Christian Friedrich Hebbel - »Es muss ein Schaltjahr sein, die Theater spielen ein Stück von mir«Fotostrecke: Christian Friedrich Hebbel in Bildern

Friedrich Hebbel um 1853, nachgearbeitetes Litho © Kammerhofmuseum, Gmunden

12.12.2013

Christian Friedrich Hebbel 

»Es muss ein Schaltjahr sein, die Theater spielen ein Stück von mir«

Heinrich Marchetti-Venier

Vor 150 Jahren ist Friedrich Hebbel verstorben. Heute gilt er als bedeutender deutschsprachiger Lyriker und Dramatiker des 19. Jahrhunderts. Diese Anerkennung wurde ihm zu Lebzeiten nicht immer zuteil.

Hoch über der Ringstraße kann ein Platz nicht prominenter sein, an der rechten Seitenfront des Wiener Burgtheaters  schaut Friedrich Hebbel herab, zu seinen Seiten die Herren Schiller und Grillparzer – aber wer schaut hinauf?  Zu viele Gedenkjahre heuer und gerade Christian Friedrich Hebbel hat deren zwei. Lange Stiefkind unter den dichterischen Berühmtheiten, schätzen Wissende heute seine herausragende Besonderheit in der Literatur des 19. Jahrhunderts.


Hebbel selbst notiert in seinem Wiener Tagebuch vom November 1846 mit sarkastischem Witz: „Es muss ein Schaltjahr sein, die Theater spielen ein Stück von mir.“ Aber ganz so prekär steht es nicht mehr um ihn. Seit etwa zwei Jahrzehnten ist der Dramatiker Friedrich Hebbel auf die Bühnen zurückgekehrt. In Zürich, Hamburg, Bochum, Dresden, Wiesbaden, Freiburg, München, Berlin wurden und werden seine dramatischen Werke wiederaufgeführt. Dazu kommen zwei bedeutende Editionen, die in Erinnerung rufen, dass Hebbel nicht nur Dramatiker und großer lyrischer Dichter, dazu ein konziser Erzähler, sondern auch ein glänzender Journalist und Theaterkritiker, vor allem ein spekulativ begabter Philosoph und ein großer Psychologe gewesen ist.

Die fünfbändige Ausgabe der Briefe wurde noch im alten Jahrhundert abgeschlossen und jetzt sollen seine Tagebücher – nach dem Urteil etlicher Experten sein Hauptwerk – neu ediert werden. Zugegeben, man muss ganz genau lesen, zuhören, zusehen und denken, um das unglaublich Moderne, Zeitlose an Hebbel zu verstehen. Versuchte "Der Spiegel“ 1988 die Aufführung der „Nibelungen“ im Thalia-Theater unter der Regie von Jürgen Flimm schon vorher als „Stück Edel-Sperrmüll“  zu vermiesen, verstand die "Frankfurter Allgemeine Zeitung" die Inszenierung verklärend als ein gerade dem „Spiegel“ entgegen gesetztes Bild. Und der gewaltige Joachim Kaiser schreibt 2008: „Die Hebbel-Verweigerung unserer Bühnen mutet barbarisch an. Hebbels Tragödien bieten gewaltige Erfahrungen, wie sie nirgendwo sonst in solcher Weise zu machen sind, selbst bei Shakespeare nicht und beim hinreißenden Schiller schon gar nicht.“


Abscheuliches Stückwerk


So benennt Christian Friedrich Hebbel seine Jugend. Aus der Dänisch Dithmarschen Provinz stammend, wird er in der kleinen Stadt Wesselburen am 13. März 1813 geboren. In bescheidenen Verhältnisse als Sohn eines Maurers, der ihn auch als seinesgleichen sehen will. Aber der Sechsjährige beweist bereits Talent, als ihm die ersten Gedichte glücken. Ein anderer damals geborener Junge hätte wohl den üblichen Weg eines durchschnittlichen Lebens beschritten, nicht aber Hebbel.

Der phantasievolle Junge merkt bald, dass er sich von den anderen Kindern in Wesselburen unterscheidet und flüchtet in Traumwelten, die ihn vor der rauen Wirklichkeit abschirmen. Früh beginnt er seine Träume mit Geschichten zu verflechten und sie aufzuschreiben. Sein 1835 begonnenes Tagebuch wird er bis zum Tod weiter schreiben. In den frühen Jahren bilden sie eine Fundgrube des Nihilismus, erbärmliche Lebensumstände quälen Hebbel und rechtfertigen wohl ein tägliches Aufbegehren. Obwohl seine Biographie anfangs nicht vom Glück begleitet ist, findet er Menschen, die ihn vor einem echten Absturz bewahren. Voran sein erster Arbeitgeber, der Kirchenspielvogt Mohr, welcher den 14-jährigen als Gehilfen im Amt aufnimmt, wo ihm Logis und Bücher zur Verfügung stehen sowie erste Arbeiten (1828) gelingen. Dann die Hamburger Autorin Amalie Schoppe, welche seine Gedichte ab 1831 veröffentlicht  und Hebbel 1835 in Hamburg ein erstes Dasein und Studium ermöglicht, sowie später der Verleger Julius Campe.


Liebe als Einstieg ins Drama


Damit gelingt der Absprung nach Hamburg, wo sich seine übersteigerten Erwartungen nicht erfüllen. Er ist abhängig von seiner Lebenspartnerin Elise Lensing (1804-1854), bei der er wohnt und die all ihre bescheidenen Mittel in Hebbel investiert. Zwei Kinder bringt die Verbindung hervor, doch der werdende Dichter sträubt sich gegen eine Heirat. Die dramatische Beziehung, seine Gewissenserkundungen, die materielle Not geben ihm tiefe Einsichten in die menschliche Existenz und lassen ihn zum Dramatiker reifen. Friedrich Hebbel verlässt schließlich die Mutter seiner Kinder, wohl wissend, was er ihr damit antut.

Dank Elise kann er schon 1836 in Heidelberg Gasthörer an der Universität werden und seine Arbeit mit lyrischen Gedichten fortsetzen. Das Studentenleben passt ihm aber nicht und so geht er wie stets zu Fuß weiter nach München. Wieder findet er für drei Jahre Unterschlupf bei einer Tischlerfamilie und ernährt sich in Suppenanstalten. Seine nahezu anatomisch sozialen Eindrücke verarbeitet er später in „Maria Magdalena“. Hebbel kehrt 1839 mittelos und krank wieder zu Elise zurück. Gesund gepflegt, schafft er die nächsten drei Jahre (1840/42) drei wichtige Werke: „Judith“, „Genoveva“ und „Der Diamant“.


Bildungsreisender


Bald drängt es den 29-Jährigen ganz in die Ferne. Hebbel sucht seinen König Christian VII. in Kopenhagen auf, der ihm erst in einem zweiten Anlauf ein Bildungs-Reisestipendium verschafft. Es führt  ihn von 1842 an bis 1845 über Paris, Lyon, Rom, Neapel, Triest und Graz nach Wien. In dieser zeit sterben seine drei Söhne, einjeder im Alter von drei Jahren. Eine Verantwortung als Vater oder möglichen Ehemann lehnt Hebbel weiter ab. In Wien passiert sein Lebenswunder. Obwohl mittellos, findet er zwei reiche Reisegefährten, welche ihn einladen: "zu Wilder Nacht, kostbarem Essen,unter damastenen Decken. Es war, als ob mir ein Märchen passierte.“ Auch mit einer kompletten Garderobe wird er ausgestattet und macht darin der Burgheroin Christine Enghaus (1817-1910) seine Aufwartung, wie er durch sie eine Aufführung seiner Stücke erwartet. Beim vierten Besuch verlobt er sich und macht sein Glück.


Der Wendepunkt


Mit Christine, der arrivierten, vermögenden Schauspielerin – sie bekommt 5000 Gulden Gage lebenslänglich – findet der kontinuierlich soziale Aufstieg statt. Hebbel kommt endlich zur Ruhe und wird außerdem in absentia an der Universität Erlangen 1846 zum Magister der Künste und Doktor der Philosophie promoviert. Durch die Heirat Hebbels bricht für Elise Lensing eine Welt zusammen, aber wie ein Wunder sind Christine und Elise bald gut befreundet. Sie gibt sogar ihren unehelichen Sohn Carl zur Erziehung mit nach Hamburg, wo Elise 1854 stirbt. Selbst haben Friedrich und Christine den Sohn Emil (1846-1847) und die Tochter Titti (1847-1922). Während seines gesamten Lebens zeigt Hebbel soziales und politisches Engagement. In seinen Werken schildert er oft tragische, schicksalhafte Verkettungen von Ereignissen und macht die sozialen Probleme seiner Zeit zum Thema.

Er begrüßt die Märzrevolution, nimmt aber eine grundsätzlich loyale Haltung zur Regierungsform der Monarchie ein.  1849 kandidierte er (erfolglos) für die Frankfurter Nationalversammlung und kehrt als Vizepräsident der Schriftstellervereinigung Concordia nach Wien zurück. Die Heirat bringt Hebbel inzwischen so viel materiellen Wohlstand, so dass er ungestört arbeiten kann. Er schreibt neue Dramen, unter anderem „Herodes und Mariamne“ (1848), „Agnes Bernauer“ (1851), „Gyges und sein Ring“ (1854) sowie „Die Nibelungen“(1860). Christine spielt die zentralen Rollen in seinen Frühwerken, die Judith, Genoveva und Klara, in den späteren Werken die Mariamne, Kriemhild und Brunhild.

In Wien erhält Hebbel immer mehr öffentliche Anerkennung für sein Werk und wird schließlich als erster mit dem 1858 neu geschaffenen Schillerpreis ausgezeichnet. Unstet ist er hingegen beim Wohnen, acht Adressen aus 18 Jahren Wien Aufenthalt sind bekannt. Im Salzkammergut in Gmunden erwirbt er 1855 einen Feriensitz und schließt zur noblen Sommergesellschaft auf.

Sein Verhältnis zu berühmten Zeitgenossen und Kollegen ist aber ambivalent, so versteht er sich mit Heinrich Heine und Arnold Ruge in Paris, bekam aber keinen Zugang zu Franz Grillparzer in Wien oder gibt Robert Schumann keine Antwort, worauf dieser das Libretto zur Oper „Genoveva“ nach Hebbels Stück selbst schreiben muss. Auch Franz Liszt und Johannes Brahms vertonen Hebbel, aber später.  Mit scharfen Worten wendet er sich gegen die Dichtung seines Zeitgenossen Adalbert Stifter („Butterblumendichter“), die er als leere Idylle empfindet.

Kontroversen geht der als aufbrausend geltende Hebbel selten aus dem Weg. Als der von ihm oftmals kritisierte Heinrich Laube Direktor des Wiener Burgtheaters wird, hat seine Frau Christine darunter zu leiden; sie bekommt, wenn überhaupt, nur noch kleine Rollen. Dagegen ist der Theatermacher Franz Dingelstedt in München gut Freund, „Agnes Bernauer“ wird hier mit Christine aufgeführt, später als er in Weimar Chef ist, kann sie in den "Nibelungen" auftreten. Das Paar geht auf Gastspiel-Reisen, an die Höfe Europas und bis nach London. Als Publizist schreibt Hebbel jetzt unter anderem für die Wiener Zeitung, als Feuilletonredakteur der „ Österreichischen Reichszeitung“, die Augsburger Zeitung und die Illustrierte Zeitung aus Leipzig.


Im Morden ein wahrer Shakespeare


Hebbel gilt als bedeutender deutschsprachiger Lyriker und Dramatiker des 19. Jahrhunderts. Als Hebbel am 13. Dezember 1863 mit 50 Jahren in seiner Wahl-Heimat Wien stirbt, ist er der meistgespielte Bühnenautor seiner Zeit.  Er lebt nicht nur im Spannungsfeld der Seelenkräfte; er vermag sie mit seinem wachen Geist auch darzustellen.

Hebbels Dichtung bewegt sich mit feinem psychologischem Gespür innerhalb der Dramatik des Daseins und der Abgründigkeit der menschlichen Seele: Nacht, Schmerz, Tod, aber auch die Würde des Menschen sind Themen, die ihn sein Leben lang begleiteten. Das historische Gewand seiner Dramen ist eher nur Vorwand für seine Darstellung menschlicher Stärken und Schwächen. Hebbel konnte dabei dem in sich selbst erlebten Spannungsbogen von leidenschaftlichem Selbstgefühl und idealistischem Welterleben klaren gedanklich-sprachlichen Ausdruck verleihen. Dadurch ist sein Werk – anders als  andere Dichtungen des 19. Jahrhunderts – nicht veraltet. Das Künstlerische erscheint in ihm als Ausdruck von Weltvorgängen, die sich im Menschen spiegeln und deren Erleben den Künstler nach Gestaltung drängen.

Für Hebbel war Kunst auch persönliche Belehrung: „Hab Achtung vor dem Menschenbild,…und denke, dass, wie auch verborgen,… darin für irgendeinen Morgen, … der Keim zu allem Höchsten schwillt!“  Seine realistischen Dramen stehen zwischen Klassik und modernem psychologischen Drama, zwischen Tradition und Moderne; sie gestalten historische Krisen am Beispiel individueller Tragik. In Vorwegnahme Ibsens und Strindbergs oder als ihr Vorläufer, wie Werner Keller meint, propagiert Hebbel in seinen bekanntesten Dramen "Maria Magdalena" (1844) und "Agnes Bernauer" (1855) das Selbstbehauptungsrecht der Frau. Gerade dieses Anderssein hat Hebbel lange Zeit den Ruf eines rabiaten Sexualdramatikers eingetragen, der bereits den jungen Sigmund Freud 1875 beeindruckt, wenn er schreibt „Im Morden ist er ein wahrer Shakespeare,...die Leidenschaften schildert er immer so groß, dass es dem Dichter die Mühe lohnt, sie zu beleuchten…und vielleicht zu entschuldigen“.

Auch Franz Kafka ist 1904 begeistert. Er liest 1800 Seiten Tagebücher in einem Zuge und schreibt „…es tut gut, wenn das Gewissen breite Wunden bekommt,...wir brauchen Bücher, die auf uns wirken wie ein Unglück!“ Die Lyrik (Sammlungen 1842, 1848, 1857) hat Hebbel schon von Anbeginn beschäftigt. In ihr findet er das Versöhnende für die Spannungen seines Innenlebens. Schon mit der ersten Zeile vermag er Stimmung zu beschwören: “Ich sah des Sommers letzte Rose stehen“ (Sommerbild), „Dies ist ein Herbsttag, wie ich keinen sah“ (Herbstbild) oder „Unendlich dehnt sie sich, die weiße Fläche“ (Winterlandschaft). Die Erzählungen (1855 gesammelt) steigern jugendliche Verzweiflungsstimmungen zu tragikomischen bis grotesken Lebensbildern. Seine Tagebücher und Briefe erhellen das Bild wie selten eines Literaten und geben Anstoß zu einer breiten Hebbel-Forschung.


Auferstehung


Vom Nationaltheater in Weimar im Jänner 2013 bis zum Wiener Burgtheater im Februar 2014 sind es heuer elf Aufführungen, ein Film und sogar ein Symposium in Wien, welche sich neben den Gedenkstätten und Hebbel-Gesellschaften in Wesselburen und Wien mit Aufführungen und Betrachtungen zur Person von Hebbel bemühen, Licht über sein lange beschattetes Schaffen auszubreiten. Aus diesem Anlass gab und gibt es eine Vielzahl von Veranstaltungen und Veröffentlichungen.  So kann die Hamburger Autorin Susanne Bierwald im März den Roman „Da geht einer“ veröffentlichen, der Hebbels Fußmarsch von München nach Hamburg im Jahr 1839 literarisch verarbeitet.

Im Sommer hat sich die Intendantin Bettina Jahnke am Rheinischen Landestheater Neuss ein ehrgeiziges Projekt ausgewählt und das ganze Haus in die zweiteilige Nibelungen Inszenierung eingebunden. Die Dithmarscher Filmemacherin Martina Fluck stellt im November den neuen Dokumentarfilm „Traumbilder“ vor. Dazu kommt zum Jahresende 2013 eine neue Hebbel-Biografie von der Präsidentin der Hebbel-Gesellschaft Wesselburen Monika Ritzer, sowie ein Jubiläumsband, von der Gründerin der Wiener Hebbel-Gesellschaft Ida Koller-Andorf herausgegeben: „Hebbel - Mensch und Dichter im Werk.“                               

Heinrich Marchetti-Venier

DDr. Heinrich Marchetti-Venier wurde in Oberösterreich geboren. Nach dem Abitur nahm er ein Studium des Lehramtes sowie der Geistes- und Naturwissenschaften an den Universitäten Salzburg auf, es folgten die Stationen, Wien, München, Bochum, Turin, Strasbourg und Washington. Anfangs Tätigkeit in der Raumordnung, später als Historiker und Privat-Gutachter sowie Autor. Er hatte lange Zeit das Amt des Distriktberichters für die österreichischen Distrikte D 1910 und 1920 inne. Heinrich Marchetti-Venier starb im November 2015.

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