13.04.2011

Erleben wir gerade den Niedergang der USA?

Weltmacht mit großen Fragezeichen

Herfried Münkler

Als der Historiker Edward Gibbon 1776 sein monumentales Werk über den Niedergang und Fall des Römischen Reiches veröffentlichte, begann in den Neuengland-Kolonien jenseits des Atlantiks eine Rebellion, die das Britische Reich an den Rand des Zusammenbruchs führte. So mancher Leser Gibbons dürfte bei der Beschäftigung mit dem Niedergang Roms die Krise Großbritanniens vor Augen gehabt haben. Aber dann erholten sich die Briten wieder, sie besiegten Napoleon, verteidigten Kanada und bauten ihre Vorherrschaft im südasiatischen Raum aus. Die Verbindungslinie London, Gibraltar, Suez, Aden, Bombay wurde zur neuen Lebensader des Weltreichs, und auch die Beziehungen zu den abtrünnigen Kolonien, die sich inzwischen als Vereinigte Staaten von Amerika konstituiert hatten, waren bald wieder so gut, dass sie eine Säule der von London kontrollierten Weltwirtschaft darstellten. Zweihundert Jahre nach Gibbon veröffentlichte der amerikanische Historiker Paul Kennedy ein Buch unter dem Titel „Aufstieg und Fall der großen Mächte“, in dem es um die Grundelemente der Weltgeschichte ging. Es wurde freilich von vielen Lesern als ein Abgesang auf die USA wahrgenommen, die sich zu dieser Zeit wirtschaftlich und politisch in einer schwierigen Lage befanden: Sie hatten den Krieg in Vietnam verloren, überall in der Dritten Welt gewann die Sowjetunion an Einfluss, und zu allem Überfluss bedrohten die Verlierermächte des Zweiten Weltkriegs, Japan und Deutschland, auch noch die industrielle Führungsposition der USA. Aber dann trat die Weltwirtschaft in einen neuen Zyklus ein, in dem nicht mehr der Maschinen- und Automobilbau, sondern die Informationstechnologie und die Biowissenschaften die entscheidende Rolle spielten – und die USA übernahmen wieder die weltwirtschaftliche Führungsrolle. Mit dem Zusammenbruch der Sowjetunion avancierten sie dann zur alleinigen Führungsmacht und dominierten die Weltpolitik wie kein Imperium zuvor. Sollte diesem Höhepunkt jetzt der jähe Absturz folgen?

Heikle Prophezeiungen

Die Diagnose des Niedergangs bringt oft eher Augenblicksaufnahmen, daraus erwachsene Gestimmtheiten und unspezifische Zukunftsängste zum Ausdruck, als dass dahinter eine längerfristige Entwicklungen berücksichtigende Bestandsaufnahme stünde. Das nimmt vor allem dann dramatische Züge an, wenn statt objektivierender Faktoren ethische Dispositionen für das Auf und Ab der großen Mächte verantwortlich gemacht werden. Statt von Niedergang ist dann von Dekadenz die Rede, und in hysterischer Aufgeregtheit wird die Rückkehr zu den alten Werten gefordert, durch die man einst groß und mächtig geworden sei. Das lässt sich im Römischen Reich beobachten, wo sich diese Forderung gegen das Christentum, die neue Religion aus dem Osten richtete, und sie ist jetzt auch in den USA sichtbar, wo evangelikale Bewegungen die Abwendung von christlichen Werten zur Ursache für den Niedergang der USA erklären. Dekadenzvorstellungen sind politisch gefährlich, weil sie zu heftigen Reaktionen verleiten. Und nicht selten führen die von ihnen gepriesenen Heilmittel direkt in den Untergang. Schon des Öfteren hat die Diagnose der Dekadenz langsamen Niedergang in katastrofischen Untergang verwandelt. Die Diagnose ist hier heikler als das Diagnostizierte. Vor Dekadenzvermutungen muss gewarnt werden. Die herausragende Position, die den USA nach dem Zusammenbruch der Sowjetunion zugefallen ist, ist als eine Ausnahmekonstellation zu begreifen, von der nur der Geschichte Unkundige und politisch Naive annehmen konnten, sie lasse sich auf Dauer stellen. Wo die Bipolarität des Ost-West-Gegensatzes domestizierend wirkte und aufstrebende Mächte vor der Alternative standen, sich entweder ins Gefolge der USA oder der Sowjetunion einzureihen, hat die amerikanische Alleinstellung zwangsläufig dazu geführt, dass die USA zum ausschließlichen Bezug für Widerspruch und Missgunst, Ablehnung und Feindschaft wurden und dass für alles, was in der Welt schief lief oder nicht so war, wie es sein sollte, sofort die USA in Verantwortung genommen wurden. Politisches Ungeschick und massive Fehler in der Ära George W. Bush kamen dazu, und so sehen sich die USA heute mit zwei Gegenakteuren konfrontiert, wie sie unterschiedlicher nicht sein könnten: der aufsteigenden Wirtschaftsmacht China, die sich in vielerlei Hinsicht am amerikanischen Vorbild orientiert, und dem Islamismus in großen Teilen der muslimischen Welt, dessen Stärke vor allem daraus erwächst, dass er das wirksamste Mittel amerikanischer Einflussnahme auf die Vorstellungswelt der Menschen blockiert: den „american way of life“. Die große Herausforderung der USA in diesem Jahrzehnt (und vermutlich auch darüber hinaus) besteht also darin, sich gegenüber radikal unterschiedlichen Akteuren behaupten zu müssen: gegenüber China als einer Macht, deren dynamische Warenproduktion die USA mehr und mehr zum Schuldner chinesischer Staatsfonds werden lässt, und gegenüber den Massen fanatisierter muslimischer Gläubigen, deren trostlose materielle Lebenslage dazu führt, dass sich spirituelle Erlösungsvorstellungen mit aggressiver Verachtung der amerikanischen Lebensweise verbinden. Selbstbehauptung und Gegenhandeln waren für die USA in der bipolaren Welt des Ost-West-Konflikts viel einfacher als in diesen unübersichtlichen neuen Konstellationen. Die Herausforderungen sind für die USA also größer und diffiziler geworden, während gleichzeitig die relative Überlegenheit Amerikas kleiner geworden ist. Das verlangt mehr politische Klugheit und Umsicht der Führungsmacht. Die Zeiten, in denen sie sich Leichtsinn und Hemdsärmeligkeit leisten konnten, sind vorbei.

Gegenseitige Abhängigkeiten

Die Positionierung in der Weltwirtschaft, einst die Trumpfkarte der USA, ist zur Achillesferse der Weltmacht geworden. Dass sich im letzten Jahrzehnt neben dem alten Zentrum des atlantischen Raums ein neues pazifisches Zentrum der Weltwirtschaft entwickelt hat, müsste den USA eigentlich keine Sorgen machen, sind sie doch sowohl eine atlantische als auch eine pazifische Macht. Der Eintritt in den Biotech- und IT-Zyklus hat ohnehin eher an der amerikanischen West- als an der Ostküste stattgefunden. Es sind vielmehr die sich auftürmenden Schulden des Staates und der privaten Haushalte, die zu einer wachsenden Abhängigkeit der USA zunächst von japanischen Kleinsparern und inzwischen von chinesischen Staatsfonds geführt haben. Aber der Aufstieg Chinas zum größten Gläubiger der USA hat auch Folgen für die chinesische Politik: Sie ist unter diesen Umständen nicht an Konfrontation, sondern an Kooperation mit den USA interessiert. Das ist für den Weltfrieden nicht unwichtig. Mögen die politische und wirtschaftliche Macht der USA im vergangenen Jahrzehnt auch abgenommen haben, so hat Amerika in den beiden anderen weltpolitisch relevanten Machtsorten, der militärischen und der ideologischen Macht, nach wie vor eine Führungsposition, bei der kein ernstzunehmender Rivale in Sicht ist. Freilich ist hier auch festzuhalten, dass die Bedeutung militärischer Macht durch Strategien asymmetrischen Gegenhandelns zuletzt an Bedeutung verloren hat. Parallel dazu hat jedoch die ideologische Macht relativ an Gewicht gewonnen. Noch prägt die Traumfabrik Hollywoods weltweit die Vorstellungswelt der großen Massen, und die Eliten an der Peripherie des amerikanischen Einflusses können sich für ihre Kinder nichts Wichtigeres vorstellen als das Diplom einer amerikanischen Universität. Solange das der Fall ist, wird man von Niedergang nicht reden können, jedenfalls dann nicht, wenn man nicht die Ausnahmekonstellationen nach dem Ende der Sowjetunion, sondern die Verhältnisse der vorangegangenen Jahrzehnte zu Grunde legt. Die Spielräume der amerikanischen Politik sind freilich enger geworden. Die USA sind wieder mehr auf Freunde und Verbündete angewiesen, um ihre Vorstellungen durchzusetzen. Aber das ist nicht das Schlechteste. Und wie steht es mit dem dynamischen Konkurrenten China? Das Reich der Mitte wird schon im nächsten Jahrzehnt die Folgen seiner Ein-Kind-Politik in Gestalt einer dramatischen Überalterung zu spüren bekommen, und der schnelle soziale Wandel, insbesondere die Auflösung der traditionellen Familienstrukturen als Grundlage der sozialen Sicherung im Alter, werden erhebliche finanzielle Mittel aus dem investiven Bereich in den der Sozialausgaben umlenken. Vor allem bleibt abzuwarten, ob es der Kommunistischen Partei Chinas auf Dauer gelingt, die politischen und ökonomischen Fäden in der Hand zu behalten und das Riesenreich zu lenken. Die USA mögen vor gewaltigen Herausforderungen stehen; China steht mit Sicherheit vor größeren.

Erschienen in Rotary Magazin 4/2011

Herfried Münkler
Professor Dr. Herfried Münkler ist Inhaber des Lehrstuhls für Theorie der Politik an der Humboldt-Universität zu Berlin. Zu seinen Werken gehören u.a. „Imperien. Die Logik der Weltherrschaft – vom Alten Rom bis zu den Vereinigten Staaten“ (2005) sowie „Mitte und Maß. Der Kampf um die richtige Ordnung“ (2010). Zuletzt erschien „Der Große Krieg. Die Welt 1914 bis 1918“ (2013, alle Rowohlt).

www.sowi.hu-berlin.de

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