01.10.2015

Integration der Flüchtlinge 

Neue Heimat Deutschland

Rafael Seligmann

Gedanken zur Identität unserer Gesellschaft, die sich nicht nur in diesen Tagen auf dramatische Weise verändert, sondern auch in der Vergangenheit immer wieder fundamentalen Wandlungen unterlag.

Eine Welle der Hilfsbereitschaft donnert über Deutschland. Die deutsche Bevölkerung und ihre Regierung unterstützen in präzedenzloser Weise hunderttausende Bürgerkriegsflüchtlinge. Dafür ernten wir Lob in aller Welt. Vor allem aus Ländern, deren Regierungen sich unter vielfältigen Vorwänden nicht bereitfinden wollen, den Flüchtlingen in ihrer Not beizustehen. Das gute Tun sollte uns jedoch nicht davon abhalten, an die nahe Zukunft zu denken. Schneller, als viele annehmen, wird sich in Deutschland die Frage nach der Heimat stellen. Für die Hierher-Gekommenen ebenso wie für das Gros der Deutschen.

Die vor Kriegen Flüchtenden ebenso wie die Zuwanderer aus Staaten, in denen ein Großteil der Bevölkerung in Armut lebt, kommen zum überwiegenden Teil in unser Land, weil sie in Frieden, Sicherheit und Wohlstand leben wollen. Über ihre zukünftige Identität zerbrechen sie sich ebenso wenig den Kopf wie Millionen deutscher Auswanderer, die im 19. Jahrhundert nach „Amerika“ zogen, um der Not in unserem Land zu entkommen. Dort schufteten sie sich hoch. Sie, zumindest ihre Kinder, wurden Amerikaner. Dies geschah nicht allein durch den Wechsel der Staatsbürgerschaft, sondern über eine neue Identität – also aufgrund eines veränderten Bewusstseins und englischer Sprachkenntnisse.

Amerika wurde ihre Heimat. Dies bedeutete einen doppelten Integrationsprozess. Die Zuwanderer mussten bereit sein, die Identität ihrer neuen Heimat anzunehmen. Gleichzeitig trugen die Einwanderer mit ihren Sitten und Gebräuchen zu einer Veränderung ihres neuen Zuhauses bei. Dies wiederum setzt die Bereitschaft der einheimischen Bevölkerung voraus, die Neuen zu akzeptieren, auf sie einzugehen, weil man weiß, dass die „Neuen“ den Grundkonsens der Gesellschaft anerkennen. Es findet also ein wechselseitiger Prozess der Akzeptanz statt. Entscheidend bleibt die Bereitschaft, Teil der neuen Heimat zu sein.

Bei allen spezifischen Unterschieden wird sich der Integrationsprozess der Zuwanderer, die gewillt sind, in Deutschland zu bleiben, in Zukunft ähnlich verhalten. Der Lackmustest ist die Bereitschaft der Einwanderer, auf Dauer dieses Land als ihre Heimat anzusehen und sich hier einzufühlen. In wenigen Monaten, wenn die Anfangseuphorie verflogen sein wird, kommt die Zeit der Fragen. Die deutsche Mehrheitsgesellschaft wird ergründen wollen, welches Gesellschaftsbild unsere Heimat zukünftig haben wird.

Die Frage nach dem Gesellschaftsbild

Bis vor wenigen Jahrzehnten verstand sich Deutschland als homogene ethnische Gesellschaft christlichen Glaubens. Die hier lebenden Juden wurden, sieht man von liberalen Geistern wie Gotthold Ephraim Lessing ab, von der deutschen Mehrheitsgesellschaft nie als gleichwertig oder als „wahre Deutsche“ anerkannt. Da mochten sich die deutschen Hebräer noch so sehr anstrengen. Heinrich Heine etwa ließ sich wie zuvor Karl Marxens Vater christlich taufen, um das „Entreebillet“ zur deutschen Gesellschaft zu erlangen. Heine schrieb Gedichte wie die „Loreley“, die bald unverrückbarer Teil der deutschen Seele und Kultur wurden und bekannte 1839 in Paris: „Oh Deutschland, meine ferne Liebe, / Gedenk’ ich Deiner, wein’ ich fast“.

Siebzig Jahre später empfahl der Industriellensohn Walther Rathenau den hiesigen Juden in seiner Schrift „Höre Israel“ gar, sich „anzurassen“. Vergeblich. Im Kaiserreich wurde Rathenau wie den übrigen Juden das Offizierspatent verweigert. Später in der Weimarer Republik wurde Rathenau als amtierender Außenminister als „Judensau“ geschmäht und 1922 von Rechtsterroristen ermordet. Ein Jahrzehnt später wählten die Deutschen die vehement antisemitische NSDAP zur größten Partei. Nicht jeder Hitler-Wähler war Antisemit, doch alle kannten Hassparolen wie „Deutschland erwache! Juda verrecke!“ oder „Die Juden sind unser Unglück!“, welche Dekaden zuvor vom Historiker Heinrich Treitschke ersonnen worden war. Millionen Hitler-Wähler nahmen den Judenhass der Nazis in Kauf.

Identität und Leitkultur

Erst nachdem die Tätergeneration des Völkermords physisch und intellektuell abgetreten war, besann sich Deutschland in den 80er Jahren des vergangenen Jahrhunderts, dass die hiesigen Juden Teil der deutschen Geschichte, Kultur, Gesellschaft, kurz: der deutschen Identität gewesen waren. Der erste führende deutsche Politiker, der dies öffentlich klar aussprach und den Verlust, den Deutschland mit ihrer Vertreibung und Ermordung sich selbst zugefügt hatte, war Helmut Kohl. Seither beschwören deutsche Politiker zunehmend die deutsch-jüdische Tradition dieses Landes. So lange darf der Integrationsprozess der heutigen Zuwanderer nicht andauern.

Die Aufgabe, die gegenwärtigen Kriegsflüchtlinge auf gelungene Weise in Deutschland zu integrieren, lässt sich mit einer Metapher beschreiben: Ein Ertrinkender wird von Mitgliedern eines Fußballteams aus einem reißenden Fluss gerettet. So weit, so gut. Ob er später Teil der Kickermannschaft wird, hängt nicht nur davon ab, dass der Gerettete sich deren Trikot überstreift, sondern dass die Spieler und er eine gemeinsame Sprache und ein einheitliches Fußballverständnis entwickeln. Gelingt dies, dann ist der neue Spieler eine Bereicherung für die Mannschaft. Ansonsten wird es auf Dauer kein harmonisches gemeinsames Spiel geben.

Ein entscheidendes Kriterium für die Integration der Flüchtlinge und Zuwanderer in Deutschland, ja in Europa, ist die Leitkultur. Der Begriff wurde von dem brillanten syrischen Politologen Bassam Tibi nach der Wiedervereinigung entwickelt. Er bezieht sich auf das Gutheißen der Trennung von Kirche und Staat, der hiesigen Gesetze und Sitten, und – so muss hinzugefügt werden – das Erlernen der deutschen Sprache. Wer dazu nicht bereit ist, der mag zwar die deutsche Staatsbürgerschaft erwerben, es wird ihm jedoch nicht gelingen, in Deutschland eine neue Heimat zu finden. Schlimmer noch: Er oder sie erschwert den eigenen Kindern und Nachkommen die Integration in die Gesellschaft dieses Landes.

Der konservative und orthodoxe Islam kennt keine Trennung von Kirche und Staat. Obgleich in Ländern wie Syrien, Libanon, Irak, Afghanistan seit Jahrzehnten offiziell der Staat formalgesetzlich unabhängig von den Religionsgemeinschaften ist, besteht de facto eine Übereinstimmung zwischen Moschee und Staat, wie dies in Iran und Saudi-Arabien formalisiert ist. In den Bürgerkriegen der oben erwähnten Länder wird im Wesentlichen über die Rolle der Religion gekämpft. Viele der hierher Kommenden sind gegenwärtig noch nicht bereit, Staat und Gesetz eine Priorität gegenüber religiösen Bestimmungen einzuräumen.

Voraussetzung für eine Einordnung der Flüchtlinge wird sein, ihnen deutlich zu machen, dass sie nur Teil der Gesellschaft dieses Landes werden können, wenn sie das religiöse Bekenntnis als ihre Privatangelegenheit ansehen, dem Staat, seinen Gesetzen und Organen jedoch eine Vorrangstellung einräumen. Sind sie einmal Bürger dieses Landes, dann steht es ihnen frei, auch am politischen und legalen Prozess mitzuwirken. Mangelt es ihnen an der Bereitschaft zur gesellschaftlichen Integration, dann ist die Konsequenz die Bildung von Parallelgesellschaften, von Ghettos.

Ein abschreckendes Beispiel für eine fehlgeschlagene Integration sind die Banlieues der französischen Städte. Obgleich die Zuwanderer die Landessprache beherrschen, sind weder sie bereit, sich in die französische Gesellschaft einzuordnen, noch ist die Mehrheit willens, die einstigen Immigranten oder deren Nachkommen als ihresgleichen zu akzeptieren. Konflikte, ja gewalttätige Auseinandersetzungen haben bereits stattgefunden, zukünftige Zusammenstöße sind vorprogrammiert.

Eine Gemeinsame Aufgabe

Die Aufnahme der Flüchtlinge kann gelingen, wenn sie in einem vernünftigen Rahmen geschieht. Das heißt, wenn Deutschland versucht, einen angemessenen Anteil der Immigranten aufzunehmen, und dabei von den übrigen Ländern Europas und den USA unterstützt wird. Ansonsten werden die Kräfte Deutschlands überbeansprucht. Es geht nicht an, dass Staaten wie Großbritannien gerade einmal ein Promille der deutschen Zuwanderer bei sich aufnehmen.

Die Deutschen sind heute weltoffener als je zuvor. Die Zuwanderer und wir haben die Chance, voneinander zu profitieren. Doch dies kann nur gelingen, wenn der bestehende legale und gesellschaftliche Rahmen von allen Seiten akzeptiert wird. Nur wenn alle Seiten willens sind für die Integration der Zugewanderten, wird die Voraussetzung geschaffen, dass Deutschland ihre Heimat wird.

Erschienen in Rotary Magazin 10/2015

Rafael Seligmann
Dr. Rafael Seligmann  (RC Berlin-Gendarmenmarkt) ist Historiker und Publizist sowie Chefredakteur der in Deutschland erscheinenden englischsprachigen Zeitung Jewish Voice from Germany. Zuletzt erschien seine Autobiografie „Deutschland wird dir gefallen“ (Aufbau 2010). jewish-voice-from-germany.de

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