Rotarische Geschichte im Fokus - Wie Rotary nach Deutschland kam

Charterfeier des RC Hamburg am 8. Oktober 1927 in Anwesenheit von RI-Präsident Arthur H. Sapp. © Archiv Der Rotarier

01.03.2017

Rotarische Geschichte im Fokus 

Wie Rotary nach Deutschland kam

Matthias Schütt

Vor 90 Jahren bahnte sich die Gründung des ersten Rotary Clubs in Deutschland an. Ein Aktenfund im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes zeigt, dass in der Behörde die Ausbreitung der Organisation lange Zeit skeptisch beobachtet wurde.

Genf, 10. September 1926: Während in feierlicher Sitzung der Beitritt Deutschlands zum Völkerbund verkündet und damit die Rückkehr des Kriegsgegners in die internationale Staatengemeinschaft besiegelt wird, legt ein Mitarbeiter im Auswärtigen Amt in Berlin einen Aktenordner mit der Aufschrift „Rotary Clubs in den Vereinigten Staaten von Amerika“ an.

Was wie ein Zufall aussieht, ist bei nä­herem Hinschauen keiner. Zwar gehört es zu den Grundprinzipien Rotarys, sich aus der Politik herauszuhalten, aber gesell­schaftlichen Einfluss hat der Serviceclub schon. Und man will sich mit den edlen Ziele der Vereinigung auch aktiv einmischen, etwa indem der „Rotary Spirit“ als innovative Kraft darauf hinwirkt, die internationalen Beziehungen auf eine neue Basis zu stellen.

Beim Durchblättern der Dokumente, die zur Gründung des ersten deutschen Rotary Clubs 1927 in Hamburg führten, wird deut­lich, dass einzelne Rotarier schon bald nach Kriegsende, bevor an einen Beitritt zum Völkerbund überhaupt zu denken war, auf eine Einbindung Deutschlands in das rotarische Netzwerk drängten.

Nachdem in Locarno 1925 ein grund­legendes Einverständnis über die neuen Verhältnisse in Europa erreicht worden war, wird die junge deutsche Republik nicht länger als Paria behandelt, der gefäl­ligst seine Kriegsschulden zu begleichen habe, sondern als Partner bei der Gestaltung einer tragfähigen Nachkriegs­ordnung. Ohne Ei­ni­gung werde echter Friede in Europa kaum möglich sein, sind sich die früheren Kriegsgegner einig. Wie dieser Frieden erreicht werden könnte, das ­beschäftigt die Rotarier in aller Welt. Zahlreiche Aufsätze in der Zeitschrift The Rotarian dieser Jahre, die sich mit Ideen und Konzepten zur internationalen Zusammenarbeit beschäftigen, fordern vor dem Hintergrund der harten Auseinander­setzungen um die Begleichung der deutschen Kriegsschulden Entgegenkommen statt Konfrontation.

Dabei ging es nicht einfach um Völkerverständigung, die schon damals eines von Rotarys erklärten Zielen war. Entschei­dend war, wie A. W. Beaven im Februar 1923 in seinem Aufsatz „The Rotary Spirit and the World Crisis“ schreibt, dass Krieg nur die grausamste Form jenes allgemeinen Egoismus sei, den Rotary vor allem im Geschäftsleben, aber eben nicht nur dort bekämpfen müsse.

Das ist die Ausgangslage, als 1926 im Berliner Außenministerium der Aktenord­ner angelegt wird. Aufgetaucht ist er übri­gens bei einem Besuch des Rotary Clubs Berlin-Unter den Linden, der es sich zum Programm gemacht hat, die Institutionen in seiner unmittelbaren Nachbarschaft kennenzulernen. Im Politischen Archiv des Auswärtigen Amtes wurde den Gästen der Rotary-Ordner vorgestellt.

Auf Ver­mittlung von Altpräsident Hans-­Günter Zeger ließ das Amt Kopien der Doku­mente zur Auswer­tung durch das Rotary Magazin anfertigen.

Erschienen in Rotary Magazin 3/2017

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

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