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Porträt

Brainstorming am Küchentisch

Porträt - Brainstorming am Küchentisch
Entwickelten im Familienrat eine Briefmarke zugunsten von „End Polio Now“: Frank und Melanie Schmid © Carsten Behler/cb@carstenbehler.de

Bei Schmids in Essen diskutierte die Familie Fundraising-Ideen für Rotary. Seither verschafft eine Briefmarke der Polio-Kampagne gute Einnahmen

Matthias Schütt01.08.2018

Eine Kulturgeschichte des Küchentischs ist noch nicht geschrieben, wäre aber interessant. Denn dieses Möbelstück ist ein zentraler Bezugspunkt vieler Menschen, die in großen wie kleinen Familien regelmäßig dort zusammenkommen. Zum Essen, zum Plaudern, zum Familienrat oder auch zu weitreichenden Entscheidungen über den Familienkreis hinaus. Wer sich an das Thema setzt, sollte unbedingt mit Frank Schmid (RC Essen) und seiner Frau Melanie sprechen, denn an ihrem Küchentisch ist so eine Entscheidung gefallen. Vor sieben Jahren und beinahe zufällig.

Die Idee war geboren
Damals saß das Ehepaar mit seinen Kindern Kai, Tim, Bendix und Jo am Mittagstisch und diskutierte die Ideen des Rotary Clubs, wie man an Geld für die Polio-Kampagne kommen könne. Bill Gates war gerade groß eingestiegen und versprach lukrative Prämien für jeden Euro von Rotary.

„Im Vorstand wurden die üblichen Ideen gewälzt“, erinnert sich Schmid, damals verantwortlich für den Internationalen Dienst. „Natürlich auch das Kekse backen für den Weihnachtsmarkt.“ Aber das kam für den Betreiber von drei Zahnarztpraxen mit über 30 Mitarbeitern nicht infrage. Bei Rotary mit seinen hochqualifizierten Mitgliedern sollte man sich nicht mit Keksen begnügen, das sei weder sinnvoll noch angemessen.

Das Brainstorming am Küchentisch führte zur Idee einer Wohlfahrts-Briefmarke mit festem Spendenanteil. Eine Anfrage bei der Post endete jedoch mit einer Enttäuschung. Die berühmten Wohlfahrtsmarken können nicht für einen bestimmten Spendenzweck gebucht werden. Aber die Postler hatten eine andere Idee, einen damals neuen Service des gelben Unternehmens: die „Briefmarke individuell“. Mit der kann jeder seine eigene Briefmarke kreieren.

Zurück am Küchentisch fasste der Familienrat drei Beschlüsse: Der älteste Sohn Kai, damals 17 und Abiturient, entwirft die Marke, wir drucken eine erste Auflage von 10.000 Stück und Mutter organisiert den Verkauf über die Rotary Clubs in Essen. Das war insofern naheliegend, als Melanie Schmid von Beruf Betriebswirtschaftlerin ist und damals neben dem Haushalt auch den Praxisbetrieb managte.

Kai, der heute Maschinenbau studiert, hatte bereits bei anderer Gelegenheit sein Designtalent bewiesen – „und innerhalb von zwei Wochen lagen die Marken auf dem Tisch, die hoffentlich jeder Rotarier heute kennt“, fasst Melanie Schmid das Ergebnis zusammen. Das ging auch deshalb so schnell, „weil wir das guerillamäßig durchgezogen haben, ohne den Club einzubinden und auch ohne Abstimmung mit Rotary International“.

Nach dem Verkauf der ersten Auflage meldeten sich Schmids in Zürich an und besorgten sich nachträglich das Okay von Rotary International, ein unglaublich langwieriger Abstimmungsprozess über mehrere Monate, wie sie immer noch staunen. Auch der Verkauf war kein Selbstläufer. Nur langsam fand Melanie Schmid ihre Kunden, im eigenen Rotary Club, im Distrikt 1900, unter Geschäftspartnern und auch bei dem einen oder anderen Patienten.

Etwa 100 Clubs in Deutschland beziehen heute die Polio-Marken, die zunächst im Einzelbogen mit 20 Marken, heute mit einer Mindestbestellmenge von 100 Marken versandt werden. „Wir haben inzwischen viele Stammkunden in rotarischen und nicht-rotarischen Kreisen.“

Briefmarke in zwei Ausgaben
Bis heute konnten über 80.000 Briefmarken verkauft werden. Der Erlös für PolioPlus liegt bei über 100.000 Euro. Immer wenn Bestellungen über 10.000 Marken vorliegen, erteilt Melanie Schmid einen Druckauftrag und geht mit 8000 Euro in Vorleistung. Später verschickt sie Marken und Rechnungen an die Besteller, ab 1000 Marken per Wertbrief. Einziges Manko: die häufigen Portoerhöhungen, von 55 auf jetzt 70 Cent für den Normalbrief. Noch heute bestückt sie ihre private Post mit alten Marken und entsprechenden Zusatzwerten.

2017 bekam das Projekt einen neuen Schub, als die deutschen Governors sich das Know-How der Schmids für eine eigene Briefmarke zum Jubiläum der Rotary Foundation zunutze machten. Auch diese Marke, die im Jubiläumsjahr über 140.000 Euro eingespielt hat, wird weiter angeboten, ebenso wie die Polio-Marken aus dem Hause Schmid. Die gibt es in zwei Ausgaben im Nennwert von 70 und 145 Cent. Dazu kommen jeweils die Druckkosten von 10 Cent und der Spendenanteil von 45 Cent.

Eine besondere Beziehung zu Briefmarken hat keiner in der Familie, man suchte einfach nach einer sinnvollen Möglichkeit, Rotary Einnahmen zu verschaffen. „Und dafür ist die Briefmarke geradezu ideal“, sagt Schmid. „Sie ist universell einsetzbar. Jeder kann sie gebrauchen, man kann sie gut transportieren und sie trägt auch noch unsere Botschaft in die Welt“ – „… und sie krümelt nicht“, wie seine Frau mit Blick auf die unvermeidlichen Kekse für den Weihnachtsmarkt ergänzt.

Talente optimal koordiniert
Die Aktion funktioniert nicht zuletzt deshalb so gut, weil die Schmids ihre Talente optimal koordinieren. Seine Visionen, ihr betriebswirtschaftliches Know-how und die strategische Planung am Küchentisch führten auch zum jüngsten Projekt – einer eigenen Bio-Landwirtschaft auf Rügen. „Hier kommt man echt runter, um neue Kraft für neue Visionen zu tanken“, fassen Frank und Melanie Schmid ihre neue Leidenschaft zusammen.

Seit ihrer Schulzeit in Borken sind die beiden ein eingespieltes Team. Die Verbindung hielt auch, als es Frank zum Zahnmedizinstudium nach Italien verschlug und er dort vor der ersten Vorlesung erst einmal Italienisch lernen musste. Während Melanie vor ihrem Studium Banklehre und Hotelfachschule besuchte, musste sich ihr Freund in der Fremde durchbeißen. „Die drei Semester in Florenz waren eine Lektion fürs Leben. Seitdem weiß ich, du kannst alles erreichen, wenn du es nur wirklich willst.“ Siehe Polio-Briefmarke. Zur Not auch mit Guerilla-Methoden.


Melanie und Frank Schmid, RC Essen, beide Jahrgang 1964, fahren als Unternehmer auf mehreren Gleisen. Neben drei Zahnarztpraxen in Essen betreiben sie noch einen Bauernhof auf Rügen und widmen sich ihren vier Kindern zwischen 15 und 24 Jahren. Das sportliche Ehepaar – er läuft, sie golft – arbeitet auch für Rotary erfolgreich zusammen. Dank ihrer Ideen kann die Polio-Kampagne mit dauerhaften Einnahmen rechnen. (www.poliobriefmarke.de).

 

       

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.