Agua Prieta - Neuanfang mit »?Wings of Angels??«

„Wir wollen den Menschen helfen und unseren Kindern den Service-Gedanken vermitteln, sagt Fred Berthrong, Gov. 2005/06 im Distrikt 5420 © The Rotarian

29.08.2011

Agua Prieta

Neuanfang mit »?Wings of Angels??«

The Rotarian

Südlich von Arizona setzen sich Dottee Watkins und eine Gruppe Rotarier für die Ärmsten der Armen der Stadt Agua Prieta ein

Der Distrikt 5500 erstreckt sich über etwa 560 Kilometer entlang der Grenze zwischen Arizona und Mexiko, einer von Drogenkriegen, Gewalt und Armut geprägten Region. Ende der 1990er Jahre entschied ein Mitglied des Rotary Clubs Douglas, Arizona, dass sich daran etwas ändern müsse. Dottee Watkins ist Mitbegründerin und CEO der Wings of Angels Foundation, einer Nichtregierungsorganisation, die mit den Rotary Clubs Douglas, Logan, Utah und Agua Prieta, Mexiko, sowie mit den vom RC Logan gesponserten Rotaract und Interact Clubs zusammenarbeitet. Während der letzten zehn Jahre bauten und renovierten die Gruppen Häuser, stellten kostengünstige Solarwassererhitzer zur Verfügung und verbesserten die medizinische Notversorgung für die 200.000 Bewohner von Agua Prieta, von denen viele nur hierhergezogen sind in der Hoffnung, es über die Grenze in die USA zu schaffen. Als Dottee Watkins an einem Tag im April mit ihrem Kleintransporter einmal wieder über die Grenze fährt, wird sie in Agua Prieta von den Menschen dort sofort mit Fragen bombardiert. „Haben Sie eine Lampe für meinen niño? Sie haben uns eine vor vier Jahren gegeben, aber die funktioniert nicht mehr“, so Marciel, ein lächelnder Mann mit amputierten Beinen, der in einem klapprigen Rollstuhl sitzt. Er sitzt vor einer Reihe Straßenverkäufer, die Keramikesel, Tontöpfe und Papierblumen in grellen Farben verkaufen.

Wings of Angels

Ein Eisverkäufer fragt Watkins: „Wann findet die Klinik wieder statt?“, womit er die monatlichen Besuche von Ärzten und Zahnärzten in der Wings of Angels Clinic meint. Er möchte seine kleine Tochter vorbeibringen. Watkins antwortet, dass sie morgen kommen. Heute liefert sie Klinikzubehör aus.

Die Klinik mit dem offiziellen Namen Wings of Angels Sonoran Crisis Intervention Clinic versorgt Hunderte verarmter Familien und ist die Zentrale eines Bündnisses zwischen einer Elternorganisation, dem RC Logan und den von diesem gesponserten Rotaract und Interact Clubs. Die Partnerschaft begann Anfang der 2000er Jahre, als Fred Berthrong vom RC Logan Ausschau nach einem Dienstprojekt hielt, bei dem sich auch Jugendliche engagieren könnten. „Als Rotarier wollen wir Menschen helfen und gleichzeitig unseren Kindern Dienstmöglichkeiten eröffnen“, so Berthrong, Maschinenbau- und Nuklearingenieur und Governor 2005/06 von Distrikt 5420. Er traf Sally Montagne aus Dis­trikt 5500 im Jahr 2003 auf einer Zonenkonferenz, und sie stellte den Kontakt zu den Rotariern in Agua Prieta her. Die Rotarier dort erzählten ihm von der Not der Familien an der Grenze – von Waisen und Kindern mit ernsten Gesundheitsproblemen, von Häusern, die der Wüstenhitze und den kalten Wintertemperaturen nicht standhielten, von periodischer Nahrungsmittelknappheit, von Drogen und Kriminalität. Die meisten Bewohner haben zudem keine Elektrizität oder kein Propangas, der Schulbesuch ist bei vielen sporadisch, und die medizinische Versorgung ist auf ein Minimum beschränkt. Laut offiziellen Schätzungen beträgt die Zahl „extrem armer“ Menschen in Agua Prieta 42.000. Durch Sally Montagne trafen Berthrong und weitere Freiwillige vom RC Logan Dottee Watkins. Watkins, eine Bauunternehmerin aus Phoenix, begann Ende der 1990er Jahre, mit wenigen Mitteln Wings of Angels aufzubauen. Durch die Unterstützung von Freiwilligen, die ihre beruflichen Kenntnisse und Erfahrungen zur Verfügung stellen, und mit Spenden der RCs in Agua Prieta, Douglas und Logan versucht die Organisation, armen Menschen sowohl durch die Bereitstellung von Materialien als auch durch die Vermittlung von Fachwissen zu helfen. „Die Menschen hier sehen oft aus wie lebende Tote, wenn wir unsere Arbeit aufnehmen, doch bereits ein Jahr später ist häufig alles ganz anders. Sie haben neuen Mut und neue Energie“, erzählt Watkins. Eines der ersten Projekte, an denen sie teilnahm, beinhaltete Zeichensprachkurse für Gehörlose (eine Innovation in Mexiko, die sich später im ganzen Land ausbreitete), den Ausbau einer Schule für Behinderte und die Einrichtung einer kostenlosen Klinik für Kinder, die an Infantiler Zerebralparese leiden. Als Berthrong und seine Gruppe 2003 dazustießen, hatte die Klinik ihren Auftrag bereits auf ein wesentlich breiteres Versorgungsspektrum ausweiten können.

Ein trübes Stadtbild

Das pulsierende kleine Stadtzentrum von Agua Prieta ist voll von Nachtclubs und Geschäften, gemütlichen Häusern und Apartments mit Gärten. Im Süden jedoch, wo die Stadt in die Sonoran-Wüste übergeht, zeichnet sich ein wesentlich trüberes Bild ab. Die Strom-, Wasser- und Abwasserversorgung ist äußerst beschränkt, die meisten der unbefestigten Straßen haben keine Namen, die baufälligen Häuser haben keine Hausnummern und keine Sanitäranlagen. Es wachsen keine Bäume und die Kinder spielen auf staubigen Feldern Fußball.

Um diesen Slum herum jedoch stehen etwa ein Dutzend Häuser und Anbauten, die von Rotariern und anderen Freiwilligen errichtet wurden. Sie haben gerade Wände, abgedichtete Fenster und Türen, hochwertige Mauerwerke und Solarwassererhitzer. Bereits lange bevor Freiwillige den ersten Ziegelstein zu solchen neuen Bauten legen, werden genaue Vorbereitungen getroffen. Interacter der Logan High School und Rotaracter der Utah State University sammeln etwa ein Jahr lang Spenden für Baumaterialien. So kommen jedes Jahr rund 5000 US-Dollar zusammen, und in den Semesterferien im Frühling kann dann die nächste Fahrt in das 17 Autostunden entfernte Agua Prieta unternommen werden. Die Entscheidung darüber, wer ein Haus oder einen Anbau bekommt, treffen Watkins, Nohemi Noriega, Direktorin der Wings Clinic, und Baumeister Marcelino Enriquez. „Ein jeder hier ist arm und braucht etwas“, so Enriquez. „Die Menschen, denen wir helfen, sind mehr als arm.“ So versuchen Watkins, Noriega und Enriquez nicht nur Menschen zu helfen, die sich in echter Not befinden, sondern auch solchen, die durch die Hilfe am meisten profitieren würden.

Während der Bauarbeiten überwacht Enriquez die jungen Arbeiter und zeigt ihnen, wie man den Hammer richtig schwingt, Ziegelsteine aus der örtlichen Ziegelei legt und Gruben für Abwassersysteme aushebt.

„Marcelino ist der Hauptgrund dafür, warum wir diese Häuser überhaupt bauen können. Im vergangenen Jahr organisierte er drei Projekte. Die Kinder lieben es, mit ihm und seinem Team zu arbeiten“, erzählt Jeff Larsen vom RC Logan, der seit 2005 nach Agua Prieta kommt.

Das Verhalten ändert sich

Jolynn Carr, Wirtschaftsabsolventin der Utah State University und ehemalige Rotaracterin, hilft seit drei Jahren bei den Bauten mit. Sie installierte bereits Isolierungen, nagelte Gipskartonplatten, strich Wände, legte Ziegelsteine, schüttete Zementböden auf, grub eine Senkgrube und lernte, wie man „mexikanischen Zement“ mixt: ein Sack Zement vermischt mit 87 Schaufeln Erde. Das Wichtigste, was sie jedoch gelernt hat, so sagt sie, war es zu verstehen, welche Kraft und welches Selbstvertrauen man einer Person zurückgeben kann, wenn man ihr Hoffnung gibt. „Ich konnte sehen, welchen Unterschied unsere Projekte im Leben von Menschen machen“, so Carr. „Am Anfang, als sie noch nichts hatten, waren die Familien noch recht zurückhaltend. Jetzt haben sie ein Haus und sie laden uns zu sich nach Hause ein. Ihr ganzes Verhalten hat sich verändert.“

Seit die Drogenkartelle sich in Agua Prieta ausbreiten, weitet sich auch die Gewalt bis zur Grenze nach Arizona aus. Juan Dominguez, ehemaliges Mitglied im RC Agua Prieta, organisierte für das Team aus Utah, dass sie entweder in dem Kinder-/Altersheim Divina Providencia übernachten konnten oder in einer Unterkunft nahe der Polizeistation. Vor vier Jahren wurde der Polizeichef getötet, als er eines Nachts die Station verließ. „Das ist schlimm, aber wir können nicht einfach aufhören mit dem, was wir tun“, so Carr. Das erste Haus, das errichtet wurde, war das für Cesar Delgado, seine Frau Francesca und deren drei Söhne, die zuvor in einer Hütte aus Blech und Karton gehaust hatten. Delgados Beine sind seit einer Schießerei gelähmt und er schlägt sich mit gelegentlichen Reparaturarbeiten an Autos durch. Als Nächstes kam das Haus für José Diaz und seine Tochter Alma Delia, die an Infantiler Zerebralparese litt, bis sie schließlich verstarb. Ein weiteres Haus wurde für einen ehemals an Kinderlähmung Erkrankten und seine Familie gebaut. Durch die Wings Clinic erhielt er zudem eine Knieschiene. Dann gibt es da noch Angel, 9, der mit verschiedenen Körperbehinderungen geboren wurde. Durch Wings erfuhr Sander Nassan, ein Prothesenspezialist aus Scottsdale, Arizona, von Angels Schicksal und fertigte ihm einen eigens angepassten Hüftgurt und zwei Beinprothesen an.

Neuanfang für Angel

Als Angel seine neuen Beine ausprobiert, steht er zum ersten Mal in seinem Leben aufrecht. Seine Augen strahlen und er lächelt über das ganze Gesicht. Als ein Orthopädie-Techniker ihn fragt, ob er noch ein kleines bisschen größer sein möchte, überlegt Angel kurz und antwortet freudestrahlend: „Sí!“

Ein paar Wochen später besuchen Watkins und einige Freunde Angel in seinem Haus, um zu sehen, wie er sich mit den neuen Beinen entwickelt. Der Junge spielt vor dem Haus, in das seine Mutter Alicia die Besucher nun herzlich hereinbittet. Watkins bittet Angel, ihm zu zeigen, wie er mit seinen neuen Beinen laufen kann. Alicia holt die Prothesen und geht mit Angel ins Schlafzimmer. Einige Minuten später hören die Gäste ein Tap-Tap-Tap und Angel taucht im Zimmer auf. Das klopfende Geräusch kommt von seiner bunten Metallkrücke, wenn diese den Zementboden berührt. Er stolziert vor den Besuchern auf und ab und dreht sich um. Er kann erstaunlich gut die Balance halten und ist sehr konzentriert. Sein kleiner Bruder richtet eine Spielzeugpistole auf Watkins, der seine Hände hochnimmt und dem kleinen Jungen signalisiert, dass er sich ergibt. Angel beginnt lauthals zu lachen und hört einen Moment auf, sich zu konzentrieren. Und bleibt dennoch aufrecht stehen.

Erschienen in Rotary Magazin 9/2011

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