Titelthema - Die Idee Raiffeisens ist immer noch attraktiv

Zeitschrift des Reichsverbandes deutscher Konsum-Vereine von 1931 © Privat

01.03.2018

Titelthema

Die Idee Raiffeisens ist immer noch attraktiv

Anne Klesse

Im Gespräch mit Ralf W. Barkey über das gemeinschaftliche Wirtschaften als Lösung für dringende gesellschaftliche Probleme

Ralf W. Barkey ist Vorstandsvorsitzender des „Genossenschaftsverbandes – Verband der Regionen“. genossenschaftsverband.de


Herr Barkey, die Idee Friedrich Wilhelm Raiffeisens war eine Genossenschaft, die ihre Mitglieder durch den gemeinschaftlichen Geschäftsbetrieb wirtschaftlich fördert. Wie zeitgemäß ist dieses Konzept aus dem Jahr 1847 heute?
Die Idee ist zeitgemäßer als je zuvor! Das beweisen unter anderem die bundesweit über 22 Millionen Mitglieder in den einzelnen Genossenschaften. In unserem Verbandsgebiet in 14 Bundesländern sind es rund acht Millionen Mitglieder in etwa 2900 Genossenschaften mit einem Umsatz- und Bilanzvolumen von 450 Milliarden Euro pro Jahr. Diese Zahlen zeigen doch: Die Idee Raiffeisens ist für die Menschen damals wie heute attraktiv. Die wirtschaftliche Stärke der Genossenschaften ist ein wichtiger Baustein der Gesamtwirtschaftsstärke in Deutschland.

Trotzdem scheinen diejenigen, die nicht selbst Mitglied einer Genossenschaft sind, kaum Berührungspunkte mit dem Thema Genossenschaften zu haben.
Das ist nur auf den ersten Blick so. Wenn wir genauer hinschauen, kommt der Mensch vom Aufstehen bis zum Schlafengehen permanent mit etlichen genossenschaftlichen Produkten und Dienstleistungen in Berührung. Das geht morgens beim Brötchenessen los: Deren Zutaten werden durch eine genossenschaftliche Wirtschaftsorganisation für Bäcker und Konditoren, die BÄKO, zugeliefert. Das zieht sich durch bis zum Feierabend, an dem eine Flasche Wein geöffnet wird – sehr häufig handelt es sich um Wein von Winzergenossenschaften. Den Menschen ist es nicht immer bewusst, wie oft sie mit der genossenschaftlichen Idee im Alltag zu tun haben. Deshalb ist eines unserer Kernanliegen im Raiffeisenjahr 2018, i hnen diese Tatsache stärker ins Bewusstsein zu bringen.

Wo liegen für Sie die Zukunftschancen des genossenschaftlichen Konzepts für Wirtschaft und Gesellschaft?
Ein großes Feld bilden seit zehn Jahren die Energiegenossenschaften – allein in unserem Verband haben wir knapp 500 Energie-, Immobilien- und Versorgungsgenossenschaften. Ihre Mitglieder wollen den Ausbau der dezentralen Energieversorgung im Land selber organisieren. Auch in kleinen und mittelständischen Unternehmen spielt das Thema Genossenschaft zunehmend eine Rolle, und zwar immer dann, wenn es um Übernahme oder Unternehmensnachfolge geht. Was einer alleine nicht schafft, das schaffen viele: Raiffeisens kraftvolle Idee der genossenschaftlichen Rechtsform mit Mitarbeiterbeteiligung ist oft eine optimale Lösung für eine geordnete Betriebsübernahme, auch, wenn beim Familienunternehmen die jüngere Generation nicht weitermachen will. Andererseits registrieren wir Neugründungen wie zu Raiffeisens Zeiten aufgrund von Mangelerscheinungen: der Ärzteversorgung auf dem Lande beispielsweise.

Dort gründen sich verstärkt Ärztegenossenschaften. Das gilt auch für die Breitbandversorgung von Gewerbegebieten. Hier ist Deutschland, vorsichtig gesagt, nahezu Entwicklungsland. Deshalb werden auch hier Genossenschafter aktiv. In dörflichen Gemeinden, in denen es keine Geschäfte mehr gibt, keinerlei Versorgungseinrichtung, gründen die Menschen gemeinschaftlich Dorfläden – in Form von Genossenschaften. Die landwirtschaftlichen Genossenschaften, die Agrargenossenschaften und großen gewerblichen Genossenschaften mit milliardenschweren Umsätzen sind ein starkes Stück Deutschland. Die Politik wird sich in der Zukunft sehr viel intensiver als bisher mit der Entwicklung der ländlichen Räume auseinander setzen müssen – da können Genossenschaften einen wertvollen B eitrag leisten. Auch für das Problem der alternden Gesellschaft kann die Genossenschaft e ine selbstbestimmte Lösung für das Wohnen im Alter sein. Immer mehr Menschen gründen Seniorengenossenschaften.


Was bewegt die Neu-Mitglieder? Spielt in der von Ihnen beschriebenen Entwicklung auch der Wunsch nach Übersichtlichkeit, nach weniger Komplexität in unserer globalisierten Welt eine Rolle?
Die Menschen in globalen wirtschaftlichen Prozessen fühlen sich häufig fremdbestimmt und sagen deshalb: Das, was wir selber organisieren können, wollen wir auch selber gestalten. Dieser Drang der Betroffenen nach Selbstverwaltung zeigt sich auch in den vielen ehemaligen kommunalen Versorgungs- und Dienstleistungseinheiten wie Schulen oder Kindergärten, die nun genossenschaftlich organisiert sind. Und auch wirtschaftlich Erfolg haben.

Ein Beispiel: In der nordrhein-westfälischen Stadt Hamm gab es eine kommunale Eissporthalle. Sie war hochdefizitär und sollte geschlossen werden. Doch die Anwohner wollten die Eissporthalle erhalten und haben sich letztendlich in einer Genossenschaft organisiert und sie übernommen. Zwei Jahre später schreibt die Einrichtung nun schwarze Zahlen, Dank des großen bürgerschaftlichen Engagements vor Ort. Es ist nicht das einzige Beispiel dafür, dass eigenverantwortliches Engagement oft besser funktioniert als staatliches Handeln. Das zeigt sich auch in der Bankenlandschaft: In anderen europäischen Ländern ist diese vielfach beherrscht von Großbanken mit erheblichen Verflechtungen zum Staat. In Deutschland hingegen haben wir die beiden starken Säulen der regionalen Sparkassen und Volks- und Raiffeisenbanken und hatten deshalb selbst während der Bankenkrise keine Kreditklemme. Dieses Erfolgsmodell sollten wir exportieren.

Die Rechtsform der Genossenschaft, in mancher Hinsicht dem eingetragenen Verein ähnlich, ist hingegen nicht unkompliziert. Wie wollen Sie junge Menschen und Gründer für sie begeistern?
Meiner Meinung nach ist die Genossenschaft die einfachste Rechtsform: Sie brauchen keinen Notar, können relativ unproblematisch Mitglied werden und auch wieder austreten ohne zusätzliche bürokratische Hemmnisse. Jugendliche organisieren sich mittlerweile deutschlandweit in 150 Schülergenossenschaften. Sie leben genossenschaftliches Miteinander und werden dabei begleitet von Paten aus der genossenschaftlichen Welt. Als diese jungen Menschen in der Gründungsphase zu uns kamen, dachten sie noch meist, in der Wirtschaft gäbe es immer Gewinner und Verlierer, und es ginge allein um Gewinnmaximierung. Mit den Schülergenossenschaften lernen sie eine andere Form des Wirtschaftens kennen, füreinander und für ihr Produkt oder ihre Dienstleistung Verantwortung zu übernehmen. Die Begeisterung der jungen Menschen zu sehen, zu spüren, wie sie sich plötzlich für Wirtschaft und Unternehmertum interessieren, fasziniert mich.

Das Gespräch führte Anne Klesse.

Anne Klesse
Anne Klesse war viele Jahre lang Redakteurin der Welt-Gruppe (Die Welt, Welt am Sonntag, Welt Kompakt, Berliner Morgenpost) in Berlin und arbeitet seit 2015 freiberuflich als Journalistin für Print und Online. Für das Rotary Magazin führt sie unter anderem regelmäßig Entscheider-Interviews. www.anneklesse.de

Rotary Magazin 6/2018

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