Peters Lebensart - Kann denn Essen Sünde sein?

© Illustration: Jessine Hein/Illustratoren

01.02.2017

Peters Lebensart

Kann denn Essen Sünde sein?

Peter Peter

Fasten ist heute mehr ein Lifestyle denn ein religiöses Statement.

Fastenbrechen in der Quadragesima, Fleisch­essen in den 40 Tagen zwischen Karneval und Ostern. Der heilig gesprochene Kaiser Karl der Große verstand da keinen Spaß. 785 verkündete er für diese Sünde die Todesstrafe wegen heidnischer „Verachtung des Christentums“.

Gut, dass wir in Europa nicht mehr in so fundamen­talistischen Zeiten leben. Fastenvorschriften waren kein Zuckerschlecken in einer Epo­che schwerer kör­perlicher Arbeit. Fast die Hälfte der Woche galt damals als Fastentage: jeder Mittwoch, Freitag und Samstag, außer­dem war eine zweite 40-­tägige Fas­tenzeit im Advent zu beachten, neben Fleisch war auch Butter und Milch untersagt.

Warum das alles? Um es Christus oder Johannes dem Täufer gleichzutun, die sich 40 Tage in der Wüste kasteiten. Luther sollte sich entschieden gegen diesen Zwang zu religiösen Rekorden aussprechen: Einen Gedanken des mittelalterlichen Theologen Abä­lard aufgreifend, fragte er, worin der Verzicht läge, wenn man sich an luxuriösen Fischmählern aufgeile? Und überhaupt sei Gott nicht durch Werkegerechtigkeit zu erpressen und deswegen Fasten allenfalls Privatsache. So wurde Fasten zum distinktiven Merkmal, das die Konfessio­nen schied. Und – auch wenn das nicht ursprünglich intendiert war – der katholischen Küche einen Gourmet-Vorsprung bescherte. Denn nun mussten Köchinnen und Klosterbrauereien verlocken­de Alternativen zum verbotenen Fleisch kreie­ren. Bockbier und böhmische Mehlspeisen sind stär­kende Leckereien, geboren aus dem Verzicht.

Heute, wo selbst in katholischen Krankenhausmen­sen schon mal freitags ein Fleischgericht auf dem Plan steht, ist Fasten wieder hochaktuell. Allerdings herrscht babylonische Begriffsverwirrung darüber, was der Begriff bedeutet. Gar nichts essen und trinken, wenig essen und trinken, auf Alkohol verzichten? Oder sich lehrmeinungsgetreu an christliche, jüdische, isla­­mi­sche oder buddhistische Fastenregeln halten? Also etwa Fleisch essen, aber nicht tagsüber? Starkbier trin­­ken und fette Aale essen, aber auf tierischen Magermilch-­Joghurt verzichten? Auch längst vergessene theo­logi­sche Diskussionen werden nun in Diät-Blogs diskutiert: Bricht Schokolade das Fasten?

Jeder scheint etwas anderes darunter zu verstehen, was man auch als Emanzipation vom religiösen Gehorsam hin zum spirituellen und körperlichen Erlebnis deuten kann. Fasten ist heute weitgehend ein individueller Akt, der gut zu gesellschaftlichen Moden wie Konsumverzicht oder Veganis­mus passt. Mit dem wir Hoffnungen auf Reinheit, Fitness, ganzheitliche Entschlackung verbinden. Fasten bedeutet für die meisten: säkulares Wellnessfasten oder neudeutsch Bodyshaping. Essen ist wie­der Sünde, aber gegen den eigenen Köper. Wir verzichten auf Speisen, um schlanker, attraktiver, sportlicher und damit auch erotischer zu wirken – eine fast schon subversive Umdrehung theologischer Fastendoktrinen.

In unserer übergewichtigen Gesellschaft tut es vie­len gut, je nach Durchhaltevermögen Askese zu üben, wenn man auch das Gespür fürs rechte Maß behalten und sich keine Wunderheilung davon versprechen soll­te. Siddharta, der härteste aller Faster, der seine täg­li­che Nahrung auf ein Reiskorn reduziert hatte, so­dass sein Rückgrat sich stachlig durch die Bauchhaut ab­zeichnete, erkannte, dass radikales Fasten ein Irr­weg ist. Erst als er die neurotische Fixierung aufs Nicht-­Essen nicht mehr zum Hauptzweck seines Lebens erklärte und sich entspannt ein Bäuchlein wachsen ließ, war er seelisch reif, als Buddha erleuchtet zu werden.

Erschienen in Rotary Magazin 2/2017

Peter Peter

Peter Peter ist Dozent für Gastrosophie an der Universität Salzburg, Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

pietropietro.de

Rotary Magazin 4/2017

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