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Und er fand ihn doch!

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Auftrag ausgeführt und dennoch ganz am Anfang: Ferdinand Magellan und seine Mannschaft im Pazifik nach der Durchquerung der später nach ihm benannten Magellanstraße © Ullstein Bild / Granger, NYC

Vor 500 Jahren, am 21. Oktober 1520, entdeckte Ferdinand Magellan mit seiner Armada den legendären Seeweg um die Südspitze Amerikas. Eine Sternstunde der Seefahrt

Volker Mehnert01.10.2020

Es war die eklatanteste und übelste Sorte von Fake News des ganzen Jahrhunderts: Nach vielen Monaten auf See kehrt die Besatzung des Segelschiffes „San Antonio“ in ihren andalusischen Heimathafen Sanlúcar de Barrameda zurück und verbreitet ein wildes Konglomerat aus Tatsachen, Halbwahrheiten, Verdrehungen und Lügen. Ferdinand Magellan, der Kommandant jener Armada, die ausgeschickt wurde, um eine Südwestpassage zu den Molukken, den legendären orientalischen Gewürzinseln, zu finden, habe sich als völlig unfähiger Navigator und als bösartiger Tyrann erwiesen. Inzwischen sei er am südlichen Ende der Welt hilflos und verloren unterwegs und werde niemals nach Europa zurückkehren. Sogar ein Verrat im Auftrag des Erzfeindes Portugal wird ihm unterstellt. Deshalb habe sich die Mannschaft unter Führung des aufmüpfigen Steuermanns Estevão Gomes zur Rückkehr in die Heimat entschlossen. In Spanien glaubt man den Meuterern, und Magellans Ruf ist damit erst einmal ruiniert.

Ein Labyrinth von Untiefen

Was in der Zwischenzeit am südlichen Zipfel Amerikas wirklich passiert ist, kann in Europa in diesen Tagen niemand wissen. Am 21. Oktober 1520 macht der Ausguck von Magellans Flaggschiff „Trinidad“ eine aufregende Entdeckung: ein Kap, hinter dem sich eine Bucht tief ins Landesinnere ausbreitet. Sie befinden sich am 52. Breitengrad, und Magellan glaubt, nun die ersehnte Durchfahrt gefunden zu haben. Zwei seiner Schiffe schickt er zur Erkundung aus. Als sie zurückkommen, scheinen die kühnsten Hoffnungen bestätigt: Das Ende der Passage ist zwar noch nicht gesichtet, aber sie waren immer im Salzwasser einer Meerenge unterwegs. Doch wo sie hinführt und ob sie überhaupt vollständig befahrbar ist, müssen sie erst erforschen.

Teile der Mannschaft wollen davon nichts hören: Man habe den Seeweg gefunden, aber nun sei es besser, zurück nach Spanien zu segeln, um dort eine frische Expedition auszurüsten. Das ist keine hergeholte Schlussfolgerung, denn die Vorräte sind wirklich knapp und die Schiffe nicht mehr besonders seetüchtig. Aber Magellan denkt nicht ans Aufgeben. So kurz vor dem Ziel will er nicht umkehren, sondern auch die Ausfahrt aus diesem Kanal entdecken. Sein Wort ist Befehl, und so segeln die Schiffe Ende Oktober vorsichtig in die Meerenge hinein. 

Die Passage ist verwirrend, besteht aus einem Labyrinth von Untiefen und Sandbänken, Inseln und Halbinseln, Buchten, Verzweigungen und Sackgassen. Tag und Nacht erkundet die Armada die Ufer, doch immer wieder heißt es, in einen Seitenkanal vorzufahren, um dann enttäuscht zurückzukehren. Damit sie bei der Suche schneller vorankommen, gehen die Schiffe getrennt auf Erkundungsfahrt. Anschließend treffen sie sich wieder an einem vorher bestimmten Ort. Diese Taktik nutzen die Unzufriedenen auf der „San Antonio“ aus. Eines Tages fehlt das Schiff beim vereinbarten Treffen. Auch nach tagelanger Suche ist es nicht aufzufinden. Selbst wenn es irgendwo zerschellt wäre, müssten in den engen Kanälen wenigstens Spuren davon zu sehen sein. Es ist ein rätselhafter Vorgang, über den Magellan nur spekulieren kann, dessen Erklärung er aber nie erfahren wird.

99 Tage auf unbekannten Wassern

Umkehren ist für ihn dennoch keine Option, und so findet er mit seinen drei verbliebenen Schiffen tatsächlich das Ende der 600 Kilometer langen Durchfahrt. Fünf Wochen hat die Suche gedauert, bis sie am 28. November 1520 aufs offene Meer hinaussegeln können. Aber diesmal ist es ein anderer Ozean, der Pazifische, dessen Existenz nun endgültig bewiesen ist. Magellans Optimismus, seiner Beharrlichkeit und auch seiner Härte gegenüber Kapitänen, Steuerleuten und Matrosen ist es zu verdanken, dass sie erreicht haben, was viele vor ihnen erträumt und erstrebt hatten: den Seeweg um Amerika herum gefunden und damit für Spanien den Zugang Richtung Westen zu den Gewürzinseln geöffnet zu haben – in den Orient, nach China und Indien. Damit hatten sie ganz nebenbei auch die Möglichkeit einer vollständigen Weltumseglung bestätigt.

Mutig nimmt Magellan Abschied von dieser fremdartigen, stürmischen Meerenge, die eines Tages seinen Namen tragen wird, und segelt hinaus auf ein unbekanntes Meer. Weder er noch die 175 verbliebenen Männer auf den drei Schiffen können ahnen, dass ihr Abenteuer jetzt erst richtig beginnt und dass die meisten von ihnen es nicht überleben werden. Quälend lange 99 Tage segeln sie durch die Weiten des Pazifischen Ozeans, die nie ein Europäer vor ihnen gesehen hat, bevor sie westlich der Philippinen zum ersten Mal wieder auf eine Insel treffen. Am 27. April 1521, zwei Wochen bevor am anderen Ende der Welt die Meuterer der „San Antonio“ Spanien erreichen werden, stirbt Magellan bei einem sinnlosen Kampf mit Ureinwohnern auf der philippinischen Insel Mactan. 

Seine Gefährten setzen die Suche nach den Molukken fort und erreichen die Gewürzinseln tatsächlich. Dabei gehen zwei weitere Schiffe und ein großer Teil der Mannschaft verloren. Am 6. September 1522 aber, fast auf den Tag genau drei Jahre nach der Abreise, taucht das Segelschiff „Victoria“ überraschend in Sanlúcar de Barrameda auf. Als einzig verbliebenes der fünf Schiffe von Magellans Armada hat sie den Indischen Ozean und den Atlantik bezwungen, das stürmische Kap der Guten Hoffnung passiert und schließlich den gesamten Globus umrundet. Unter dem Kommando des Bootsmanns Juan Sebastián Elcano kehren allerdings nur 18 von 239 gestarteten Seeleuten heim – mit allerletzter Kraft auf einem kaum noch seetüchtigen Schiff. Ausgerechnet dieser klägliche Rest von Magellans Mannschaft hat die kühnste Seefahrt aller Zeiten vollendet. Die Erzählungen der Meuterer von der „San Antonio“ erweisen sich nun als Lügenmärchen; Magellan ist posthum rehabilitiert.

Verneigung aus der Ferne

Vor Ort am Südzipfel Amerikas sollte die Entdeckung der Magellanstraße im Oktober und November selbstverständlich mit einer ausgiebigen 500-Jahr-Feier gewürdigt werden. Punta Arenas, der einzig nennenswerten Stadt an den Ufern der Meerenge, wurde im Vorfeld der Titel „Kulturhauptstadt Amerikas 2020“ verliehen, und sogar die Besuche des spanischen Königs sowie des chilenischen und des portugiesischen Staatspräsidenten waren angekündigt. Doch mittlerweile hat die Regionalregierung bekannt gegeben, dass man wegen der weiterhin absehbaren Ausgangssperren und Quarantäneverordnungen im Rahmen der Pandemiebekämpfung nicht mit größeren Veranstaltungen rechnen könne. So erweisen wir wenigstens aus der Ferne jenem Ferdinand Magellan Respekt, der als Fernão de Magalhães in Portugal geboren wurde und in spanischen Diensten als Fernando de Magallanes durch Zuversicht, Entschlossenheit und seine Navigationskünste eine Sternstunde der christlichen Seefahrt herbeiführte.

Volker Mehnert
Dr. Volker Mehnert ist freiberuflicher Journalist, Reiseschriftsteller und Buchautor. Seine Reportagen erscheinen seit vielen Jahren in der Frankfurter Allgemeinen Zeitung und zahlreichen anderen Medien. Er hat sieben Jahre in Chile gelebt und von dort aus Südamerika und natürlich die Osterinsel bereist.