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Eine Satellitenantenne auf dem Solartainer sichert die Internetverbindung nach Deutschland. © Thomas Kruchem

Aus aller Welt prasseln entmutigende Nachrichten zum Klimawandel auf uns ein. Doch es gibt auch Erfolge zu vermelden, dank Menschen, die sich Herausforderungen stellen und Mut machen. Drei Länder und drei nachahmenswerte Beispiele.

Thomas Kruchem01.09.2019

Energie aus fossilen Brennstoffen wie Kohle und Öl zählt zu den wichtigsten Ursachen des Klimawandels. Jene mehr als eine Milliarde Menschen, die noch ohne Strom leben, brauchen deshalb von vornherein klimafreundliche Energiequellen. Im ländlichen Afrika ist das vor allem Sonnenenergie – zumal die Preise für Solaranlagen und Akkus stark gesunken sind. Das Sozialunternehmen Africa Greentec des malisch-deutschen Ehepaars Aida und Torsten Schreiber leistet im Sahel-Land Mali Pionierarbeit.

Saubere Energie für Mali
Kai, ein 3000-Seelen-Dorf im Südosten Malis, besteht aus graubraunen Lehmhütten, beschattet von Cashew- und Mangobäumen, zwischen denen bunte Wäsche trocknet. In einem fensterlosen Schuppen dröhnt ein ölig-rußiges Dieselaggregat. Es treibt ein Mahlwerk an, in das junge Frauen Nüsse des afrikanischen Butterbaums schütten. Rotbrauner Brei fließt in Blechschüsseln. Daraus gewinnen die Frauen Sheabutter, einen begehrten Rohstoff für Kosmetika.

Nebenan schweißt Nuhun Traoré die zerbrochene Felge eines Lastkarrens. Eigentlich könnten sich die Frauen den Krach ersparen, sagt der junge Schmied, der bis vor Kurzem selbst den Dieselgenerator nutzte, um schweißen zu können. „Vor drei Monaten habe ich dann zum ersten Mal Solarstrom gekauft – von dem neuen Ungetüm dort drüben. Nun zahle ich pro Monat gerade noch ein Drittel dessen, was mich der Dieselstrom gekostet hat.“

Das Ungetüm steht seit Oktober 2019 in Kai: ein Container voller Elektronik, lackiert in den Nationalfarben Malis: Gelb, Grün, Rot. Darauf ein Logo mit den Konturen Afrikas: Africa Greentec. Über dem Container weit ausladende Dächer aus Solarpaneelen. In deren Schatten trinken ältere Männer in Boubous, bunt gemusterten Gewändern, Tee.

Air Condition für die Akkus
Dies sei ein mobiles Solarkraftwerk, ein Solartainer, erzählt im Innern des Ungetüms Mamadou Sal, der technische Geschäftsführer des Sozialunternehmens Africa Greentec. Im Rahmen einer Inspektionsreise erkundet Sal, ob die Obstbauern und Viehhirten in Kai sich angefreundet haben mit der Hightech-Anlage aus Europa.

Energiewirt Jesse Pielke aktualisiert die Software des Solartainers und bildet malische Techniker aus. © Thomas Kruchem

Der robust gebaute Container hat eine lange Reise hinter sich: Vom hessischen Hainburg, dem Sitz des Unternehmens, nach Hamburg, per Schiff nach Abidjan, auf einem Schwerlasttransporter quer durch die Elfenbeinküste und schließlich über die Buckelpisten Süd-Malis. Mamadou Sal öffnet den Batterieschrank. In dessen Schubladen steckt ein Dutzend aktenkoffergroßer Lithium-Akkus, gebettet in ein Geflecht von Rohren. „Wir nutzen Akkus der neuesten Generation. Die halten bis zu zwölf Jahre – wenn sie nicht zu heiß werden. Deshalb haben wir im Batterieschrank eine Klimaanlage installiert.“

In 25 Dörfern Malis hat Africa Greentec bis heute Solartainer aufgestellt und pro Anlage einen Wachmann und zwei Techniker engagiert. „Die lernen alles, was sie wissen müssen, on the job.“

Maximal 50 Kilowatt liefert die Anlage in Kai. 180 der 500 Haushalte haben einen Stromanschluss, zwei Steckdosen und drei LED-Lampen inbegriffen. Der Strom kostet 20 Eurocent pro Kilowattstunde tagsüber, das Doppelte abends. Viel Geld im Verhältnis zur Kaufkraft in Mali, aber nur halb so teuer wie Dieselstrom.

Im Dorf Kai verändere sich das Leben, sagt der Schmied Nuhun Traoré. „Ich habe mir einen Fernseher gekauft, meinem Sohn einen Computer und meiner Frau einen Kühlschrank. Unsere Hauptstraße ist jetzt nachts beleuchtet; und immer mehr Geschäfte führen gekühlte Lebensmittel.“

Auch auf Traorés Werkhof geht jetzt die Post ab. Der Schmied flickt nicht nur zerbrochene Felgen, er schmiedet auch Ackergerät, repariert Türen, baut Sesselgestelle. „Seit ich zwei Schweißgeräte und eine Flex mit Solarstrom betreibe, wächst mein Geschäft wie verrückt. Letzten Monat habe ich zwei Mitarbeiter eingestellt.“

Wasser für El Alto
Vielerorts weltweit bringt der Klimawandel Wassermangel mit sich: Flüsse trocknen aus, Feuchtgebiete verschwinden, die Gletscherschmelze in den Anden war eine Ursache der Wasserkrise, die 2016 Boliviens Metropolregion La Paz/El Alto heimsuchte. Indigene Bewohner des 4300 Meter hoch gelegenen El Alto zeigen nun ihren Mitbürgern und der Regierung, wie man sich anpasst und sorgsamer mit verfügbarem Wasser umgeht.

El Alto auf dem Altiplano oberhalb von La Paz hat eine Million Einwohner, zumeist indigene Aymara. „Und jährlich kommen 50.000 hinzu“, erzählt Ingenieur Guillermo Caliza, Mitarbeiter der kleinen Hilfsorganisation Red Habitat. Das Netzwerk aus Ingenieuren, Wasserexperten und Sozialarbeitern kümmert sich um die vom Staat vernachlässigte Wasserversorgung in El Alto – gemeinsam mit engagierten Bürgern wie der Schneiderin Estefa Ramos.

Regensammler
Das gelb getünchte Häuschen ihrer sechsköpfigen Familie liegt im Viertel Atalaya – umgeben von einem Garten, in dem Kartoffeln und Zwiebeln wachsen. Vom Hausdach führt ein graues Kunststoffrohr zu einem Betonsockel. Darauf stehen drei miteinander verbundene Kunststoffzylinder und ein schwarzer Tank, darunter ein Betonbecken zum Wäschewaschen. Eine Regenauffanganlage. Regenwasser zu sammeln habe eine lange Tradition bei den Aymara, erklärt Guillermo Caliza. „Red Habitat hat die Technik des Regensammelns nur optimiert. Das Projekt haben die Bürger Atalayas gemeinsam diskutiert. Dann haben sie die Tanks und den vorgeschalteten dreistufigen Filter hergestellt. Der entfernt zunächst grobe Verunreinigungen aus dem Wasser – und schließlich ganz feine Partikel.“

Estefa Ramos freut sich über ihre neue Regenwasserauffanganlage. © Thomas Kruchem

Brauchwasser für die Kartoffeln
Estefa Ramos legt drei Blusen ins Becken und dreht den Wasserhahn auf. Brauchwasser, sagt sie, fließe in die Klospülung und die Bewässerung ihrer Kartoffeln. „Ein Super-Projekt. Ich habe jetzt mehr als genug Wasser zum Waschen und Spülen, für Dusche und Toilette.“ Red Habitat habe 130 Haushalte in Atalaya mit Regenauffanganlagen ausgestattet, sagt David Quezada, der Leiter von Red Habitat – für 200 Euro pro Anlage. Das Modellprojekt trage die Tradition der Regenwassernutzung in die Stadt. Das sei nachhaltige Anpassung an den Klimawandel. Inzwischen bauen Menschen in ganz El Alto auf eigene Faust Regenauffanganlagen. Auch Boliviens Regierung habe angebissen, sagt Quezada stolz. „Sie hat auf der Basis unserer Technik 120.000 Wohnungen im ländlichen Bolivien mit Regen auffanganlagen ausgestattet.“ Demnächst will Red Habitat eine Anlage vorstellen, die Regen- in Trinkwasser verwandelt. Eine Alternative vielleicht für Hunderttausende Bewohner El Altos, die sich bis heute kostspielig aus Tankwagen versorgen.

In Schottland wird aufgeforstet
Weltweit wurde allein im Jahr 2018 eine Waldfläche von nahezu der Größe Englands abgeholzt. Und das, obwohl Wald gewaltige Mengen Kohlenstoffdioxid absorbiert und deshalb zu den wichtigsten Hoffnungsträgern im Kampf gegen den Klimawandel zählt.

Ähnlich wichtig wie der Kampf gegen weitere Abholzung ist die Wiederaufforstung. Wie erfolgreich dies sein kann, zeigt ein Beispiel aus Europa: Schottland war bis vor einigen hundert Jahren weitgehend bedeckt mit Caledonian Forest, Regenwald. Der Mensch holzte den Wald ab, bis er vor einhundert Jahren auf gerade noch vier Prozent der Landesfläche geschrumpft war. Dann jedoch begannen die Schotten die größte Wiederaufforstung in der Geschichte Europas. Sie läuft bis heute, getragen von der Regierung und zahlreichen Privatinitiativen wie dem National Trust for Scotland. Inzwischen sind wieder 19 Prozent Schottlands bewaldet, im Jahr 2050 sollen es 25 Prozent sein.

Vom Bergsteigerdorf Braemar am Rande des Cairngorms-Nationalparks in den östlichen Highlands sind es zehn Minuten den River Dee entlang bis zum Mar Lodge Estate, mit 290 Quadratkilometern der größte Landbesitz des National Trust for Scotland.

Im Altersheim für Bäume
Von einem mit uraltem, 30 Meter hohem Kiefernwald bewachsenen Hügel fällt der Blick hinab ins weite Tal des River Dee, aus dem vielfältige Vogelstimmen zu hören sind. Vor 20 Jahren habe der Trust das frühere Jagdgut Mar Lodge erworben, erzählt Shaila Rao, die Ökologin des Guts. „Als ich zum ersten Mal durch diesen Wald lief, hatte ich das Gefühl, durch ein Altersheim für Bäume zu wandeln, durch einen allmählich sterbenden Wald, der ausschließlich aus 200 bis 500 Jahre alten Kiefern bestand.“

Mar Lodge sei 200 Jahre lang ein Jagdgut gewesen, berichtet Rao. Jagden auf Hirsche, Rehe und Moorhühner seien die wichtigste Einnahmequelle gewesen, und für mehrere Nachbargüter sei das bis heute so. Deshalb täten sie alles, um die Zahl der Wildtiere hochzuhalten. Und das viele Rotwild hätte sämtliche nachwachsenden Bäume auf Mar Lodge Estate verbissen.

Für Waldbesitzer gebe es zwei Wege, nachwachsende Bäume vor Wildverbiss zu schützen, erklärt in Edinburgh Dominic Driver, Leiter des Referats Naturerbe beim National Trust for Scotland. Man könne den Wald einzäunen, was aber seine Ausdehnung ins Umland verhindere. Oder man könne Hirsche und Rehe zu Tausenden abschießen – was unweigerlich zum Krach mit Nachbarn führe, die mit hohem Wildbestand Geld verdienen.

3000 Pfund für die Moorhuhnjagd
Diesen Krach nahmen die Waldschützer des National Trust in Kauf, als sie Tausende Hirsche erlegen ließen. Und nach einigen Jahren habe der Wald tatsächlich begonnen, sich zu regenerieren, berichtet Shaila Rao und deutet von der Hügelkuppe hinunter in ein Seitental des River Dee. Auch dort stehen Granny Pines, Großmutter-Kiefern. Am Hang gegenüber aber wächst nicht nur, wie fast überall hier, öde Heide, sondern aus der Heide ragen Hunderte junge, bis zu sechs Meter hohe Kiefern empor, die den Hügel zusehends erobern. „Diese Kiefern werden die Heide im Laufe der Zeit immer stärker beschatten. Und weil Heide keinen Schatten mag, wird sie verschwinden, während die Bäume wachsen“, so Rao.

Gegen die Wiederbewaldung der Heide kämpft die Scottish Gamekeepers Association (SGA) in der Stadt Perth. SGA-Sprecher Bob Connelly zeigt ein Video, auf dem eine Flotte Geländewagen über Highland-Pfade prescht. Und Jäger in eleganten Anzügen schießen aus in den Boden eingelassenen Ansitzen auf schwarze Moorhühner mit rotem Kamm, die über die Heide flattern. 3000 Pfund pro Tag zahlt eine Gesellschaft von sechs Personen für das Vergnügen.

Shaila Rao, die Ökologin des Mar Lodge Estate. © Thomas Kruchem

Die Jagd auf Moorhühner ergebe wirtschaftlich nur dann Sinn, wenn man zeitgleich Hunderte Vögel auf die Gewehre der zahlenden Kundschaft zutreiben könne, sagt Connelly. Und um so viele Vögel zu produzieren, müsse man die Landschaft entsprechend gestalten. „Moorhühner brauchen Heideflecken mit jungem Kraut, von dem sie sich ernähren. Und sie brauchen höher gewachsenes Kraut, wo sie sich verstecken und Nester bauen. Deshalb brennen wir immer wieder Teile der Heide ab. Das ergibt dann das Patchwork-Muster, das Sie an den Hängen sehen.“

Sollten um des Jagd-Business willen Tausende Quadratkilometer Highlands ökologisch verarmte Patchwork-Heide bleiben? „Nein“, sagt die Ökologin Shaila Rao. „Wald ist wichtiger für Schottland und das Klima als die Interessen der Jäger und grandiose Ausblicke der Touristen über lila blühende Heide.“

Fast trotzig blickt Rao auf einen schneebedeckten Berg im Norden des Guts Mar Lodge. „Kiefern wachsen bei uns inzwischen weit die Hügel hinauf – bis auf 700 Meter Meereshöhe. Krüppelkiefern finden wir sogar auf 900 Metern Höhe, und in deren Gesellschaft Wacholder, Zwergbirken und Kriechweiden. So entsteht neuer Lebensraum auch für Waldvögel – für Goldhähnchen, Spechte, Schottland-Kreuzschnäbel und Kornweihen, von denen sieben Paare auf Mar Lodge Estate brüten“, so Rao.  

Thomas Kruchem
Thomas Kruchem bereist als freier Hörfunkjournalist regelmäßig Entwicklungsländer. Der Autor mehrerer entwicklungspolitischer Fachbücher hat unter anderem vier Mal den "Medienpreis Entwicklungspolitik“ des BMZ erhalten. Zuletzt erschien sein Werk "Am Tropf von Big Food" (Transcript Verlag, 2019).