Für James Cook war eine solche Herausforderung an sich nichts Neues, und doch sollte sie seine Mission beinahe zum Scheitern bringen. Auf seiner Fahrt mit der Endeavour war er schon vorher ständig navigatorisch blind in unerforschten Gewässern unterwegs gewesen. Denn zu Beginn seiner Unternehmung war noch ein Drittel der Weltkarte weiß oder mit imaginären Inseln und Fantasiegebilden bestückt. Cook machte sich deshalb auf die Suche nach dem sagenhaften Südkontinent, jener Terra Australis, die seit Ptolemäus in den Köpfen der Europäer herumspukte. Seine Anweisungen vonseiten der britischen Admiralität sprachen von einem Kontinent, „dessen Entdeckung dieser Nation als Seemacht höchlich zur Ehre gereichen wird und die Entwicklung des Handels und der Seefahrt entscheidend voranbringen könnte“.

Nach der Umrundung von Kap Hoorn stand jedoch erst einmal ein Zwischenstopp auf Tahiti an. Dort sollte Cook im Juni 1769 auftragsgemäß den Venustransit beobachten, den seltenen Durchgang der Venus zwischen Erde und Sonne. Damit trug er dazu bei, dass anschließend mit den weltweit gesammelten Daten der Abstand der Erde zur Sonne relativ präzise berechnet werden konnte. Dann nahm Cook südlichen Kurs zum 40. Breitengrad und segelte dort weiter Richtung Westen. Von einem Kontinent jedoch keine Spur. Als die Endeavour schließlich nach zweimonatiger Fahrt doch auf Land traf, schien ein Ausläufer des ersehnten Erdteils gefunden. Cook in seiner unterkühlt sachlichen Art blieb skeptisch, während sich die „Kontinent-Eiferer“, die in seiner Mannschaft überwogen, in ihrem Enthusiasmus kaum bändigen ließen. Doch der weitere Kurs Richtung Süden brachte die Enttäuschung: zwei große Inseln, sonst nichts – Neuseeland. Der Tagebucheintrag des mitreisenden Botanikers Joseph Banks, der die Reise zum großen Teil finanziert hatte, spricht Bände: „Brise den ganzen Tag frisch, trug uns jedoch um die Landspitze zum restlosen Zerstieben unseres luftigen Gespinstes namens Kontinent.“ Es war eine „negative Entdeckung“, aber nichtsdestotrotz eine Entdeckung. Außerdem konnte Cook während der Umrundung die fast 4000 Kilometer langen Küsten der Nord- und Südinsel so exakt vermessen, dass einige seiner Seekarten bis 1994 von der neuseeländischen Marine genutzt wurden.

Anschließend stieß die Endeavour auf die Ostküste Australiens. Dort wartete die größte seemännische Herausforderung der gesamten Reise. Der mit allen unbekannten Wassern gewaschene Navigator Cook verhedderte sich bei der Vermessung der Küste im Gewirr des Great Barrier Reef. „Es ist eine Wand von Korallenfels“, schrieb Banks, „nahezu senkrecht aus dem unergründlichen Ozean steigend; die auf solch jähen Widerstand treffenden Wogen besorgen hier eine höchst erschreckliche Brandung.“ Zwischen Küste und Riffen landete das Schiff in einer maritimen Sackgasse, strandete schließlich auf einem Felsen und drohte zu sinken. „Ich gab das Schiff für verloren und packte zusammen, was ich zu retten können glaubte“, schrieb Banks.

Kapitulation im Labyrinth?

Mit letzter Anstrengung schaffte es die Mannschaft, das Schiff zu befreien. Aber das Leck war riesig, sodass Cook eine nahe gelegene Flussmündung ansteuerte. Die Endeavour musste am Ufer auf die Seite gelegt und notdürftig repariert werden. Das dauerte mehrere Wochen. Anschließend galt es, einen Weg aus den trügerischen Gewässern des Riffs zu finden. „Ich wusste keinen Rat, wohin ich steuern sollte“, notierte Cook im Logbuch. Auf seine Seekarte schrieb er in kapitalen Lettern das Wort „LABYRINTH“ – eine Art vorübergehender Kapitulation für den sonst so gründlichen Entdecker und Kartografen.

Mit Glück und Geschick fand er schließlich eine brauchbare Passage hinaus auf hohe See, nur um kurz darauf mit dem Inselgewirr der Torres-Straße konfrontiert zu werden. Kein Ausweichen möglich, nur vorwärts gemäß Cooks Credo: „Die Welt wird kaum eine Entschuldigung anerkennen für einen Mann, der eine von ihm entdeckte Küste unerforscht lässt.“ Mit Vorsicht und den Erfahrungen der vergangenen Wochen navigierte Cook seinen klapprigen, kaum seetüchtigen Kahn durch die unheilvolle Meerenge. Damit bewies er endgültig die Vermutung, dass es sich bei Australien und Neuguinea um zwei getrennte Landmassen handelt. Die Spanier hatten ihre frühen Kenntnisse darüber mehr als ein Jahrhundert lang geheim gehalten.

Über Batavia und Kapstadt machte sich Cook dann mit seinem ramponierten Schiff auf den Rückweg nach England. Am 13. Juli 1771 ging die Endeavour in der Heimat vor Anker – 1052 Tage nach der Abreise. Joseph Banks, der aristokratische Finanzier des Unternehmens, heimste mit seinen botanischen Sammlungen in der Öffentlichkeit die größte Aufmerksamkeit ein; Cook wurde in den Zeitungen kaum erwähnt. Erst eine Woche nach Banks erhielt der Kapitän eine Audienz beim König. Seine Meldung an die Admiralität fasste Cook lapidar zusammen: „Die auf dieser Reise gemachten Entdeckungen sind nicht groß.“ Das mutet höchst bescheiden an angesichts der tatsächlichen Leistungen. Die Bemerkung bezog sich wohl auf die nach wie vor unbestätigte Existenz oder Nicht-Existenz des Südkontinents. Immerhin hatte Cook die möglichen Koordinaten dieser Landmasse weiter eingegrenzt und mit Neuseeland einen perfekten Ausgangspunkt für zukünftige Erkundungen gefunden. Der endgültige Nachweis stand noch aus, aber den ließ sich Cook nicht nehmen. Genau ein Jahr nach seiner Rückkehr, am 13. Juli 1772, stach er erneut in See – zu seiner zweiten von drei Weltreisen.

Volker Mehnert
Dr. Volker Mehnert ist freiberuflicher Journalist und Buchautor. Sein Buch "Die großen Flüsse der Welt" wurde von der Stiftung Buchkunst ausgezeichnet als eines der 25 schönsten Bücher des Jahres. Im Gerstenberg Verlag ist sein Buch "Magellan oder Sternstunden der Seefahrt" erschienen.

 

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