im Gespräch mit Kalyan Banerjee - »???Das Leben ist einfach.  Die Menschen machen es  kompliziert?«

Kalyan Banerjee aus Indien übernimmt im Jahr 2011/12 das Amt des RI-Präsidenten © RI

03.06.2011

im Gespräch mit Kalyan Banerjee

»???Das Leben ist einfach. Die Menschen machen es kompliziert?«

The Rotarian

Kalyan Banerjee trat 1972 dem Rotary Club Vapi, Indien, bei. Er absolvierte das Indian Institute of Technology in Kharagpur und machte dort einen Abschluss als Chemiker. Er ist Direktor der United Phosphorus Limited, eines der größten Hersteller von Agrarchemikalien in Indien. 1980 diente Banerjee als Governor des damaligen RI-Distriktes 306

E r absolvierte 1995–97 eine Amtszeit als RI Director und war von 2001 bis 2005 Trustee der Rotary Foundation. Er wird 2011/12 das Amt des RI-Präsidenten ausführen. Kalyan Banerjee und seine Frau Binota, Sozialarbeiterin und Mitglied von Inner Wheel, haben zwei Kinder und vier Enkel. Chefredakteur John Rezek traf mit Rot. Banerjee in dessen Büro in Evanston zu einem Gespräch zusammen. Rezek berichtete über das Treffen: „Man bemerkt zunächst viele Dinge zugleich an Präsident elect Kalyan Banerjee. Erst einmal ist er die ruhigste Person in jedem Raum. Er spricht leise, aber direkt und bestimmt, und er weiß, was er will. Das merkt man, wenn er im milden Ton seine Mission beschreibt. Als ich ihn nach den vielen komplizierten Herausforderungen fragte, die durch das Präsidentenamt auf ihn zukommen werden, winkt er ab: Das Leben sei simpel und einfach, sagt er – es seien die Menschen, die es kompliziert machten.“

 

Wie wird man RI-Präsident?

Wenn ich das wüsste. Ich denke, man tut einfach, was man tut, und räumt dabei Zeit für Rotary ein – und setzt sich für Rotary ein. Eines führt dann zum anderen. Natürlich nicht immer, und ich weiß auch nicht, wie das in meinem Fall geschah. Denken Sie nur, nach fast zwanzigjähriger Pause wieder ein Präsident aus Indien. Ich habe einfach getan, was ich als guter Mensch tun würde, der an Rotary glaubt und daran, wofür Rotary einsteht. Und so kam eines zum anderen. Ich habe bestimmt nicht angestrebt, Rotary-Präsident zu sein. Ich habe nur versucht, ein guter Rotarier zu sein.

 

Als man Sie über Ihre Nominierung informierte, war Ihre Reaktion da ungetrübt positiv?

Nun, ich erinnere mich, als John Germ, der Vorsitzende des Nominierungsausschusses, mich anrief und sagte: „Das Komitee hat dich ausgewählt. Nimmst du die Wahl an?“ Und ich sagte nur: „Oh mein Gott.“ Und das wohl mehrmals, denn schließlich unterbrach mich John: „Kannst du bitte aufhören mit dem dauernden ,Oh mein Gott‘ und mir einfach Ja oder Nein antworten?“ Er hat mich in der Zwischenzeit an das Gespräch erinnert, und wir scherzen darüber. Nachdem ich nun einige Zeit hatte, mich an den Gedanken zu gewöhnen, freue ich auf diese riesige Gelegenheit und Herausforderung.

 

Ist das Präsidentenamt der beste Job in dieser Organisation?

Da habe ich nicht so darüber nachgedacht. Ich muss sagen, dass es mir vor vielen Jahren sehr gefallen hat, als Clubpräsident zu fungieren. Das war 1975, drei Jahre nach meinem Eintritt in Rotary. 1980 dann wurde ich im ersten Anlauf Governor, wobei es in Indien durchaus nicht üblich ist, dass man bei der ersten Kandidatur gleich Governor wird. Und das im Alter von 38 Jahren. Hier war ich also: geboren im ostindischen Bengalen, lebte ich nun in Gujarat – Gandhis Staat, wenn ich das so sagen darf – weit im Westen. Ein anderer Staat, eine andere Sprache, andere Kulturen. Das war eine riesige Herausforderung und zugleich eine riesige Chance. Ich war sehr gerne Governor. Das war eine meiner liebsten Aufgaben. Danach war ich Training Leader bei der Internationalen Versammlung und ich denke, ich habe mich dort ganz leidlich geschlagen. Mit mir waren eine Reihe anderer großartiger Rotarier dort, die dann bekannter wurden – Cliff Dochterman, Royce Abbey, Jonathan Majiyagbe, Bob Barth, Luis Giay –, eine fantastische Gruppe von Männern, die nur kurze Zeit später Führungsämter einschließlich das des Präsidenten einnahmen. Ich lernte hier also zum ersten Mal eine wahre Führungsriege von Rotary kennen, und ich blieb ihnen seitdem in enger Freundschaft verbunden.

Meine Amtszeit als Director war wunderbar und fand viel Anklang in Indien. Es machte mir großen Spaß, mit zwei großartigen Präsidenten – Herb Brown and Luis Giay – zusammenzuarbeiten. Danach hatte ich die Gelegenheit, vier Jahre im Kuratorium mitzuwirken, wobei mein letztes Dienstjahr das Jubiläumsjahr 2005 war, mit der Jahrhundert-Convention 2005 in Chicago. Das war eine wundervolle Erfahrung, und der Kongress fand große Anteilnahme in Indien und in meinem Club Vapi.

Alle diese Erfahrungen waren wunderbar. Doch jetzt freue ich mich natürlich auf das nächste Jahr. Es ist die beste Aufgabe, die man bei Rotary übertragen bekommen kann, und sei es auch nur wegen der Ehre, die eine solche Berufung darstellt. Aber es ist auch eine Gelegenheit, die Organisation in die Zukunft zu führen, sie weiterzubringen und dabei zugleich die Traditionen zu bewahren.

Dies ist eine große Chance, besonders in dieser Zeit, in der so viel in der Welt im Umbruch ist. Es hat sich so viel geändert seit der Zeit, als ich ein junger Ingenieur war; die Art, wie Menschen zuhören, wie sie kommunizieren, ihre Ideen ausdrücken. Junge Menschen haben eine andere Art der Kommunikation, der Beziehungspflege. Als ich jung war, war ein Netzwerk nicht unbedingt etwas Positives. Heute ist das so. Ich hoffe also, etwas für die Organisation bewirken zu können.

 

Was sind die drei wichtigsten Dinge auf Ihrer Liste, die Sie in Ihrem ersten Jahr erreichen wollen?

Den einzelnen Rotarier wieder in den Mittelpunkt rücken. Rotary begann in Gemeinwesen, und diese werden nicht nur durch gute Menschen aufgebaut, sondern auch durch die Familie. In der heutigen Welt hat sich das Konzept der Familie irgendwie völlig verändert. Eltern haben keine Zeit für ihre Kinder. Kinder haben keine Zeit für ihre Eltern. Selbst Eltern haben keine Zeit füreinander. Ich möchte mich also wieder auf die Familie konzentrieren. Zugleich möchte ich betonen, dass wir so zeitgemäß wie möglich sein sollten, mit beiden Beinen im 21. Jahrhundert. Ich würde gerne jüngere Menschen in Rotary einführen. Facebook, YouTube – die heutige Generation hat ihre eigenen Netzwerke, und ich habe mir das genau angeschaut. Wenn wir gut mit jüngeren Menschen kommunizieren können, können wir als Organisation für sie attraktiv werden.

Und wir müssen sie schnell einführen. Junge Menschen lieben das „Netzwerken“ und den Verbund mit Gleichgesinnten. Und das werden sie anderswo tun, wenn wir ihnen nicht schnell entgegenkommen. Daneben müssen wir Rotaract und den Jugendaustausch ausbauen.

Als dritten Bereich würde ich das Bild von Rotary in der Öffentlichkeit nennen. Wir wurden in der Vergangenheit immer als eine lokale Organisation eingestuft, die im Wesentlichen für sich selbst da war und ihre eigenen Zwecke verfolgte und sich vielleicht manchmal ein wenig wohltätig engagierte. Und so war das auch. Heute wird Rotary anders wahrgenommen. Es wurde einmal so ausgedrückt: „Rotary hat die Macht einer Regierung und die Einfühlsamkeit eines Elternteils.“ Das ist eine ganz besondere Einschätzung, nur für Rotary.

 

Was stellt für Sie die größte persönliche Herausforderung in Ihrem Jahr als Präsident dar? Und ist ein Amtsjahr zu kurz?

In gewisser Weise ist ein Jahr eine zu kurze Zeit. Doch Rotary räumt einem zumindest Zeit für die Vorausplanung ein. Präsident Ray (Klinginsmith) und ich stehen ständig in Kontakt, und er hat viele Veränderungen eingeführt. Es ist an mir, diese Veränderungen zunächst einmal zu verstehen und dann zu sehen, was davon funktioniert. Natürlich können nicht immer sämtliche Aspekte aller Reformen perfekt sein. Ich schaue mir also die an, die vielleicht nicht so optimal in ihrer Wirkung sind. Ändere sie, wenn das Feedback dies ergibt, in Zusammenarbeit mit Präsident Ray, und bringe sie dann weiter voran. In der heutigen Welt achten Organisationen sehr auf Kontinuität – ob das die Bill & Melinda Gates Foundation oder die Weltgesundheitsorganisation WHO ist. Sie wollen nicht jedes Mal mit jemandem Neuen zu tun haben. Daher müssen wir ein Gleichgewicht bei all den Veränderungen finden.

Ein Beispiel: Es wurde im Zentralvorstand diskutiert, ob wir wirklich jedes Jahr ein neues Motto brauchen. Selbst für den besten Leitspruch mit schönem Logo und attraktiver Begleitliteratur stellt sich die Frage, was Rotarier an der Basis davon halten. Rotary muss sich verändern, um mit der Zeit zu gehen, um den Erwartungen gerecht zu werden, die an eine Organisation wie unsere gestellt werden. Veränderung von einer kleinen kommunalen Organisation zu einer großen internationalen Organisation ist das Gebot der Stunde. Veränderung wird zukünftig an der Tagesordnung sein.

 

Wie kamen Sie zu Ihrem Motto „Reach Within to Embrace Humanity“?

Ich denke, da spielt ein wenig die indische – oder orientalische – Spiritualität hinein. Wir beginnen damit, in uns selbst zu schauen. Und wenn wir uns verändern, verändert sich auch die Welt. Das glauben wir jedenfalls. Es ist zu einfach zu sagen: „Ich bin perfekt, mein Nächster ist es nicht.“ Ich glaube, dass das nicht stimmt. Wir müssen länger in uns selbst schauen, bevor wir die Welt verbessern. Erst wenn man ein Verständnis für sich selbst hat und für die eigenen Stärken, dann wird einem sein immenses Potenzial klar. Wird dieses Potenzial genutzt? Je besser man sich kennt, desto größere Dinge kann man vollbringen. Doch suchen Sie erst Ihren inneren Frieden, bevor Sie ihn in der Welt suchen.

 

Wenn Sie unverzüglich etwas an Rotary ändern könnten, was wäre das?

Ich würde mir die Mitgliedschaft genau ansehen. Unser Umgang mit dem Wachstum muss sich ändern. Und genau darum müssen wir uns der heutigen Generation zuwenden, auf deren Bedürfnisse und Erwartungshaltungen schauen, darauf achten, wie sie Dinge tun und wie wir unsere Ziele attraktiv für sie machen können. Was an Rotary zieht neue Rotarier an? Welche Erwartungen haben diese? Welche ihrer Erwartungen werden von uns nicht erfüllt? Es könnte zum Beispiel sein, dass ein mancher nur einen Geselligkeitsclub sucht, und wir sind so viel mehr als das. Es muss meines Erachtens vor einem Beitritt von vornherein klargemacht werden, wer wir sind und was wir tun, und vielleicht stellen wir das oft nicht ausreichend dar.

 

Was unterscheidet Rotary von anderen Service-Organisationen und wie würden Sie diese Unterschiede unterstrichen oder klarer definiert sehen?

Ich glaube, was uns unterscheidet und einzigartig macht, ist einmal unser Klassifikationsprinzip, zum anderen unser Berufsdienst. Die Auswahl von Menschen verschiedener Berufe war es schließlich, was uns ursprünglich zusammenführte, und dies ist auch unsere Stärke. Denken Sie nur: die erfolgreichsten Menschen ihrer Kommune als Mitglieder in Ihrem Club. Was für eine Kraft!

 

Was ist Ihre persönliche Botschaft an jedes Mitglied von Rotary?

Rotary ist die großartigste Organisation der Welt. Rotary verbindet Freundschaft mit der Dynamik der Veränderung, des Fortschritts, des Nächstendienstes, der Friedensarbeit. Schöpfen wir dabei unser ganzes Potenzial aus? Wenn nicht, wie wollen Sie das ändern?

 

Sie werden als maßvoll und demütig beschrieben. Sehen Sie sich selbst so?

Da müssen Sie, glaube ich, zuerst meine Frau fragen, die könnte Ihnen das besser beantworten. Ich glaube manchmal, ich bin nicht demütig genug. Demut ist für mich eine Sache der Stärke. Nur ein starker Mann kann auch demütig sein. Je stärker der Mann, umso demütiger ist er. Gandhi ist das beste Beispiel dafür. Martin Luther King jr. ist ein anderes Beispiel. Sie waren meine Vorbilder, welche besseren gäbe es? Gandhi nahm es in seiner Demut mit dem gesamten mächtigen britischen Empire auf. Er war demütig, aber nicht schwach. Für mich beginnt Demut mit innerer Stärke. Man muss nicht damit angeben, was man hat. Wenn man das tut, ist das ein Zeichen, dass man sein Potenzial nicht ausgeschöpft hat und das ist der Grund, warum man damit angeben will. In diesem Sinne also weiß ich nicht, ob ich demütig bin, aber ich hoffe, ich werde es.

Erschienen in Rotary Magazin 5/2011

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