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Porträt

Lieber Wein als Paragrafen

Porträt - Lieber Wein als Paragrafen
Johannes Müller beim Verkosten des jungen Sturms: „Früher trank ein Gast beim Heurigen fünf bis sechs Viertel, heute nur zwei bis drei Achtel. Dafür will er aber beste Qualität“ © Herbert Lehmann

Wien und der Wein, eine Symbiose – obwohl die Wiener Weinbaufläche mit 600 Hektar vergleichsweise klein ist. Da zeigt ein junger Winzer und Rotarier, dass nicht die große Menge das große Glück ausmacht.

Hubert Nowak01.10.2021

Es gibt ein Wien, das ist nicht Wien. Jedenfalls nicht Großstadt. Die Häuser geduckt und klein. Ein Dorf. Und doch ist es Wien, wenngleich erst seit 1892. Ein Stadtteil, den Touristen oft mehr lieben als die Wiener, draußen, fast am Land. Grinzing, in Hunderten Wienerliedern besungen, mit der berühmten Cobenzlgasse, wo schon die Römer eine Siedlung hatten und die Babenberger 1125 den Trummel-Hof erbauten. Unweit davon steht ein Landhaus seit 1150. Auf einem anderen steht die Jahreszahl 1527. Das alte Bürgermeisterhaus erinnert an 1848. Daneben Müllers Heuriger, „seit 2013“. Wie das? So jung?


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Beliebtes Stadtweingut

Der Eigentümer ist auch jung. Johannes Müller, gerade einmal 33 Jahre alt, hat sich hier den Traum verwirklicht, Winzer zu sein. Vater und Großvater hatten den Grundstein gelegt, mit ein paar Weingärten als Zubrot. Das alte Winzerhaus musste nach dem Weltkrieg neu aufgebaut werden, man sieht es ihm aber nicht an. Johannes sollte „was Besseres“ lernen, studierte Jus, möglichst schnell, Gerichtsjahr inklusive – und wusste längst, dass er Weinbauer sein wollte. Sein Weingut hat sechs Hektar, ein Nichts im internationalen Vergleich. Selbst seine Kollegen, die Winzer und Heurigenwirte rundum, sehen ihn nicht als große Konkurrenz und halfen ihm mit Rat und Tat, bis heute. Große Autobusladungen von Touristen sind sowieso nicht sein Ding, hätten hier auch nicht Platz. Der schmale Garten mit den verstreuten Tischen wirkt fast ein wenig aus der Zeit gefallen. Man glaubt, gleich auf Franz Schubert oder Hans Moser zu treffen.

Die sind natürlich nicht hier, aber einige Rotarier hatten den Heurigen, seit es ihn gibt, als ihr Lieblingslokal erkoren. Sie kamen mit dem jungen Chef ins Gespräch, lernten ihn kennen, seine Frau und seine bunte Lebensgeschichte als gebürtiger Wiener, der familienbedingt in Tirol aufgewachsen ist und dort auch Skilehrer oder Hotelier sein könnte. So wurde Johannes Müller Rotarier. Wie im Betrieb stürzte er sich gleich mit voller Energie hinein, organisierte Veranstaltungen, wofür ihn die Freunde bald mit einem Paul Harris Fellow auszeichneten.

Gebietstypischer Qualitätswein

Die Auszeichnungen seiner Weine sind ihm wichtiger. „Es gibt schon Kunden, für die ein Prädikat auf der Etikette wichtig ist“, erzählt er, während wir hinten im Garten bei einem Glas Gemischter Satz plaudern. Das ist der Klassiker der Wiener Weine, heute hoch geschätzt und ein Markenzeichen der nur rund 250 Wiener Weinbauern, als DAC („Districtus Austriae Controllatus“) zum gebietstypischen Qualitätswein geadelt. Früher, so erzählt Müller, war der Gemischte Satz verrufen, galt als billig und fast minderwertig.

Mindestens drei Rebsorten müssen dafür im Weingarten nebeneinander stehen und miteinander vergoren werden, so die Vorschrift. „Manche Winzer haben bis zu zwölf Sorten im Gemischten Satz, das halte ich für übertrieben und ist für eine gleichbleibende Qualität nicht mehr beherrschbar“, sagt Müller. Die dominante Sorte bei ihm ist der Rote Veltliner, dazu kommen Riesling und Grüner Veltliner. „Bei jedem Hineinriechen neue Eindrücke“, verspricht dazu die Weinkarte. Blumig sind die Beschreibungen auch der sortenreinen Weine.

Der Gemischte Satz ist heute so beliebt, dass Müller einen Weingarten damit sogar neu ausgesetzt hat. Pro Jahr darf die Weinbaufläche von Wien laut EU-Vorgabe um ein Prozent wachsen. Ein paar Weingärten in der Nähe hätte Müller schon gerne noch dazu, aber ein Großbetrieb will er gar nicht werden. „Ich kann sagen,dass ich 70 Prozent der Arbeit selbst schaffe“, erzählt er, „im Keller sowieso und in den Rieden auch.“ Nur das Heurigenlokal braucht natürlich Personal. Zwar dürfen Gäste bis heute ihr Essen zum Heurigen selbst mitbringen, wie in alten Zeiten, aber das beobachtet er nur noch selten. „Die meisten wollen gute, warme Speisen und nicht nur kaltes Buffet.“ Dafür hat er zwei Köche angestellt und Personal im Service. Aber es kann schon sein, dass er selbst am Abend nach der Kellerarbeit den Riesling oder Pinot noir an die Tische bringt.

Klein, aber fein

Ob er anstrebt, dass man irgendwann einmal den jetzt noch jungen Vater eines dreijährigen Sohnes als Begründer eines großen Weinimperiums sieht, wischt erlachend vom Tisch. Mit guter Qualität gut zu leben, das reicht ihm. Wenngleich – auch in Südafrika ein kleines Weingut zu haben würde ihn schon reizen. „Dann hätte ich mit den Jahreszeiten zweimal im Jahr die Chance auf eine gute Ernte.“ Man wird ja noch träumen dürfen. Bei einem Glas Gemischter Satz aus Wien.


Zur Person

Mag. Johannes Müller (RC Wien-Nordost), geb. 1988 in Wien, aufgewachsen in Tirol, Jus-Studium in Wien, betreibt seit 2013 sein Stadtweingut in Grinzing, getreu dem Grillparzer-Satz „Was du ererbt von deinen Vätern hast, erwirb es, um es zu besitzen“.

www.jmueller.at

Hubert Nowak
Dr. Hubert Nowak ist Buchautor und Medienberater. Er war 40 Jahre lang als Journalist und Manager in verschiedenen Funktionen im ORF tätig, darunter als Moderator und stellvertretender Chefredakteur der „Zeit im Bild“, als Landesdirektor des ORF Salzburg, als Projektleiter für die ORF TVthek und als Redaktionsleiter des ORF für 3sat. Er ist Gründungsmitglied des RC Perchtoldsdorf. Zuletzt veröffentlichte er „Ein österreichisches Jahrhundert: 1918-2018“ (Molden Verlag, 2017). hubertnowak.at