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Entscheider

„Jeden Tag etwas dazulernen“

Entscheider - „Jeden Tag etwas dazulernen“
Patientengespräche ebenso wichtig wie Managementaufgaben: Chefarzt Matthias Anthuber © Dirk Bruniecki

Gesellschaft funktioniert wie Mannschaftssport, findet der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie, Matthias Anthuber: Jeder hat seine Rolle, alle sollten für ein gemeinsames Ziel kämpfen

Anne Klesse01.02.2019

Von seinem Schreibtisch aus fällt der Blick auf ein Plakat mit einem Herzen. Die Ankündigung zu einem Kongress über Herz-Lungen-Transplantation 1989 in München, Erinnerungsstück an seine Zeit in der Herzchirurgie. Außerdem ziert den Arbeitsplatz von Prof. Dr. med. Matthias Anthuber, Jahrgang 1959, ein Bild aus seinem Elternhaus, das ihn an seine Kindheit und Jugend erinnere, wie er sagt. Es muss eine glückliche Zeit gewesen sein, der Vater sei noch heute sein großes Vorbild. Ein Foto von ihm sowie eines von Ehefrau und den drei Kindern zieren neben einem Kruzifix ebenfalls das Büro des Chefarztes der Klinik für Allgemein-, Viszeral- und Transplantationschirurgie am Universitätsklinikum Augsburg.

Herr Prof. Anthuber, Sie waren selbst Handball-Nationalspieler – welche Erinnerungen kommen da jetzt während der Handball-Weltmeisterschaft hoch?
Super Erinnerungen! Als junger Mann habe ich etwa zehn Jahre in der Bundesliga gespielt. Medizin zu studieren bedeutet unglaublich viel Lernen. Gleichzeitig den Leistungssport mit täglichen Trainingseinheiten zu haben, war eine wunderbare Gelegenheit, den Kopf frei zu bekommen und Energie zu tanken. Der Sport hat mich sehr geprägt. Mittlerweile spiele ich nicht mehr, aber bin begeisterter Golfspieler und fahre im Winter Ski. Und ich habe ein unsportliches Hobby: das Kochen.

Gibt es Erfahrungen im Sport, über die Sie sagen würden, dass sie Sie im Beruf weitergebracht haben?
Auf jeden Fall. Ich verwende täglich Instrumente in der Führung meiner Klinik, die ich in meiner Zeit als Mannschaftssportler gelernt habe: Vorbild sein, sich selbst nicht so wichtig nehmen. Das eigene Ziel ist wichtig, das gemeinsame Ziel aber immer wichtiger. Bei Zielkonflikten muss man zurückstecken können. Jeder einzelne sollte sich mit seiner individuellen Aufgabe identifizieren und erkennen, dass wir zum Beispiel in einer Klinik, aber auch in Unternehmen, bei Rotary und in der Gesellschaft allgemein wie eine Mannschaft funktionieren müssen, die immer das gemeinsame Ziel im Blick hat.

Persönlich zurückzustecken kann mitunter schmerzhaft sein …
Oh ja! Auch in meiner beruflichen Karriere gab es Phasen, in denen ich mich gefragt habe: Wozu mache ich das überhaupt, muss dieser Umweg sein? Ich habe zweieinhalb Jahre auf der Intensivstation gearbeitet, knapp zwei Jahre auf einer Privatstation. Zeiten, in denen ich relativ wenig chirurgisch tätig sein konnte, in denen ich oft das Gefühl hatte, nicht voranzukommen. Aber ich vertraue darauf, dass alles, was man gibt, hundertfach zurückkommt. So funktioniert Gemeinschaft.

Lag es für Sie nicht nahe, Sportmediziner zu werden?
Tatsächlich war ich während des Studiums drei Monate in der Praxis des Sportmediziners Dr. Müller-Wohlfahrt. Am meisten geprägt aber hat mich mein Vater, der Allgemein- und Unfallchirurg war. Als Kind durfte ich Krankenhausluft schnuppern, beim Gipsen mal ein Bein oder einen Arm halten. Ich wusste als 15-Jähriger, dass ich Chirurg werden will. Mich fasziniert das handwerkliche Präparieren. Anatomische Strukturen freizulegen und Dinge zu rekonstruieren interessiert mich am meisten.

Habilitiert wurden Sie zu einem Thema im Bereich der Organtransplantation. Ein bis heute drängendes Thema, gibt es doch seit Jahren mehr Patienten, die auf ein Spenderorgan warten, als potenzielle Spender: 2017 spendeten laut Deutscher Stiftung Organtransplantation fast 2000 Verstorbene ihre Organe, knapp 15.000 Menschen standen jedoch auf den Wartelisten für Spenderorgane …
Transplantationschirurgie war mir schon immer eine Herzensangelegenheit. Die Zahlen sind mit zuletzt weniger als zehn Organspendern pro einer Million Einwohnern mittlerweile so alarmierend niedrig, dass wir handeln müssen. Wir können nicht inaktiv bleiben und einfach akzeptieren, dass jeden Tag drei Patienten, die auf der Warteliste für ein Spenderorgan stehen, sterben. Es ist Aufgabe einer Solidargemeinschaft, sich Gedanken zu machen, wie dieses Problem gelöst werden kann.

Bundesgesundheitsminister Jens Spahn hat sich des Themas angenommen und eine Gesetzesvorlage zur sogenannten Widerspruchslösung eingebracht. In anderen Ländern wie Österreich gibt es diese schon lange, hierzulande hat sie jedoch emotionale Diskussionen ausgelöst. Wie lässt sich ein solcher Schritt, der ja das Persönlichste betrifft – den eigenen Körper –, der (gesunden) Bevölkerung vermitteln?
Ich bin ein großer Freund der Widerspruchslösung. Sie ist entgegen anderslautenden Kommentaren kein unangemessener Eingriff des Staates in die individuelle Freiheit. Man kann von jedem Erwachsenen erwarten, eine Entscheidung zu treffen. Kürzlich las ich, das sei ein „sanfter Zwang durch den Staat zur Organspende“. Das ist einfach falsch. Niemand wird zu einer Spende gezwungen. Die Widerspruchslösung fordert bloß auf zu sagen: Ja oder Nein. Wer sich mit dieser Frage nicht beschäftigen will, soll einfach Nein sagen.

Sich nicht zu entscheiden, bedeutet im Zweifel, die Entscheidung Angehörigen zu überlassen, oder?
Will ich das meinen Kindern, meinem Partner überlassen? In der deutschen Gesetzesvorlage wird eine doppelte Widerspruchslösung vorgeschlagen. Angehörige könnten jederzeit widersprechen, selbst wenn der Verstorbene Organspender werden wollte. Länder wie Österreich, die eine einfache Widerspruchslösung haben, praktizieren das im Grunde auch so, obwohl sie die Angehörigen nicht fragen müssten.

Viele Menschen wollen sich nicht mit dem Tod beschäftigen. Wie können da Ängste und Vorbehalte überwunden werden?
Information, Information, Information. Es wird viel zu wenig getan. Organspende sollte schon in den Schulen Thema sein. Kinder lernen heute mit neun Jahren im Sexualkundeunterricht, wie Leben entsteht. Warum sollten sie nicht erfahren, wie Leben vergeht? Das Sterben gehört zum Leben dazu, ist aber noch immer ein Tabuthema. Ängste und Vorbehalte müssten nicht sein. Meine Frau und ich sprechen ganz offen mit unseren drei Kindern über das Thema. Wir haben Organspender-Ausweise, jeder weiß von jedem, was nach dessen Tod passieren soll. Das beruhigt.

Die 1967 gegründete Stiftung Eurotransplant ist für die Vermittlung von Organspenden in Deutschland, Österreich, Benelux, Slowenien, Kroatien und Ungarn zuständig. Spanien und Großbritannien haben eigene nationale Institutionen, die Skandinavier eine gemeinsame Vermittlungsstelle. Wäre es nicht sinnvoll, Organspende EU-weit zu organisieren?
Das wäre tatsächlich wünschenswert. Bei Patienten mit höchster Dringlichkeit, die ohne Organspende innerhalb von drei Tagen sterben würden, wird bereits exzellent zusammengearbeitet, Organe werden über weite Strecken transportiert. Die EU könnte auch in diesem Punkt noch besser als Gemeinschaft funktionieren und handeln.

Wenn Sie im OP Entscheidungen treffen, geht es manchmal um Leben und Tod. Wie kommen Sie mit diesem Druck klar?
Da wächst man hinein. Ich durfte von guten Lehrern lernen. Auch meine Zeit im Leistungssport hilft. Jedes Handballspiel beinhaltete eine Fülle von Situationen, in denen schnelles Entscheiden gefordert war. Da ging es zwar nicht um Leben und Tod, aber man lernt, mit Druck umzugehen. Wenn ich im OP stehe und ins Zweifeln komme, haben wir das Mittel der sogenannten intraoperativen Zweitmeinung. Jeder von uns, egal, ob Chef-, Ober- oder Assistenzarzt, holt dann einen Kollegen dazu. Vier Augen sehen mehr als zwei, zwei Köpfe haben mehr intellektuelle Kapazität als einer. Das soll nicht der Delegation von Verantwortung dienen, sondern die Verantwortung auf eine breitere Basis stellen. Das ist sehr hilfreich. Und sicher empfehlenswert für viele andere Lebens- und Arbeitsbereiche. Wer sich zu schade ist, um Rat zu fragen, und nicht willens, dazuzulernen, hat den Pfad der Tugend verlassen. Ich betrete jeden Morgen mein Büro mit dem Gedanken, auch an diesem Tag wieder etwas dazuzulernen.

Ende März findet unter Ihrer Präsidentschaft der 136. Kongress der Deutschen Gesellschaft für Chirurgie in München statt. Schon in der Einladung haben Sie sich dafür eingesetzt, ein Zeichen „gegen den zunehmenden Nationalismus“ und für grenzüberschreitenden Wissensaustausch zu setzen. Sind in der Wissenschaft nationalistische Tendenzen zu spüren?
Der internationale Wissenstransfer funktioniert glücklicherweise nach wie vor. Anders würde es nicht gehen. Wir müssen grenzüberschreitend und vorbehaltlos zusammenarbeiten, denn Wissen vermehrt sich durch Vielfalt. Davon profitieren nationen- und kontinentübergreifend alle. Da könnten andere Bereiche des Lebens oder die Politik sicher noch etwas lernen.