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Interview

„Auch hinter künstlicher Intelligenz stecken brillante Köpfe“

Interview - „Auch hinter künstlicher Intelligenz stecken brillante Köpfe“
Otmar D. Wiestler in seinem Berliner Büro © Gesine Born/Helmholtz

Früher forschte Otmar D. Wiestler zur Heilung von Krebs. Als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft ist er nun auch Fürsprecher von Weltraumforschung, Quanten-Computing und vielem anderem

Anne Klesse01.03.2018

Das Büro von Otmar D. Wiestler ist funktional eingerichtet. Doch auf den Regalböden hinter dem Schreibtisch des Prä­sidenten der Helmholtz-Gemeinschaft bewahrt der 61-Jährige neben Fachbüchern, an denen er selbst mitgeschrieben hat, Dinge auf, an denen ihm etwas liegt: ein von einer ehemaligen Mitarbeiterin gemaltes Bild, Skulpturen, eine Menora. Der Blick aus dem Fenster fällt auf die Museumsinsel, zur Linken der Berliner Dom, rechts ist in der Ferne das Hochhaus der Charité zu sehen. 

Herr Prof. Wiestler, wie ist die Wissenschaftsnation Deutschland im internationalen Vergleich aufgestellt?
Deutschland zählt zu den international führenden Forschungsnationen. Vor allem in den letzten zehn bis 15 Jahren haben wir uns enorm weiterentwickelt, da die Bundesregierung gezielt und großzügig in Forschung und Entwicklung investiert hat. Das zahlt sich aus. Wir haben in Deutschland ein arbeitsteiliges Wissenschaftssystem mit gut aufgestellten Universitäten und Hochschulen sowie leistungsfähigen außeruniversitären Einrichtungen wie der Helmholtz-Gemeinschaft, der Max-Planck-Gesellschaft, der Fraunhofer-Gesellschaft oder der Leibniz-Gemeinschaft. Diese Kombination macht uns im internationalen Vergleich stark.

Welche wissenschaftspolitischen Themen wünschen Sie sich ganz oben auf der politischen Agenda?
Für uns als Wissenschaftsorganisation ist es wichtig, dass Deutschland den beschriebenen Kurs fortsetzt und weiter konsequent in Forschung und Entwicklung investiert – das ist auch eine ganz entscheidende Basis für unseren wirtschaftlichen Wohlstand. Forschung lebt von kreativen und motivierten Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern. Deshalb müssen wir den Forschungsstandort Deutschland noch attraktiver für talentierte Köpfe aus aller Welt machen. Als Helmholtz-Gemeinschaft freuen wir uns, dass die künftige Bundesregierung das Ziel hat, in Deutschland bis zum Jahr 2025 dreieinhalb Prozent des Bruttoinlandsprodukts in Forschung und Entwicklung zu investieren. Die universitä­tren und außeruniversitären Forschungseinrichtungen sollen weiterhin mit dem Pakt für Forschung und Innovation unterstützt werden. Themen, die die Menschen besonders bewegen und in die Deutschland stark investieren sollte, sind unter anderem eine nachhaltige Energieversorgung, neue Ansätze für Mobilität, Gesundheitsforschung, Klimawandel sowie der gesamte Bereich der Informationstechnologie und -verarbeitung und Digitalisierung. Letztere durchzieht Wirtschaft, Wissenschaft und Gesellschaft wie ein roter Faden.

Wie kann der deutsche Arbeitsmarkt denn für Wissenschaftler aus aller Welt attraktiver werden? Deutschland ist schon jetzt ein attraktiver, international ausgerichteter Wissenschaftsstandort, es wird überall Englisch gesprochen und es gibt viele Möglichkeiten, hier tätig zu werden. International müssen wir allerdings noch sehr viel sichtbarer werden, uns besser vermarkten. Gerade junge Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler haben hier Zukunftsperspektiven. Große Talente können in Deutschland nicht nur temporär arbeiten, sondern haben durchaus langfristige Möglichkeiten. Besonders in der aktuellen weltpolitischen Situation sollten wir das deutlich machen. Der Forschungsstandort USA leidet. Großbritannien wird die EU verlassen, der „Brexit“ wird Auswirkungen auf die Anziehungskraft der englischen Wissenschaft haben.

Als Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft sind Sie nah dran an aktuellen Forschungsthemen. Welche Bedeutung hat der „Faktor Mensch“ noch bei Entscheidungen in Zeiten der künstlichen Intelligenz? Sind Computer die besseren Entscheider?
Da kann ich Sie beruhigen. Wissenschaft lebt von kreativen, innovativen Menschen. Sie wird immer von Menschen konzipiert und gestaltet werden und nicht von Maschinen oder Computern. Allerdings müssen wir die faszinierenden Möglichkeiten der Informationsverarbeitung in Zukunft viel konsequenter nutzen. Für uns in der Helmholtz-Gemeinschaft ist das eine große Herausforderung. Es gibt wahrscheinlich keine Organisation, die solch enorme Mengen an komplexen Daten produziert wie wir. Eine der großen Zukunftsfragen ist: Wie kann man aus diesen exponentiell wachsenden Datenmengen wissenschaftliche Erkenntnisse gewinnen? Künstliche Intelligenz und Verfahren des maschinellen Lernens sind dabei vorrangige Themen. Auch hinter diesen Ansätzen stehen aber immer brillante Köpfe. Diese müssen entscheiden, wie sie die neuen Möglichkeiten intelligent einsetzen. 

Und wie treffen Sie persönlich Entscheidungen? Verlassen Sie sich, ganz Wissenschaftler, ausschließlich auf Zahlen, Daten, Fakten?
Ich kann Entscheidungen nur treffen, wenn ich eine entsprechende Informationsbasis habe und alle Argumente gründlich abwägen kann. Wichtig ist eine transparente Abstimmung mit denjenigen, die meine Entscheidungen am Ende umsetzen. Bei Ihrem Antritt im September 2015 kündigten Sie an, die Helmholtz-Gemeinschaft stärker als Partner von Wirtschaft und Gesellschaft etablieren zu wollen.

Welche Zwischenbilanz ziehen Sie?
Aufgrund unserer Größe und der zahlreichen Disziplinen unserer Zentren sehe ich da enormes Potenzial. Ein Beispiel für gelungenen Wissenstransfer ist der Krebsinformationsdienst, bei dem Betroffene und deren Angehörige in großer Zahl wissenschaftlich verbriefte Informationen erhalten. Aktivitäten wie diese bauen wir kontinuierlich aus. Um Forschung noch schneller in die Anwendung zu bringen, haben wir an zahlreichen Helmholtz­Zentren Innovations labors aufgebaut, in denen sich Vertreter von Wissenschaft und Wirtschaft austauschen. Es gibt viele Beispiele für Entwicklungspartnerschaften mit Unternehmen, Modellprojekte mit der Firma Zeiss am Karlsruher Institut für Technologie etwa, eine Allianz zwischen dem Deutschen Krebsforschungszentrum und der Firma Bayer, die bei der Entwicklung neuer Medikamente kooperieren, die Zusammenarbeit zwischen dem Deutschen Zentrum für Luft­ und Raumfahrt und der Robotikfirma Kuka oder zwischen dem Forschungszentrum Jülich und Siemens.

Ihre Begeisterung für Wissenschaftsthemen ist Ihnen anzumerken. Sie sind Arzt, einer Ihrer Forschungsschwerpunkte war die Stammzellenforschung. Fehlt Ihnen manchmal der Forscheralltag? 
Je weiter meine Karriere vorangeschritten ist, desto mehr traten Organisationsund Managementaufgaben für mich in den Vordergrund. Ich war mehr als 20 Jahre lang in der Neuropathologie tätig, habe Hirnkrankheiten diagnostiziert und erforscht. Dann habe ich zwölf Jahre lang in Heidelberg das Deutsche Krebsforschungszentrum geleitet. Dort habe ich selbst kaum Forschung betreiben können, war aber mitten drin in einem Gebiet, das mich besonders fasziniert. Einerseits vermisse ich das natürlich. Andererseits kann ich mich jetzt, als Präsident unserer Forschungsgemeinschaft, mit zahlreichen weiteren spannenden Themen von Permafrost und Polarforschung über Energiespeicherung und Astroteilchenphysik bis hin zu Quanten­Computing befassen. Das hält mich aktiv und ist eine unglaubliche Lernerfahrung, die mir sehr viel Freude macht. Das geht mir bei Rotary ähnlich: Dort habe ich die einmalige Möglichkeit, mich mit interessanten Menschen auszutauschen, die bewundernswerte Leistungen in ganz anderen Bereichen erbringen.

Anfang Juni startet die nächste Mission zur Internationalen Raumstation ISS – mit dem deutschen Commander Alexander Gerst …
Ich kenne ihn, eine faszinierende Persönlichkeit. Wir sind alle stolz auf Alexander Gerst. Er ist ein wunderbarer Botschafter für die Faszination der Weltraumforschung, die viele Menschen bewegt. Im Übrigen liefert uns die Weltraumforschung viele Erkenntnisse für sehr irdische Probleme: Neue Materialien kommen aus der Weltraumforschung, die Robotik profitiert enorm von Anwendungen im Weltraum, dort werden biologische und medizinische Produkte getestet. In der neuen Mission wird es wieder viele spannende Experimente geben. Ich freue mich schon darauf, von den Ergebnissen der kommenden Mission Horizons zu hören.

Das Gespräch führte Anne Klesse.


Otmar D. Wiestler RC Heidelberg ist seit 2015 Präsident der Helmholtz-Gemeinschaft, zu der 18 naturwissenschaftlich-technische und medizinischbiologische Forschungszentren gehören. Zuvor leitete der habilitierte Pathologe als Vorstandsvorsitzender und Wissenschaftlicher Vorstand das Deutsche Krebsforschungszentrum in Heidelberg (DKFZ).

helmholtz.de

Anne Klesse
Anne Klesse war viele Jahre lang Redakteurin der Welt-Gruppe (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt, Berliner Morgenpost) in Berlin und arbeitet seit 2015 freiberuflich als Journalistin für Print und Online. Für das Rotary Magazin führt sie unter anderem regelmäßig Entscheider-Interviews. www.anneklesse.de