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Entscheider

„Die Welt ist nicht schwarz oder weiß“

Entscheider - „Die Welt ist nicht schwarz oder weiß“
Chefin des größten U-Bahn- und Bus-Netzes im deutschsprachigen Raum: Sigrid Nikutta © Thomas Meyer/Ostkreuz /xxpool

Als Chefin der Berliner Verkehrsbetriebe führt Sigrid Nikutta das Unternehmen als erste Frau an der Spitze in die Mobilität der Zukunft

Anne Klesse01.11.2018

Dr. Sigrid Nikutta trägt einen Schal der hauseigenen Kollektion im getupften Sitzbankmuster der Berliner U-Bahn. Das Corporate-Identity-Design erlangte bundesweit Bekanntheit, als die Berliner Verkehrsbetriebe (BVG) Anfang des Jahres mit Adidas einen limitierten Turnschuh, der gleichzeitig als Jahreskarte gilt, herausbrachte. Vor dem Verkaufsstart campierten Fans vor den Geschäften, Sammler bieten Tausende Euro für die Sneakers. Dass der Chef persönlich „CI“ trägt, ist eher ungewöhnlich. Die 49-Jährige führt seit Oktober 2010 als Vorstandsvorsitzende und Vorstand Betrieb die BVG. Die in Ostwestfalen aufgewach sene promovierte Psychologin ist die erste Frau an der Spitze des 14.000 Mitarbeiter starken Unternehmens. Unter ihrer Führung erwirtschaftete die BVG 2014 erstmals in der Unternehmensgeschichte ein positives Betriebsergebnis.

Nikutta ist Mutter von fünf Kindern. Über Privates spricht sie nicht gern. Im Buch „100 Jahre Frauenwahlrecht“ (Ulrike Helmer Verlag, 2017) jedoch rät sie jungen Frauen, die Karriere machen wollen: „Erstens Technik und Informatik studieren und sich zweitens den Partner/die Partnerin genau angucken. Die Auswahl des richtigen Menschen an der Seite ist bereits ein entscheidender Karriereschritt.“ Sie ist also pragmatisch. In ihrem Büro fällt vor allem der spektakuläre Blick mit Goldelse, Nikolaikirche, Rathaus und Fernsehturm auf.

Sigrid Nikutta ist Vorstand von 14.000 Mitarbeitern in der Hauptstadt. © Thomas Meyer / Ostkreuz /xxpool 

Frau Dr. Nikutta, wie sind Sie heute Morgen zur Arbeit gekommen?
Ich bin, wie immer, mit der BVG zur Arbeit gefahren. Das ist schneller und bequemer als mit dem Auto. Ich stehe nicht im Stau, die lästige Parkplatzsuche entfällt, und ich kann während der Fahrt meinen Tag strukturieren. Morgens lese ich im Smartphone die Tageszeitungen. Abgesehen davon finde ich es wichtig, das öffentliche Nahverkehrssystem in Berlin live zu testen. Ich komme mit Menschen ins Gespräch und bekomme in den allermeisten Fällen eine positive Rückmeldung. Auch an den Wochenenden fahre ich selten Auto. Mein Mann und ich besitzen zwei Lastenfahrräder. Damit kann man auch größere Einkäufe gut transportieren. Und tut noch etwas für seine Gesundheit!

Um sich Inspiration im Ausland zu holen, waren Sie dieses Jahr zweimal in China. Was kann die BVG von Nahverkehrsunternehmen dort lernen?
Im Frühjahr war ich mit einer Wirtschaftsdelegation unterwegs, im Sommer noch einmal mit einer Verkehrsdelegation. So konnte ich etliche Großstädte besuchen. Besonders beeindruckt hat mich Shenzhen im Südosten Chinas. Eine Stadt mit mehr als zwölf Millionen Einwohnern, dramatisch schnell gewachsen. Der gesamte Busverkehr wurde zwischen 2009 und 2017 komplett umgestellt, nun fahren dort 17.000 Elektrobusse. Die Chinesen sind uns etwa zehn Jahre voraus. Es hat mir imponiert, mit welcher Entschlossenheit das Thema dort vorangetrieben wurde. Das liegt natürlich auch daran, dass die Umwelt- und Luftverschmutzungsproblematik eine ganz andere Dramatik hat als hier. Mein wichtigstes Fazit war: Es geht. Man kann ein komplexes Nahverkehrssystem rein elektrisch betreiben.

Erste Elektrobusse fahren jetzt auch durch Berlin, allerdings scheinen sie recht störungsanfällig. Wo liegen die Grenzen des Ausbaus?
Aktuell fahren zwei Drittel der BVG-Fahrzeuge elektrisch, die U- und Straßenbahnen ja ohnehin seit jeher. Elektrobusse schaffen bis zu 130 Kilometer am Stück, die Busse in Berlin müssen aber täglich die doppelte Strecke zurücklegen. Das erfordert viel Logistik: Ladestationen und Betriebshöfe müssen geschaffen werden. Die Investitionen werden im einstelligen Milliardenbereich liegen. Unser Ziel ist es, im Jahr 2030 komplett emissionsfrei unterwegs zu sein, so ist es auch im Berliner Mobilitätsgesetz verankert. Wir gehen davon aus, dass die Umstellung flächendeckend zu schaffen ist. Da hoffen wir natürlich auf Innovationssprünge, gerade in der Batterietechnik, sodass die Reichweite verbessert und Ladezeiten verkürzt werden. Zusätzlich sind Recyclingrezepte wichtig. Es kommt ja immer auf die Gesamtökobilanz an. Wir wollen nur noch Strom aus grünen Energiequellen. In China kommt der Strom für die E-Busse aktuell aus Kohlekraftwerken. Das kann nicht das Ziel sein.

Wie sieht Ihre Vision von Mobilität der Zukunft aus?
Unsere Vision haben wir zusammengefasst in dem Slogan #BerlinSteigtUm. Im Moment steht jeder Berliner durchschnittlich 107 Stunden pro Jahr im Stau, 62 Stunden verbringt er mit der Parkplatzsuche. Das ist zwar nicht der Spitzenwert in Deutschland. Berlin hat den niedrigsten individuellen Automobilisierungsgrad in Deutschland, auf 1000 Einwohner kommen 300 Autos. Dennoch wird der Verkehr durch die steigenden Einwohnerzahlen stetig mehr. Wir glauben, dass mehr Raum in der Stadt, mehr Platz auf den Straßen die Lebensqualität jedes einzelnen Menschen steigern wird. Deshalb wollen wir das eigene Auto überflüssig machen. In einen Bus passen 100 Fahrgäste, in eine Straßenbahn 400, in unsere U- und S-Bahnen 600 bis 800. Das Konzept heißt Bündelung. Weitere Mobilitätsangebote werden folgen, sodass die Mobilitätskette engmaschiger wird. Gerade haben wir einen Kleinbus on demand gestartet, den man über eine App buchen kann. Es wird weitere Mobilitäts-Hubs geben, an denen man umsteigen kann auf Leihfahrräder oder Carsharing. Dafür wollen wir die Plattform sein, über die alle Angebote gefunden, reserviert und bezahlt werden. Auch die Fuß- und Radwege müssen ausgebaut werden. In Hongkong fahren 90 Prozent der Menschen mit den Öffentlichen – einfach weil es bequemer ist. Das ist mein Ziel. 

Seit einiger Zeit wird jedoch über Ihren Weggang spekuliert …
Da habe ich mir ein dickes Fell zugelegt. Es wird immer viel geredet. Bei der BVG haben wir noch einige Herausforderungen, die ich angehen will. Die Mobilitätswende ist eine spannende und große Aufgabe. Nahverkehr hatte lange Zeit kein innovatives Image. Da stehen wir gerade an einem Wendepunkt: Wir können zeigen, dass im Nahverkehr die Lösung für überfüllte Innenstädte liegt.

Die Arbeitnehmervertreter der BVG beklagten kürzlich in einem offenen Brief einen personellen und technischen Notstand. Es sei in den letzten Jahren zu viel Geld für Unternehmensberatungen ausgegeben worden, anstatt in Personal und Infrastruktur zu investieren. Wie gehen Sie mit solcher Kritik um?
Ich bin mit den Arbeitnehmervertretern im intensiven Dialog. Solche Aktionen zielen ja oft eher in Richtung der Geldgeber. Wir sind ein landeseigenes Unternehmen. Es ist ja so: Berlin hat das größte und älteste Nahverkehrssystem Deutschlands. Unsere U-Bahnhöfe sind zum Teil über 100 Jahre alt und damit Dauerbaustellen, was die Instandsetzung betrifft. Es ist aktuell eine große Herausforderung, alle Bahnhöfe barrierefrei umzurüsten, auch in die alten denkmalgeschützten Gebäude Fahrstühle einzubauen, sie mit Blindenleitsystemen auszustatten usw. Unser größtes Verbesserungspotenzial haben wir in der Geschwindigkeit, mit der solche Projekte abgeschlossen werden. Aber insgesamt bin ich sehr zufrieden, und ich glaube, die Mitarbeiter sind es auch.

Unter Ihrer Führung schreibt die BVG seit 2014 erstmals in ihrer Geschichte schwarze Zahlen. Sie scheinen also einiges besser gemacht zu haben als Ihre (männlichen) Vorgänger. Wie treffen Sie schwierige Entscheidungen?
Für mich sind immer Zahlen, Daten, Fakten wichtig. Sie zu kennen ist die Basis jeder Entscheidung. Ich bin der festen Überzeugung, dass viele Entscheidungen auf unzureichenden Fakten getroffen werden – und bei der BVG vor meiner Zeit getroffen wurden. Ich mag schnelle Entscheidungen auf Basis von Fakten unter Einbeziehung des Bauchgefühls und Hinzuziehung der entsprechenden Experten. Wir diskutieren im Vorstand oft über Themen, denn die Welt ist nicht schwarz oder weiß. Alle Aspekte sollten einmal kurz beleuchtet werden. Dabei ist mir wichtig, dass sich jeder tatsächlich kurz fasst. Wer wochenlang Entscheidungen aussitzt oder immer wieder weitergehende Informationen haben möchte, ohne zum Ende zu kommen, kann ein Unternehmen lähmen. Ein häufig zu beobachtendes Phänomen.

Welche Entscheidung haben Sie zuletzt bereut?
Jede Entscheidung ist immer nur so gut wie die Informationslage zu dem Zeitpunkt. Wenn es neue Informationen gibt, neue Fakten, dann muss die Entscheidung gegebenenfalls korrigiert werden. Damit habe ich kein Problem und kommuniziere das auch. 

Glauben Sie, dass Frauen in Führungspositionen anders entscheiden?
Ich würde jedenfalls nie aus Eitelkeit an einer Entscheidung festhalten. Ohne hier kategorisieren zu wollen, glaube ich, das machen Männer eher. Meiner Erfahrung nach sind Frauen viel sachbezogener und faktenorientierter als Männer. Obwohl man oft das Gegenteil unterstellt. Ich bin hier die erste Frau an der Spitze. Anfangs bekam ich furchtbare Entscheidungsvorlagen: Da stand ein bisschen Gesülze und dann die Empfehlung. Ich habe dann immer wieder gefragt: Auf welcher Basis kommt ihr zu dieser Empfehlung? Welche Daten unterfüttern diese Empfehlung? Da musste sich das Haus erst umstellen.