01.04.2017

Peters Lebensart 

Eierstau und Lammalarm

Peter Peter

Die Kulturgeschichte rund um Ostern ist eine bunte Mischung aus katholischen Symbolen, evangelischem Protest und jüdischem Ritual

Alle Jahre wieder – kommt auch der Osterhase angehoppelt und versteckt für die Kinder bunte Eier. Wieso eigentlich: Kann das langohrige Wundertierchen tatsächlich Eier legen oder wenigstens bemalen? Fakt ist: Der Osterhase ist eine rebellische protestantische Kreatur, gezeugt aus dem Protest gegen katholische Fasten­regeln. Zwischen Karneval und Ostern gab’s nicht nur kein Fleisch, sondern auch keine Eier. Da die Hühner aber trotzdem legten, kam es zum Eierstau, der dann in ein reichliches Beschenken mit gesegneten Ostereiern am Ostersonntag nach der Auferstehung mündete. Dieses Leckereien-Ritual gefiel umgekehrt evangelischen Kindern so gut, dass man es, obwohl man nicht fastete, beibehielt, aber – emotional geschickt – teilweise schon auf den Gründonnerstag vorverlegte. Zu diesem Tag passte wiederum der Grünfutter liebende und für seine Fruchtbarkeit (ein Frühlingssymbol!) berühmte Hase …

Es gibt noch eine andere Legende zum Schmunzeln. Angeblich hat ein täppischer protestantischer Bäcker ein katholisches Osterlamm so verbacken, dass es eher wie ein langohriger Hase aussah. Die prächtigsten dieser Lämmer werden noch heute in sizilianischen Nonnenklöstern fabriziert: Kiloschwer aus Mandelmarzipan, gefüllt mit Pistazien und kandierten Orangen und mit zwei neckischen Kirschäuglein. Bayerische und österreichische Bäcker hingegen setzen wie heimische Rezept-Blogs eher auf Brand- oder Hefeteig. Das Gebildgebäck in Lammform geht letzten Endes auf das jüdische Passah-Fest zurück, bei dem rituell ein Lamm geschlachtet wird. Im Christentum wurde das Opferlamm als Agnus Dei zum Symbol des Heilands – so gesehen hat der österliche Lammbraten fast eucharistischen Charakter. Gerade für mediterrane Länder wie Griechenland oder Spanien ist er bis heute das wichtigste Festmahl im kirchlichen Jahreslauf geblieben, der ja mit Ostern beginnt. Wir tendieren hierzulande dazu, eher die Weihnachtsfeiertage zu Hause zu bleiben (und zu schlemmen) und nutzen die Osterferien gern zum Skilaufen oder einem Flug in wärmere Regionen – für Südländer bleibt Ostern das entscheidende Familienfest.

Doch zurück zu praktischeren Überlegungen. Das Osterlamm oder Zicklein war auch das erste frische Fleisch nach der langen Winterzeit, in der Speck und Salzfleisch aufgegessen und allenfalls zu Martini am 11. November oder Weihnachten eine Gans geschlachtet wurde.  Und es passt mit seinem zarten Aroma, das wenig mehr als Salz, ein paar frische Kräuter und vielleicht etwas Knoblauch braucht, wunderbar zum ersten Grün des Frühlings, zu zarten Salaten oder den frühesten Spargelspitzen – vielleicht das saisonalste aller Essen.

Denn Ostern, das ist auch schamanisches Winteraustreiben, Frühlingsputz und ein Gefühl des Neuanfangs – vom Osterspaziergang bis zu den ersten Osterglocken: Auch die Natur steht wieder auf. Und es tut gut, wenn auch das Essen das widerspiegelt und leicht, delikat und gesund bleibt. Schließlich gibt es nachher genug Süßes zur Auswahl: Osterfladen oder italienische Colomba, Eierliköreier oder mit kandiertem Obst bestückte Südtiroler Osterfochaz. Bleibt nur noch die alljährliche Party-Frage an die Schokoladenindustrie, wie viel Schoko-Osterhasen schon einmal im früheren Leben Schoko-Nikoläuse waren – ebenfalls „wiederauferstanden“, recycelt, umgeschmolzen und in frisches Stanniol verpackt? Unmöglich – oder doch eigentlich eine sinnvolle Idee, um Lebensmittel nicht zu verschwenden!

Erschienen in Rotary Magazin 4/2017

Peter Peter

Peter Peter ist Dozent für Gastrosophie an der Universität Salzburg, Restaurantkritiker der „Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung“ und Autor einiger ausgezeichneter Kulturgeschichten der europäischen Küche. Im Rotary Magazin schreibt er monatlich über aktuelle Themen rund um das gute Essen und die feine Küche.

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Rotary Magazin 10/2017

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