Anzeige
https://rotary.de/gesellschaft/es-geht-um-die-demokratisierung-des-wissens-a-13976.html
Entscheider

„Es geht um die Demokratisierung des Wissens“

Entscheider - „Es geht um die Demokratisierung des Wissens“
Johanna Rachinger im Prunksaal der Österreichischen Nationalbibliothek © Peter Rigaud

Die Generaldirektorin der Österreichischen Nationalbibliothek Johanna Rachinger über Google Books, kulturelle Schätze und die Verantwortung gegenüber späteren Generationen

Anne Klesse01.04.2019

Ihr Arbeitsplatz im altehrwürdigen Gebäude der Österreichischen Nationalbibliothek in Wien liegt nur wenige Schritte entfernt vom berühmten Prunksaal, in dem ein Teil des kulturellen Gedächtnisses des Landes bewahrt wird. 200.000 Bücher aus den Jahren 1500 bis 1850 reihen sich in deckenhohen Nussholz-Regalen unter Fresken des Hofmalers Daniel Gran (1694–1757) aneinander. Manche dieser Bücher stehen auf der Liste des UNESCO-Weltdokumentenerbes. In ihrem Büro befinden sich nur wenige Bücher, Johanna Rachinger blickt von ihrem Schreibtisch aus auf Ölgemälde des Erbauers des Prunksaals, Kaiser Karl VI., und dessen Frau, Elisabeth Christine von Braunschweig-Wolfenbüttel. In dem großen Raum mit Konferenztisch gibt es keinerlei persönliche Gegenstände, weder Familienfotos noch Erinnerungsstücke.

Will Archive zukunftsfähig machen: Johanna Rachinger © Peter Rigaud

Die 1368 als kaiserliche Hofbibliothek gegründete Österreichische Nationalbibliothek ist eine der bedeutendsten Bibliotheken weltweit und beherbergt mehr als zwölf Millionen Objekte, davon vier Millionen Bücher. Wie ist das, umgeben von einem solchen Schatz zu arbeiten?
Bücher bedeuten mir schon immer sehr viel. Obwohl ich in einem kleinen Ort aufgewachsen bin, in dem es keine Buchhandlung gab, hatten meine Geschwister und ich durch unsere Eltern immer Zugang zu Büchern. Einmal im Monat kam ein Versandkatalog, aus dem wir ausgesucht und bestellt haben. Diese Liebe zum Lesen hat sich schließlich fortgesetzt in der Wahl meines Studiums und des Berufs.

In der Österreichischen Nationalbibliothek zeigen wir bei verschiedenen Gelegenheiten wie Staatsbesuchen oder Ausstellungen besondere Objekte, die auch ich zum ersten Mal sehe. Diese Aura des Originals berührt mich jedes Mal sehr.

Im Alltag ist es ein Managementjob mit 400 Mitarbeitern. Wir bekommen vom Staat eine Basisabgeltung und sind darüber hinaus gefordert, eigene Einnahmen zu erwirtschaften. Deshalb geht unsere Arbeit mittlerweile weit über die Archivarbeit und den Lesesaalbetrieb hinaus. Wir haben Profitcenter eingerichtet, vermieten unsere Räumlichkeiten, tun viel im Bereich des Sponsorings, lizenzieren unsere Inhalte und profitieren von steigenden Eintrittserlösen in unseren Museen.

Welches Buch hat Sie am stärksten geprägt?
In meiner Kindheit war das Astrid Lindgrens Pippi Langstrumpf. Dieses starke, mutige Mädchen, das auch noch zaubern konnte und nie Angst hatte, hat mich sehr beeindruckt. So wollte ich später auch sein. Ein Buch, das ich erst kürzlich wieder gelesen habe, ist Stefan Zweigs „Die Welt von gestern“. Zweig war ein glühender Europäer und das spiegelt sich in diesem beeindruckenden Buch wider. 

2010 sind Sie eine viel beachtete „Public Private Partnership“ mit Google eingegangen, um die urheberrechtsfreien Bestände zu digitalisieren. Warum verschenken Sie die Inhalte an Google Books?
Die Zusammenarbeit mit Google ist ein Riesengewinn für die Österreichische Nationalbibliothek. Im Sinne der Demokratisierung des Wissens wurden bis vergangenen Herbst 600.000 urheberrechtsfreie Bücher digitalisiert und weltweit online zur Verfügung gestellt. Aufgrund des großen Erfolgs werden wir die Partnerschaft mit Google fortsetzen und jährlich weitere 7500 Bücher digitalisieren. Die Inhalte sind kostenfrei über die Website der Österreichischen Nationalbibliothek, aber auch über Google Books zugänglich. Und das von jedem Ort der Welt zu jeder Tages- und Nachtzeit.

Ein weiteres sehr erfolgreiches Projekt ist ANNO (AustriaN Newspapers Online). In diesem Portal werden österreichische historische Zeitungen digital zur Verfügung gestellt. Mittlerweile finden sich dort über 20 Millionen Zeitungsseiten. Täglich nutzen über 3000 Leser dieses Angebot, wesentlich mehr als in unseren Lesesälen vor Ort.

Die Digitalisierung von Zeitungen ist aber auch deshalb wichtig, da gerade Zeitungen aus der Jahrhundertwende auf sehr holzhaltigem Papier gedruckt wurden. Diese Art von Papier ist nicht gut haltbar, manche Zeitung zerfällt fast zwischen den Fingern. Um die Inhalte zu bewahren, müssen wir sie digitalisieren. Wir tun das auch in Verantwortung für spätere Generationen, so wie Generationen vor uns das auch für uns getan haben. Ein weiterer Aspekt, der die Digitalisierung von Bibliotheksbeständen so wichtig macht, ist unsere Sorge, dass zukünftig Inhalte, die nicht über das Netz abrufbar sind, nicht mehr gelesen werden. Das wäre fatal, auch für die Forschung und Wissenschaft. Da sehen wir eine große Verantwortung.

Wie muss man sich die Digitalisierung von 600.000 Büchern und vielen weiteren Objekten praktisch vorstellen?
Die Bücher aus dem Google-Projekt werden mit Lkw regelmäßig nach Deutschland in ein Digitalisierungszentrum gebracht, wo jede einzelne Seite gescannt wird. Dieser Vorgang erlaubt uns, erstmals seit 200 Jahren eine umfangreiche Bestandsrevision vorzunehmen. Vor dem Transport werden die Bücher begutachtet und Beschädigungen fachgerecht restauriert. Nach ihrer Rückkehr werden sie dann noch einmal geprüft.

Außerdem archivieren wir seit zehn Jahren das österreichische Internet. Alles, was auf der Domain „.at“ erscheint, wird einmal im Jahr „geharvestet“. Auch das tun wir in Verantwortung für spätere Generationen. Wenn man in 100 Jahren wissen möchte, wie Österreich 2018 funktionierte, warum Wahlen so ausgegangen sind, wie sie es sind, dann kann man das Internet nicht außer Acht lassen.

Wo speichern Sie diese Unmengen an Daten?
Wir arbeiten mit den modernsten, aber auch sichersten Techniken, also beispielsweise gespiegelten Speichersystemen. Es ist wichtig, mit digitalen Daten in der Langzeitarchivierung genauso sorgfältig umzugehen wie mit analogen Beständen. Deshalb stellen wir auch immer wieder auf neueste Speichersysteme um. Wie wichtig das ist, hat der Brand der Hofburg 1992 gezeigt. Damals bestand die Gefahr, dass das Feuer auf unseren Prunksaal übergreift. Diese Katas trophe wurde glücklicherweise im letzten Moment verhindert. In Deutschland ist 2004 die Herzogin Anna Amalia Bibliothek in Weimar abgebrannt, 2009 das Stadtarchiv in Köln eingestürzt. Da sind unwiederbringlich Unikate verloren gegangen. Wenn heute im Prunksaal etwas passieren würde, hätten wir zumindest die Inhalte gerettet.

Das Bewahren eines solchen kulturellen Erbes ist eine große Verantwortung. Können Sie nachts ruhig schlafen?
Ich spüre eine große Verantwortung, aber die vielen guten Mitarbeiter machen es für mich leicht. Ich habe großes Vertrauen in deren Qualifikation und Verantwortungsbewusstsein. Die Österreichische Nationalbibliothek ist ein identitätsstiftendes Symbol Österreichs und seiner Geschichte. Dementsprechend groß ist auch die Identifikation der Mitarbeiter mit dem Haus.

Sind Sie eigentlich privat ebenfalls eine „Sammlerin“?
Mein Mann und ich haben zu Hause viele Bücher, die sich über die vielen Jahre angesammelt haben. Manchmal geben wir auch welche weg, um Platz für neue zu schaffen. Als Sammlerin würde ich mich nicht bezeichnen, wahrscheinlich bin ich es auch deshalb nicht, weil ich viel freien Raum brauche.