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Interview

„Probleme in bestimmten Ballungszentren“

Interview - „Probleme in bestimmten Ballungszentren“
Michael Frenzel, Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft © Caro / Bleicker / fotofinder.com

Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft, Michael Frenzel, über Verantwortung, unpopuläre Entscheidungen und die Schönheit dieser Welt

Anne Klesse01.10.2018

In seinem Vorzimmer hat er auf einer großen Karte stets die Welt vor Augen. Dr. Michael Frenzel, 1947 in Leipzig geboren und 1955 mit seinen Eltern in den Westen übergesiedelt, gerät schnell ins Schwärmen, tippt auf Orte, an denen er schon war, beruflich, privat. Große Metropolen oder exotische Inseln genauso wie Mallorca oder Florida. Ein paar Schritte weiter, in seinem Büro, hat er einen unverbauten Blick auf das Portal des Opernhauses gegenüber. Der Präsident des Bundesverbands der Deutschen Tourismuswirtschaft (BTW) hat sein Büro nicht in Berlin, wo der Verband seinen Sitz hat, sondern in Hannover. Er pendelt regelmäßig.

Herr Dr. Frenzel, in diesem Sommer machte das Thema Overtourism die Runde, also eine eher ungesunde Entwicklung, bei der bestimmte Reiseziele so voller Touristen sind, dass es zu Konflikten mit den Einheimischen kommt. Das Gedränge in Venedig oder Barcelona kennt jeder, der mal dort war. Aber auch in Deutschland, zum Beispiel in Berlin-Mitte, beschweren sich Anwohner über zu viele Ferienwohnungen oder Lärmbelästigung durch Partytouristen. Haben Sie dafür Verständnis?

Frenzel: „Vielleicht hätten sonst andere die Entscheidung für mich getroffen“ © caro / bleicker / fotofinder.com

Natürlich. Ich bin ja UN-Sonderbotschafter für nachhaltigen Tourismus. Schon vor Jahren habe ich darauf hingewiesen, dass die Branche eine Verantwortung gegenüber den Reisezielen und der einheimischen Bevölkerung hat. Das ist auch im eigenen Interesse, denn die Reiseziele sollen ja erhalten bleiben. Die Gefahr besteht, dass die Tourismusbranche Opfer ihres eigenen Erfolgs und Wachstums wird. Die Medaille hat aber zwei Seiten. 92 Prozent der Urlauber kommen beglückt wieder nach Hause. Für die Urlaubsländer selbst ist der Tourismus ein wichtiger Wirtschaftsfaktor. Drei Millionen Menschen sind allein in Deutschland im Tourismus beschäftigt und erwirtschaften vier Prozent des Bruttosozialprodukts. Weltweit macht der Tourismus sogar sechs Prozent aus, jeder Siebte ist mitttelbar in der Tourismusindustrie beschäftigt, die weltweit jedes Jahr um vier Prozent wächst. Das ist enorm. Nachhaltiges Wachstum ist alternativlos. Die Frage ist also: Wie kann man die Auswirkungen auf Umwelt und Bevölkerungsstruktur kontrollieren, Exzesse verhindern? Damit werden wir in den kommenden Jahren viel zu tun haben. Momentan gibt es punktuell Probleme in bestimmten Ballungszentren. Das hängt zum Teil auch mit der Verdrängung von Wohnraum durch die Vermietung an Feriengäste zusammen. Auf Mallorca und in Barcelona gab es berechtigte Proteste von Einwohnern. Da ist Regulierung gefragt, das wird der Markt nicht allein regeln. Im Wohnraumbereich kann man etwa durch Steuern und Auflagen regulieren. Wir müssen zudem Randdestinationen attraktiver machen. Auch kann man überlegen, Kontingente zu steuern. Ein gutes Beispiel sind die Galapagos-Inseln. Dort wird die Zahl der Besucher begrenzt. Die Branche hat ein elementares Interesse daran, dass das Urlaubserlebnis erhalten bleibt, Ziele erhalten bleiben, Qualität bleibt. Und wir haben eine übergeordnete Verantwortung, die Schönheit dieser Welt für nachfolgende Generationen zu bewahren.

Dem kürzlich veröffentlichten Tourismusindex zufolge verbringen die Deutschen allerdings die meiste Zeit des Urlaubs im eigenen Land...
Das stimmt, allerdings sind in diesen Zahlen nicht nur die klassischen Urlaube, sondern auch die Ausflügler, Besuche bei Verwandten usw. eingerechnet. Zugenommen hat in der Tat die Anzahl der Reisetage, die wir hier verbringen. Die Gäste leisten sich nicht mehr wie früher nur einen Haupturlaub im Jahr, sondern sie gönnen sich über das Jahr auch Kurztrips. Deutschland hat an Popularität gewonnen, auch vom Image her. Völlig zu Recht, es gibt wunderschöne Orte in diesem Land zu entdecken. Natürlich ist das auch vom Wetter abhängig. Da hatten wir dieses Jahr großes Glück. Allgemein differenziert sich der Tourismus immer mehr aus. Früher war das Motto „Sun and Beach“. Man fuhr irgendwo hin, legte sich an Strand oder Pool, fuhr wieder weg. Das hat sich verändert. Die Leute machen Kultururlaub, Sport, sie spielen Golf, wandern. Das entzerrt auch. Das müssen wir weiter fördern.

Nach dem größten europäischen Touristikkonzern, der TUI Group, hat nun auch Europas Nummer zwei, Thomas Cook, die Mitgliedschaft in Ihrem Verband gekündigt. Haben die Interessen des Dachverbandes der deutschen Reisebranche denn überhaupt noch politisches Gewicht?
Der BTW ist 1995 gegründet worden als Bündelung der Einzelverbände in der Tourismusbranche. Neben den Unternehmen sind somit vor allem die Fachverbände der verschiedenen Branchensegmente Mitglieder.  Wir als Spitzenverband vertreten die gemeinsamen politischen Interessen in Berlin und Brüssel. Wir weisen auf die Bedeutung des Tourismus hin, treten für branchenübergreifendes nachhaltiges Wachstum ein, werben für gute wirtschaftliche und finanzielle Rahmenbedingungen. All das bleibt relevant. Wir bedauern die Austritte sehr, allerdings sind beide Unternehmen über den Deutschen Reiseverband, den DRV, ja weiterhin bei uns Mitglied.

Ist die Zeit der großen übergreifenden Interessenverbänden vielleicht einfach vorbei?
Nein. Im Gegenteil. Gerade, da vieles für ganz Europa in Brüssel entschieden wird, brauchen wir eine starke politische Stimme des deutschen Dachverbandes. Da reichen nicht die vielen Einzelstimmen der Branchensegmente mit ihren jeweiligen Partikularinteressen. Die gehen im großen Chor häufig einfach unter. Es ist wichtig, Kontakte zu wichtigen Entscheidungsträgern zu pflegen, ein Netzwerk zu haben. Das sehen Sie auch bei Rotary: ein gemeinsames Ziel haben, mit einer Stimme sprechen, dann ist man stark und erreicht etwas.

Zum Thema Entscheidungen – welche Überlegungen sind Ihrer Entscheidung, als langjähriges Mitglied des Aufsichtsrats der Deutschen Bahn im Juli zurückzutreten, vorangegangen?
Die Bahn als Verkehrssystem finde ich wirklich toll und schätze die Arbeit des Vorstandes sehr. Ich war jahrelang sehr gern im Aufsichtsrat, deswegen hat es mir besonders wehgetan, diese Entscheidung zu treffen. Vielleicht hätten sonst andere die Entscheidung für mich getroffen.

Also war es keine freiwillige Entscheidung?
Während in den letzten Jahren Topmanager aus der Wirtschaft im Bahn-Aufsichtsrat saßen und gute Arbeit gemacht haben, wurde während der Koalitionsverhandlungen in Berlin 2016 die Entscheidung getroffen, einen anderen Weg zu gehen und den politischen Einfluss bei der Bahn zu stärken. Ich halte diese Entscheidung für falsch und habe dies auch deutlich artikuliert. Es besteht die Gefahr, dass verkehrspolitische Entscheidungen am Ende auch zulasten von Effizienz und Qualität getroffen werden. Berühmtes Beispiel dafür ist der ICE, der an jeder Milchkanne hält. Aktuell gibt es in Berlin genau diese Idee, auf manchen ICE-Strecken mehr Haltepunkte zu schaffen, um Impulse für die ländlichen Regionen zu setzen. Das ist natürlich ein berechtigtes Interesse, aber zulasten der Bahn. Längere Fahrzeiten werden viele Kunden abschrecken. Die verkehrspolitische Zielsetzung einer entwicklungspolitischen unterzuordnen setzt eine falsche Priorität.

Haben Sie je eine Entscheidung bereut?
Die Frage stellt sich nicht für mich. Ich bin jemand, der immer nach vorne schaut. Ich wäge vor jeder Entscheidung die Vor- und Nachteile ab. Es liegt mir nicht zu fragen, was wäre gewesen, wenn? Im Nachhinein zu zweifeln bringt niemandem etwas. Man muss mit sich im Reinen sein, akzeptieren, dass man eine Entscheidung in dem Moment so getroffen hat, wie man es für das Beste hielt. Und dann damit leben.