Rotary-Porträt: Henner Krauss, RC Bad Reichenhall-Berchtesgaden - Afrika in h-Moll

Henner Krauss setzt auf enge Kontakte. Hier spricht er mit Hayibor Comfort, Oberschwester auf der Neugeborenenstation in Dodi Papase

01.10.2015

Rotary-Porträt: Henner Krauss, RC Bad Reichenhall-Berchtesgaden 

Afrika in h-Moll

Matthias Schütt

Henner Krauss (RC Bad Reichenhall-Berchtesgaden) engagiert sich in Ghana für eine bessere medizinische Versorgung

Wenn Dr. med. Henner Krauss nach Afrika aufbricht, dann immer mit großem Gepäck. Zwei Koffer bis 23 Kilo nimmt die Lufthansa mit auf den Flug nach Accra, in die Hauptstadt von Ghana. Das nutzt er gnadenlos aus. Und dann kann es mitreisenden Kollegen immer noch passieren, dass Krauss kurz nachfragt, ob sie nicht vielleicht noch etwas Platz für ihn hätten.


Er braucht ihn nicht für Abendgarderobe oder Schnorchel-Set, sondern für medizinische Geräte und Ersatzteile. Der 75-jährige Internist, der bis 2005 als niedergelassener Arzt in Bad Reichenhall tätig war, ist im Ruhestand für die German Rotary Volunteer Doctors (GRVD) unterwegs. Dieser Verein kümmert sich um die medizinische Betreuung in unterversorgten Weltgegenden. Nachdem einzelne Rotarier solche Einsätze selbst organisiert hatten, beschlossen sie 1998, dazu einen Verein zu gründen. Zunächst gab es wenige Einsätze, inzwischen wird mit 150 pro Jahr die Kapazitätsgrenze erreicht.


Das Besondere am GRVD-Konzept unterscheidet den Verein von anderen humanitären Ärztegruppen: Die von Rotary ausgesandten Ärzte fahren nicht in Krisengebiete oder bieten eine Basisversorgung in immer anderen Slums an, sondern bauen langfristige Partnerschaften zu Krankenhäusern in ausgewählten Ländern auf: Nepal und Ghana stehen dabei im Fokus, dazu noch Jalna in Indien, wo seit über zehn Jahren ein Arzt aus Hattingen vor allem Verbrennungswunden sowie Lippe-Kiefer-Gaumenspalten operiert. Und genau darum geht es: Es sollen langfristige Kooperationen entstehen, in denen Ärzte aus Deutschland mit ihren Kollegen und dem Pflegepersonal vor Ort das Niveau der Gesundheitsversorgung immer weiter verbessern.


Viel Not – keine Ärzte
Mit diesem Konzept hat GRVD über die Jahre sein Profil geschärft: von einer reinen Ärzte-Vermittlung hin zur Ausstattung ganzer Krankenstationen und zur systematischen Weiterbildung von Ärzten und Pflegern. Dabei stützt sich der Verein auf viele Rotary Clubs, die vor allem mit Global Grants zur Verbesserung der medizinischen Infrastruktur beitragen.


„Dieser Ansatz hat mir sofort zugesagt, als ich 2005 nochmal was Neues machen wollte“, sagt Henner Krauss. Für den Ruhestand fühlte er sich mit 65 noch zu jung, und die Konzepte anderer Organisationen konnten ihn nicht überzeugen. So ging er 2006 das erste Mal nach Akwatia in Ghana, „wo es viel Not gab, aber keine Ärzte“, baute noch im selben Jahr die Kontakte nach Dodi Papase in der Volta-Region auf und wurde schnell zum Dauergast. Dort hat er Ultraschall eingeführt und Ärzten und Assistenten in Kursen das Wesentliche dazu beigebracht. Dass Krauss inzwischen als Koordinator für alle 13 GRVD-Krankenhäuser in Ghana verantwortlich ist, hindert ihn nicht daran, in „seinen“ Krankenhäusern Akwatia, Battor oder Dodi Papase selbst Ambulanz-Sprechstunde zu halten und Visite zu machen. Alle paar Monate ist er in Ghana, denn die 13 Krankenhäuser werden mindestens einmal im Jahr besucht.


„Die Menschen leben in ganz ärmlichen Hütten, aber die Krankenversorgung muss so gut wie möglich sein“, beschreibt er die Diskrepanz zwischen dem Alltag im ländlichen Afrika und dem Anspruch, der ihn als Arzt und Entwicklungshelfer leitet. Man muss ein stabiles Nervenkostüm haben, um diese Diskrepanz auszuhalten; Krauss zieht seine Motivation aus der selbstverständlichen Bereitschaft, mit der die deutschen Kollegen, Krankenschwestern, Hebammen und auch Medizintechniker ihre Arbeit tun, auch wenn es buchstäblich an allen Ecken fehlt.


Erste Palliativversorgung
Ein Projekt, das ihm besonders am Herzen liegt, steht kurz vor dem Start: In Akwatia entsteht die erste Palliativversorgung für HIV-infizierte Frauen. „Sie wurden von ihren Familien verstoßen und werden auch im Krankenhaus wie Aussätzige behandelt. Für sie gibt es nichts: keine Schmerzmittel, keine Versorgung, keine menschliche Zuwendung.“ Da er sich früher schon intensiv um HIV-Patienten gekümmert hatte und u.a. auch im Vorstand des Netzwerks Hospiz für Südostbayern tätig ist, hat Krauss einen Kurs „Einführung in die Palliativversorgung“ veranstaltet und ein Konzept für die Finanzierung einer spezialisierten ambulanten Palliativversorgung (SAPV) entwickelt. Dabei geht es nicht nur um Geld, gerade der menschliche Aspekt ist ihm wichtig: „Es ist beglückend zu sehen, wie sich im Umgang mit diesen Frauen das Verhalten der Schwestern ändert, wenn man ihnen zeigt, dass sie keine Berührungsängste haben müssen.“ Hier wird ein Erfolgsrezept des GRVD sichtbar: Mit den Mitarbeitern vor Ort auf Augenhöhe zusammenzuarbeiten. Das ist in Ghana keineswegs selbstverständlich, wo gesellschaftliche Hierarchien noch eine ganz andere Bedeutung haben als bei uns.


Was der passionierte Bergsteiger und Segler für sich selbst im Ghana-Gepäck hat, ist wenig, aber gehaltvoll: Bücher und Musik, auf jeden Fall die h-Moll-Messe von Bach. Krauss kann sie mit seinem Ipod allein genießen oder über einen kleinen Lautsprecher übertragen. Und manchmal setzt sich dann jemand dazu und teilt die Entspannung bei fremden Tönen im afrikanischen Busch.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2015

Matthias Schütt

Matthias Schütt ist selbständiger Journalist und Lektor. Von 1994 bis 2008 war er Mitglied der Redaktion des Rotary Magazins, die letzten sieben Jahre als verantwortlicher Redakteur. Seither ist er rotarischer Korrespondent des Rotary Magazins und seit 2006 außerdem Distriktberichterstatter für den Distrikt 1940.

 

Rotary Magazin 12/2016

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