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Festspiele 2021

Kein Sommer wie damals

Festspiele 2021 - Kein Sommer wie damals
Bratschist Nils Mönkemeyer gibt am 12. Juni das Auftaktkonzert der Festspiele Mecklenburg-Vorpommern © Holger Martens / Festspiele Mecklenburg-Vorpommern

Die Sehnsucht ist schier grenzenlos. Nach Urlaub und Freunden. Nach Abendgarderobe, Konzertbesuchen und
luftigen Klängen in lauen Sommernächten. Vieles davon wird es geben. Wenn auch nicht ganz so wie damals.

Hubert Nowak01.06.2021

Alle haben gelitten, leiden noch in Reichenau, wo viele Theaterstars aus immer. Viele klagen. Wirtschaft, Tourismus, Gastronomie. Die Kulturbetriebe – Theater, Kabarett, Konzert, Oper – galten als nicht existenziell notwendig. Die Schließungenwaren schmerzhaft. Das Ausweichen ins Netz war anfangs ein Spaß, dann Ansporn, im Niveau nicht abzubauen. Die Premieren, die von der Wiener Staatsoper live im Internet übertragen wurden, wurden sensationell gut angenommen. Die Elbphilharmonie hat die Pause wenigstens zur Generalreinigung der Orgel genützt. Die größten Ängste liegen dort, wo kein Ganzjahresbetrieb besteht, wo selten die öffentlichen Gelder zur Überbrückung reichen: bei den Sommerfestspielen.

Von genervt bis zuversichtlich

Einige haben bereits das Handtuch geworfen. Die Karl-May-Spiele in Bad Segeberg wurden abgesagt. Winnetou macht Pause. Die Händel-Festspiele in Halle: abgesagt, zum zweiten Mal in Folge. Die Festspiele in Reichenau, wo viele Theaterstars aus Wien ihre Sommerbühne hatten: abgesagt. Da hat sogar jetzt auch das Management die Szenerie verlassen. Die Nerven liegen blank. Bei manchen sind sie stärker. Die Salzburger Festspiele waren 2020 die Wisbrecher, international beachtet und ob des Mutes bewundert. Es ist gut gegangen, wenngleich mit deutlich eingeschränktem Programm. Deshalb wurde das 100-Jahr-Jubiläum auf heuer "verlängert". Geplant sind 168 Aufführungen an 46 Tagen, viele davon mit den Wiener Philharmonikern.„Wir tun alles dafür, dass wir spielen können“, sagt deren Vorstand Daniel Froschauer (RC Wien-Graben), „wir freuen uns auf Oper und Konzerte mit Muti, Thielemann, Welser-Möst, Nelsons und Blomstedt.“ Die Festspiele warten auf genaue Sicherheitsregeln von der Politik, aber die Philharmoniker sind ohnedies pandemiegestählt. Im November spielten sie acht Konzerte in Japan unter strengsten Maßnahmen und jetzt im Mai dreimal in Italien. „Wir wissen damit umzugehen, wenn am 22. Juli die Proben beginnen“, so Froschauer. Denn anders als viele andere hatten die Wiener Philharmoniker wenig Pausen durch Corona: „Wir haben mit Konzerten und Premieren der Wiener Staatsoper seit November 17 TV-Produktionen gemacht.“

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Der barocke Kaiserhof des Stiftes Klosterneuburg bietet eine natürliche Akustik, die Gesang ohne Verstärkung und andere technische Hilfen ermöglicht. Ein Auftritt bei diesem Festival diente schon vielen Künstlern als Beginn einer internationalen Karriere © Operklosterneuburg/Roland Ferrigato

Andere Künstler waren zum Nichtstun verurteilt. Einige, selbst wenn sie davor gut im Geschäft waren, stehen nach eineinhalb Jahren ohne Auftritt an der Kante zur Pleite. Die meisten haben aus der Not eine Tugend gemacht. So wie Nils Mönkemeyer (RC München 100). Der Star-Bratschist stürzte sich in seine Lehrtätigkeit an der Hochschule für Musik und Theater in München, hat in Bari ein Konzert mit Orchester aufgenommen und auch viel im Internet gestreamt. Aber „nur Streamingkonzerte sind nicht befriedigend“, gibt er zu. Alle wollen wieder Liveauftritte. Die Gelegenheit sollte er im Sommer bei den Festspielen Mecklenburg-Vorpommern haben. Mit gleich 25 Konzerten wird er dort als Preisträger in Residence eine gewaltige Last tragen. Am 12. Juni wird er in der Konzertkirche Neubrandenburg das Eröffnungskonzert geben. Hoffentlich. Denn der Festspielfrühling Rügen wurde abgesagt, manches davon soll im Herbst stattfinden. Auch der Plan für den Sommer steht auf tönernen Füßen. Das New Century Chamber Orchestra muss in San Francisco bleiben, stattdessen wird The Hope Orchestra einspringen.

Es gilt das Prinzip Hoffnung

Hoffnung ist generell das Thema der Saison. Die Klosterkonzerte Maulbronn setzen auf „Konzerte mit Abstand“. Mit vielen im Saal frei gelassenen Plätzen wird die Auslastung nach derzeitigem Plan nur bei rund einem Drittel der sonstigen Belegung liegen. „Wir hoffen, dass die Zeit für uns spielt“, sagt der künstlerische Leiter Sebastian Eberhardt (RC Bruchsal-Bretten), „und dass wir im Juli ohne Reisebeschränkungen mehr Publikum haben können.“ Vier Konzerte mussten bereits von Mai auf Sommer und Herbst verschoben werden. „Wenn wir auch noch etwas vom Juni schieben müssen, dann kann das vielleicht erst 2022 stattfinden“, erzählt Eberhardt. Denn im ungeheizten Kloster kann man nur von Mai bis September spielen. Die Reiseregelungen betreffen auch die Künstler und damit den echten Ablauf. Ob zum Beispiel ein Ensemble aus Schweden im Sommer nach Baden-Württemberg kommen kann, ist jetzt noch ungewiss. Die Einnahmen werden auf die Hälfte von Normaljahren schrumpfen. „Zum Glück haben wir treue Sponsoren“, so Eberhardt.


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Die braucht man in der Tat. Besonderes Glück haben dabei die Niedersächsischen Musiktage, deren Hauptgeldgeber die Sparkassenstiftung ist. „Unsere Förderung ist auf Dauer angelegt“, sagt deren Präsident Thomas Mang (RC Hannover-Leineschloss). Pro Jahr werden rund 1,1 Mio. Euro ausgegeben, um knapp 60 Veranstaltungen in diverse, auch kleinere Städte zu bringen. Durch den relativ späten Beginn am 28. August hofft Mang, „so viel wie möglich“ aus der schon teils aus dem Vorjahr stammenden Planung umsetzen zu können.

Lohnt auch bei 50-Prozent-Bestuhlung

Wie man dabei dem Schicksal ausgeliefert ist, machte man (ungewollt) in Klosterneuburg zum Programm. Verdis „La forza del destino“ wurde 2020 abgesagt, für heuer ist man dafür „sehr positiv gestimmt“, so Intendant Michael Garschall (RC Klosterneuburg). „Die Stadt als Veranstalter steht voll hinter den Festspielen“, erzählt er. Zum Glück ist ein Teil der Produktionskosten schon im Vorjahr abgedeckt worden, sodass man heuer auch mit – wie es derzeit aussieht – nur 50-prozentiger Bestuhlbarkeit im Kaiserhof des Stiftes über die Runden kommen sollte. Vielleicht geht nach der Premiere am 3. Juli schon mehr. Der Aufwand ist freilich enorm. „Bei den Proben ab Mitte Mai werden alle Mitwirkenden, Solisten, Chor, Orchester und Technik täglich getestet.“

Zum Glück gibt es bei „operklosterneuburg“ immer nur eine einzige Produktion. Der zweite Abend davon (diesmal am 6. Juli) wird jedes Jahr als öffentliche Benefizvorstellung für den Rotary Club Klosterneuburg verkauft. „Diese rotarische Gala ist für den Club die wichtigste Einnahmequelle im Jahr“, sagt Garschall und lobt die Künstler, die dafür seit 15 Jahren auf einen Teil der Gagen verzichten. Dankbarkeit soll daher heuer ein Kriterium bei der Widmung des Ertrags sein, um die Macht des Schicksals zu lindern.

So wie das übrigens auch Nils Mönkemeyer macht, der auch wieder in Bonn bei „Klassik für alle“ in Zusammenarbeit mit der Caritas Menschen den Zugang zur Musik ermöglicht, die sich das sonst nie leisten könnten. Auch in der Suppenküche oder mit dem Obdachlosenchor hilft der Rotarier dort, wo seine Karriere begann. Heuer mussten seine Konzerte in Bonn von Mai auf August verschoben werden.

Hauptsache, auf der Bühne stehen!

Egal, wann dieser Festspielsommer in Fahrt kommt, Hauptsache, er kommt. „Die Künstler sind froh, dass sie wieder auf einer Bühne stehen dürfen, und sind zu vielen Kompromissen bereit“, so Sebastian Eberhardt. Vielerorts werden Programme gekürzt und Pausen gestrichen, manche Konzerte gibt es dafür zweimal am Abend, um wenigstens so den Menschen wieder einen Konzertbesuch zu ermöglichen. Die Pandemie hat irgendwie auch etwas Gutes. Sie hat den Wert von so manchem, auch von Kunst und Kultur aufgezeigt. Und die Beschreibung für Verdis „Macht des Schicksals“ könnte als Motto für das gesamte Festspieljahr gelten: „Die Schönheit liegt in den Widersprüchen, in Lebenslust und Vergänglichkeit. In Eros und Tod.“ Letzterer könnte sein Treiben ja einmal auch nur auf die Bühnen beschränken.


Links:

salzburgerfestspiele.at

festspiele-mv.de

klosterkonzerte.de

musiktage.de (nsks.de/nsks)

operklosterneuburg.at

klassik-fuer-alle.de


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Hubert Nowak
Dr. Hubert Nowak ist Buchautor und Medienberater. Er war 40 Jahre lang als Journalist und Manager in verschiedenen Funktionen im ORF tätig, darunter als Moderator und stellvertretender Chefredakteur der „Zeit im Bild“, als Landesdirektor des ORF Salzburg, als Projektleiter für die ORF TVthek und als Redaktionsleiter des ORF für 3sat. Er ist Gründungsmitglied des RC Perchtoldsdorf. Zuletzt veröffentlichte er „Ein österreichisches Jahrhundert: 1918-2018“ (Molden Verlag, 2017). hubertnowak.at