Von Trugbildern und Wunderkammern - Weshalb Museen wieder gefragt sindFotostrecke: Analoge Bekenntnisse

© Illustration: Niels Schröder

15.05.2014

Von Trugbildern und Wunderkammern

Weshalb Museen wieder gefragt sind

Eberhard Straub

Nach Jahrzehnten der nahezu vollständigen Digitalisierung des öffentlichen Lebens wächst vielerorts wieder die Sehnsucht nach bewehrten analogen Dingen. Zum Beispiel nach Büchern mit Leinen und Lesebändchen oder nach Schallplatten mit ihrem unverwechselbaren Klang. Die Beiträge des Mai-Titelthemas zeigen, dass dieser Trend keinsfalls nur in den Medien stattfindet, sondern in zahlreichen Bereichen unseres Alltags – bis hin zur Politik.

Eine Wirklichkeit ist nicht vonnöten, / ja es gibt sie gar nicht, wenn ein Mann / aus dem Urmotiv der Flairs und Flöten / seine Existenz beweisen kann.“ Damit mochte sich ein Dichter wie Gottfried Benn trösten, darin darf überhaupt jeder Künstler und Musiker die Voraussetzung seiner schöpferischen Tätigkeit erkennen. Für die meisten Menschen ist aber der Wirklichkeitsverlust in einer Welt, die sich zum grenzenlosen Markt der Möglichkeiten wandelte, eine zuweilen fast quälende Erfahrung, weil Fiktionen und Illusionen die Realität verdrängen und an ihre Stelle treten.  Die heidnischen Philosophen und die Lehrer der Kirche unterrichteten darüber, wie sich jeder vor Täuschungen bewahren und sie mit Hilfe der Vernunft ent-täuschen, also um ihre Wirksamkeit bringen kann. Indessen wird aber selbst der Vernunft und der Sprache als deren Ausdrucksmittel misstraut, weil abhängig von unwägbaren Einflüssen des unberechenbaren Menschen, befangen im Reiche seiner Wünschbarkeiten.

Im Labyrinth der vielen Welten

Der verwirrte Zeitgenosse kennt sich in den Labyrinthen der vielen Welten, in die er gesetzt ist, nicht mehr aus. Um sich zu vergewissern, dass es ihn überhaupt gibt und er sich in einer überprüfbaren Realität bewegt, ist ihm der Photoapparat unentbehrlich geworden. Bei jeder Gelegenheit wird dieser emporgehalten, um mit Bildern dokumentieren zu können, an einem bestimmten Ort zu einer exakten Zeit bei einem Ereignis dabei gewesen zu  sein, ob nun als Zuschauer oder aktiver Teilnehmer. An Bildern, an Momentaufnahmen, befestigt sich das flüchtige Dasein, das darüber Dauer gewinnen und dem Menschen Gewissheit über seine Geschichte und Lebensgeschichte verschaffen soll. Sie sollen eindringlich bestätigen, wirklich zu sein und in der Wirklichkeit zu leben, weder sich, noch den anderen und der Umwelt entfremdet zu sein, vielmehr sich zu kennen und die Welt nicht als Traum zu erleben.

In früheren Zeiten versammelten Aristokraten und Fürsten, aber auch Gelehrte und Künstler wichtige Dokumente in Kunst- und Wunderkammern, die ihnen darüber Auskunft geben sollten, was im innersten Gott und die Welt zusammenhält. In diesen Wunderkammern und Kuriositätenkabinetten wollten sich Kenner in ihrer Kombinationslust über der Betrachtung von merkwürdigen Gegenständen den Geheimnissen und offenbaren Wundern in der göttlichen Weltordnung annähern. Selbst der geringste Gegenstand, jede Frucht, jedes Lebewesen verwies auf einen Gedanken Gottes, der in ihm wohnte. Die ganze Welt der Erscheinungen war von Bedeutungen durchdrungen, die das rein Gegenständliche überstiegen, weil mit dem Heilsgeschehen und der Geschichte als Heilsgeschichte verbunden. Die spanischen und flämisch-niederländischen Stilleben veranschaulichten die Vergänglichkeit und Erlösungsbedürftigkeit dieser Welt der Illusionen, der Träume und Einbildungen, die sich vor die Wahrheit schieben und den Zugang zu ihr verschleiern oder vernebeln. Der Gegenstand für sich besagte wenig, erst die in ihm verborgene Idee gab dem Betrachter Gewissheit, sich dennoch auf die Welt einlassen zu dürfen, sich in ihr als einer Wohnung einrichten zu können, um im Bewohnten und Gewohnten die Wirklichkeit der Wahrheit Gottes zu  erfahren.

Diese Gewissheit ist mittlerweile vielen abhanden gekommen. In der Geschichte des Menschen, nahezu unerschöpflich durch Entdeckungen und Ausgrabungen, suchen sie sich nun der eigenen Wirklichkeit im Spiegel unendlicher, vergangener Wirklichkeiten zu vergewissern. Bedrängt von den Abstraktionen der politischen, wirtschaftlichen oder soziologischen Weltdurchdringung wächst das Bedürfnis nach Anschaulichkeit, nach Gegenständlichkeit. Der Mensch und die Menschheit werden erst zu plastischen und konkreten Erscheinungen in der Geschichte. Die Folge ununterbrochener Geschichten, in der Menschen sich ihre jeweiligen Wirklichkeiten schufen und die Welt und sich selber neu entdeckten und verwandelten, soll festen Halt gewähren wie ein Geländer im unübersichtlichen Auf und Ab der sich ineinander verschränkenden Kulturen, Zeiten, Hoffnungen und Zusammenbrüche.  Die Welt ist deshalb längst auch für Gedankenlose zur Welt als Geschichte geworden. Die Vergangenheiten in der Gegenwart werden touristisch gesucht in alten Städten, die durch Denkmalschutz gleichsam ein Gütesiegel erhalten, garantiert uralt zu sein. Zerstörte Vergangenheiten können wieder gewonnen werden durch Rekonstruktionen, die der eindimensionalen Gegenwart überraschende Tiefe, Perspektive und Beziehungsreichtum verleihen.

Die Welt als Geschichte

Das lässt sich in Nürnberg, München, Würzburg oder Dresden unmittelbar erleben. Die Bürger dieser Städte fühlen sich nicht in einem Museum eingesperrt. Sie freuen sich daran, nicht nur modern, zeitgemäß und heutig zu sein, sondern auch ein Gestern und Vorgestern zu haben, das zu ihrer Gegenwart gehört und sie herzlich umfängt, also ihr Gemüt und ihre Phantasie erwärmt und bewegt. Auch das gehört zum Menschen, der sich im durchrationalisierten Alltag auf Funktionstüchtigkeiten beschränkt sieht und ein Ungenügen an solcher Reduzierung empfindet. Die Welt ist, gottlob, schon ein paar Tage alt; und in vergänglichen Werken, durch emsige Restaurierung ihrer Hinfälligkeit entrückt, möchte der Zeit-Genosse dennoch ein Zeichen der Ewigkeit erkennen. Der Romantiker Achim von Arnim nannte diese Stimmung eine „Heimlichkeit der Welt“, eben in dieser Welt daheim zu sein, in ihr zu wohnen, sie zu bewohnen im Gewohnten, und nicht fremd in ihr wie in der Fremde zu frösteln.  

Auch das Museum, das sich im 18. Jahrhundert aus den Wunderkammern entwickelte, gehört zu dieser Heimlichkeit der Welt. Denn dort erlebt der Besucher andere Zeiten und Wirklichkeiten, die ihm, obschon erst einmal fremd, Vertrauen geben, die unvermeidlichen Irritationen in der unübersichtlichen Gegenwart auszuhalten und abzudämpfen. Denn noch nie lebte der Mensch in der besten aller möglichen Welten. Das Museum ist der beste Schutz vor der egoistischen Täuschung, es viel weiter als die Vorfahren gebracht zu haben. Alles in der Welt als Geschichte befindet sich unaufhörlich in Bewegung und im Wechsel. Auch die Gegenwart wird einmal zu einer Vergangenheit, ja fast wieder zur Fremde, die sich schon der Lebende durch nostalgische Bemühungen wieder vergegenwärtigt. Filme, Schlager, Moden, harmlose Gebrauchsartikel, Bücher oder Kunstwerke wecken ganz persönliche Erinnerungen. Sie erlauben eine beruhigende Antwort auf die Unsicherheit, sich im raschen Lauf der Zeiten nicht so vollständig den jeweiligen Aktualitäten ausgeliefert und damit sich selbst als unverwechselbare Existenz verfehlt zu haben. Es gibt Museen zu allen Tätigkeiten des Menschen, vom Brotbacken und Bierbrauen bis zu technischen Sammlungen oder zur Entwicklung der Hygiene, der Medizin, des Informationswesens oder der Mode und des Sports.

Eine Art Lebenshilfe

Die mannigfachen Erinnerungen an viele Vergangenheiten als unmittelbarer Bestandteil der flüchtigen Gegenwarten bedrohen nicht mit lähmender Musealisierung das Leben. Ganz im Gegenteil. Der Mensch kommt aus der Vergangenheit und geht in die Zukunft, von der Gegenwart weiß er am aller wenigsten. Er versteht sie erst, wenn sie über kurz oder lang Geschichte geworden ist, eben zur Welt von Gestern. Insofern ist das Museum eine Art Lebenshilfe. Der greifbare, sichtbare Gegenstand, der Zeitlichkeit unterworfen, überlebt dennoch die Zeiten, wie sein Schöpfer der Mensch zwar ein Opfer der Vergänglichkeit, und doch kein bloßes Spiel, kein Irrlicht, keine Laune der Zeit.

Der Mensch hat es so an sich, sich sehr ernst und wichtig zu nehmen. Das Museum bestätigt ihn in dieser unruhigen Suche, sich nicht selbst zur Idee zu werden, zum abstrakten Menschen als Glied der abstrakten Menschheit, von der dauernd die Rede ist, sondern ein Einziger in seinem Eigentum zu sein, eine ganz besondere Wirklichkeit in der Kette der Wirklichkeiten.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2014

Eberhard Straub
Dr. Eberhard Straub ist Historiker und Publizist. Zu seinen Büchern gehören unter anderem „Eine kleine Geschichte Preußens“ (2001, Siedler), „Kaiser Wilhelm II. in der Politik seiner Zeit. Die Erfindung des Reiches aus dem Geist der Moderne“ (2008, Landt Verlag).Zuletzt erschien „Der Wiener Kongress. Das große Fest und die Neuordnung Europas“ (Klett Cotta 2014). www.eberhard-straub.de

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