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1880

Distriktkonferenz mit großen Momenten

1880 - Distriktkonferenz mit großen Momenten
Nach einem dreistündigen Kurzworkshop präsentierten die In- und Outbounds Erlerntes und rissen am Ende das Publikum in der Freiheitshalle in Hof zum Mitklatschen und Jubeln mit. © Kerstin Dolde

Die allererste Frau an der Spitze des Rotary Distriktes 1880 verabschiedet sich - mit einer großartigen Konferenz in der Freiheitshalle in Hof. Nach ihrem Blick aufs vergangene Jahr applaudierten alle stehend. Bei den Festreden ging es um Demokratie, Globalisierung und die Ursachen des Erstarkens neuer Parteien.

Kerstin Dolde26.06.2017

Bunte Farben, Trommelwirbel, gute Stimmung. Gelebte Internationalität und Weltoffenheit. „Wir konnten uns nicht mal in einer Sprache unterhalten. Aber wir haben uns super verstanden. Wir sind ein Team“, bringt es einer der quirligen jungen Leute auf der Bühne der Freiheitshalle auf den Punkt. Dieses "Wir", das sind in diesem Fall 60 Jugendliche aus aller Herren Länder. Ein Jahr haben sie in ihren Gastfamilien zwischen Regensburg und Görlitz verbracht – durch Rotary International. Die Organisation schlägt seit Jahrzehnten Brücken zwischen den Kontinenten, ihr  Jugendaustausch ist weltweit der größte im Non-Profit-Bereich. Am Wochenende kamen die diesjährigen "Inbounds und Outbonds", also die, die nach Deutschland gekommen oder für ein Jahr von hier weggegangen waren, zum großen Abschlusstreffen in die Saalestadt.

Ein Team ist die bunte Truppe in der Tat. Die 60 jungen Menschen hatten drei Stunden mit Willi Melzer von den Hofer Symphonikern geprobt.  Nur drei Stunden. Doch die waren extrem erfolreich Am Mittag stellten sie ihr Werk vor. Der Rhythmus der Band begeisterte und riss die Teilnehmer der Rotary-Distriktkonferenz mit. Vier junge "Profis" der Percussionisten der Hofer Symphoniker waren mit dabei und Melzer, der erfahrene Percussionist. Er sagte: „Es hat mir Spaß gemacht mit den Kindern.“ Ihr Stück "Tequila" begeisterte die Rotarier, die sich auf Einladung von Distriktgovernor Dorothee Strunz in Hof getroffen hatten.
 
Große Kinder und Fremde, die Familie werden

Die „Kinder“ sind so im Schnitt 16, 17 Jahre alt. Einer, Marcel, ist Hofer. Ein Jahr hat er in Brasilien verbracht. Bei wildfremden Menschen, die ihm zur Familie wurden. Flipflops, Brasilien-Shirt und Bermudas trägt er noch in seiner Heimatstadt. Was Integration sein kann, lebt er. „Es fällt mir noch schwer, mit meinen Eltern nicht Portugiesisch oder Englisch zu sprechen“, sagt er mit verschmitztem Lächeln.

Globalisierung - am Einzelbeispiel. Und: Der Globalisierung entkommt man nicht. Das weiß keiner besser als Dieter Kempf, der Präsident des Bundesverbandes der Deutschen Industrie (BDI). "Globalisierung - ein Thema nur für die Wirtschaft?" stellte er als Frage auf der Distriktkonferenz. Und beantwortete diese mit nein. "Globalisierung wird stattfinden, ganz egal, ob Deutschland mitmacht oder nicht", sagte der Festredner. "Aber wenn wir mitmachen, können wir eventuell die Regeln mitgestalten." Sein Credo deshalb: Mitgestalten!
 
Deutschland in der Staatengemeinschaft

Deutschland stehe nicht nur für die viertgrößte Bruttowertschöpfung der Welt. Der Exportweltmeister importiere auch viel, das werde oft vergessen. Und die deutsche Industrie schaffe zudem viele Arbeitsplätze im Ausland. Wirtschaft sei ein komplexes Gebilde, streng verzahnt. Wer Wirtschaft nur als Finanzwirtschaft verstehe, mache - so Kempf - einen historischen Fehler.

China gehe seinen Weg zur Wirtschaftsmacht konsequent und Schritt für Schritt voran, weiß der BDI-Präsident. Mit einem Netz von internationalen Häfen versuchen die Chinesen, nicht nur das ebenfalls bevölkerungsreiche und im wirtschaftlichen Aufschwung befindliche Indien abzuhängen, sondern sich zugleich einen wesentlichen strategischen Vorteil für den Welthandel zu verschafffen.
 
Reiche werden reicher

Wer Globalisierung nur als Schreckgespenst verstehe, übersehe die Vorteile für die Bevölkerung: "Ein Drittel unserer Wohlfahrtgewinne erlangen wir durch internationale Arbeitsteilung." Kempf sieht, dass die Schere zwischen arm und reich auch bei uns immer weiter auseinander driftet. Doch, sagte der BDI-Präsident: "Nicht die Armen bei uns werden ärmer, sondern die Reichen werden reicher."

Die Vorgänge, die in den USA momentan geschehen, sieht Kempf sehr kritisch. Natürlich werde es Folgen haben, wenn einer der großen Emittenten aus dem Klima-Bündnis aussteige.  "Doch das lässt sich beim besten Willen nicht durch fleißiges Einsparen in Deutschland kompensieren." Viel wichiger sei es, vor allem den Skeptikern zu erklären, wie Wirtschaft funktioniere. "Wirtschaft zu erklären, ist unser Mandat", betonte Kempf.
 
Zeichen der GLOBALISIERUNG
 
Sie hat die Welt verändert. Und doch tun sich alte Fragen neu auf, sagte Professor Dr. Wolfgang Merkel vom Wissenschaftszentrum für Sozialforschung in Berlin. Er ist Direktor der Abteilung "Demokratie und Demokratisierung" und betonte: "Sollen nationale Volkswirtschaten ihre Grenzen öffnen oder protektionistisch ihre Wirtschaft schützen? Bisher dachten wir, das Problem ist längst gelöst." Doch die neue Gangart der USA belehre eines Besseren.

"Grenzen auf oder zu? In welcher Demokratie leben wir?" war auch der Titel des Vortrags des in Hof geborenen Wissenschaftlers. Er hielt den Volksparteien vor, dem grassierenden Rechtspopulismus das Feld überlassen zu haben.
 
Integration von unten

Die Hauptlast der Integration werde hauptsächlich vom unteren Drittel der Bevölkerung zu tragen sein, postulierte Merkel. Gerade in den Bereichen Arbeitsmarkt oder Schulen sei das zu erwarten. "In Berlin ist das schon gut zu beobachten."

Inzwischen nähmen auch in Teilen der Volksparteien die Kritiker zu. "Die Konfliktlinie manifestiert sich in den Parteiensystemen", erklärte Merkel. Der Riss gehe durch die Mitterechts- und Mittelinks-Parteien. In anderen europäischen Ländern gewännen schon neue Volksparteien an Boden und haben das Sagen. Als Beispiel für die neue, illiberale Demokratie nennt er die Präsidenten Viktor Orban in Ungarn und Jaroslav Kaczynski in Polen.
 
Politische Korrektheit

"Wir haben den Extremisten sehr fahrlässig den Begriff 'politische Korrektheit' geliefert", kritisierte Merkel. Nur durch offene Debatten auch mit allen politischen Positionen könne man dem begegnen. "Die Parteien müssen dem Bürger mehr erklären und mehr Argumente liefern für ihr Tun. Allein ein 'wir schaffen das' genügt da nicht", sagte er. "Man muss auch erklären, was das für wen bedeutet."

Gerade die deutsche Regierung unterliege der Verführung, einen europäischen Sonderweg zu suchen. "Eine unilaterale Entscheidung wie im September 2016, die dann Auswirkungen auf Schengen und Dublin hatte, das geht nicht in einem europäischen Staatenverbund", kritisierte der Demokratieforscher den Alleingang der Bundesregierung.
 
Mehr Austausch, mehr Diskussion

Merkel empfahl den führenden Köpfen ausdrücklich mehr  Diskussion. "Wir müssen die kosmopolitische Hybris der Frequent Flyers ablegen", sagte er. Die Privilegierten seien selbstgefällig und behäbig gegenüber "denen da unten" geworden. Die fühlten sich durch die Globalisierung abgehängt.

"Es ist doch zumindest zu hinterfragen, warum viele Privilegierte selbstverständlich ein Auge für die Menschen in der Dritten Welt haben und ihnen helfen wollen, aber keinen Blick für die Sorgen und Nöte mancher im eigenen Land", sagte Merkel. Und brach eine Lanze für die Demokratie: "Eine repräsentative Demokratie hat möglichst alle zu repräsentieren." Weniger selbstgefällig sein, und mehr Rücksicht. Man müsse mehr und wertneutral auf "Heimat" sehen - und stärker mit berücksichtigen, dass große Teile der Bevölkerung Angst vor der Veränderung des sozialen Umfeldes haben, fügte er hinzu.

"Ich nehme sehr viel mit aus dieser Rede" betonte die scheidende Governor des Distrikts 1880. Dorothee Strunz' Fazit: "Wir müssen verstehen, dass es keine Arroganz geben darf. Und wir müssen uns fragen, um besseres Verständnis zu erwirken."
 
Positive Bilanz

Dorothee Strunz, die erste Frau im Governor-Amt im Bezirk 1880, zog eine positive Bilanz unter ihr Amtsjahr. Der Distrikt 1880 habe wieder weitere Frauen aufgenommen, immer mehr Rotary Clubs öffneten sich für die Aufnahme von Frauen. "Wir sind auf einem guten Weg."

Die Clubs seien das Herz der Distrikte. Sie dankte für die Unterstützung bei "100 Jahre Foundation" und dem Distriktsprojekt "Fit für die Vielfalt". Es sei wichtig, auf junge Menschen zu setzen. Das Jugendsymphonie-Orchester der Hofer Symphoniker seien ein Beweis. Die jungen Leute sorgten für die musikalische Umrahmung der Distriktkonferenz.  Und: "Die Stärke von Rotary ist die Diversität", erklärte Strunz. Dem stimmte auch ihr Nachfolger im Amt zu, doch davor gab es erst noch langanhaltenden Applaus und Standing Ovations für Dorothee.
 
Als Vertreter des Weltpräsidenten war Brian Stoyel, RC Saltash, Großbritannien, gekommen. Seine fulminante Rede und weitere Programmpunkte machten die DisKo zu einer perfekten Veranstaltung.
 
Internationalität ist wunderbar!
 
Der neue Governor heißt Markus Denzel, stammt aus Nürnberg und ist Professor in Leipzig. Mit dem neuen Jahresmotto "Rotary macht den Unterschied" habe er eine tolle Aufgabe bekommen. Er freute sich auf "unser gemeinsames Jahr zum Wohle der Menschen". Und, so rief Denzel den Konferenzteilnehmern zu. "Rotary in seiner Internationalität ist wunderbar."

Die bunte Truppe der In- und Outbounds unterstrich das. 60 Menschen, deren Herz im gleichen Takt schlägt und die durch die gleichen Werte verbunden sind - und für gute, gelebte Globalisierung stehen.
 
Kerstin Dolde
Kerstin Dolde ist Journalistin und arbeitet zurzeit als Verantwortliche Redakteurin für Regionales bei der Frankenpost. Seit Januar 2011 steht sie zudem als Leseranwältin des oberfränkischen Medienhauses den Leserinnen und Lesern als Ansprechpartnerin zur Verfügung. Seit 2005 ist sie als Distriktberichterstatterin für D 1880 unterwegs.